Natur Hochwasserkatastrophe auch vielerorts in Thüringen möglich

Kann eine Hochwasser-Katastrophe wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz auch Thüringen treffen? Experten sagen: ja. Sowohl Mittelgebirgsregionen als auch Städte, die in einer Flussaue liegen, seien gefährdet - so wie Jena. "Es gibt keine Schwerpunkte für Unwetter", sagt Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Also sei Thüringen genauso gefährdet wie alle anderen Bundesländer.

Heftiger Regen hat in Regionen Thüringens zu Hochwasser geführt.
Anfang Juni ist es in Thüringen nach heftigem Regen bereits zu Überschwemmungen gekommen wie hier im Wartburgkreis. (Archiv) Bildrechte: Paul-Philipp Braun/MDR

Die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands kann sich nach Ansicht von Experten überall und jederzeit wiederholen. "Es kann und wird auch passieren", erklärt Kai Uwe Totsche, Professor für Hydrogeologie am Institut für Geowissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In Thüringen seien nicht nur die Mittelgebirgsregionen wie Thüringer Wald oder Südharz gefährdet, sondern auch Städte und Kommunen, die - wie zum Beispiel Jena - in einer Flussaue liegen. Auch Städte wie Erfurt, Weimar oder Gera seien im Ernstfall sehr gefährdet. Es könne alle treffen.

Trockene Flächen sind besonders gefährdet

Überall dort, wo sich Wasser von Berghängen seinen Weg ins Tal sucht, können sich bei entsprechender Extremwetterlage Rinnsale und Bäche in reißende Flüsse verwandeln. Von Erdrutschen und Unterspülungen seien besonders jene Hänge bedroht, an denen die Vegetation aufgrund von Trockenheit in den vergangenen Jahren besonders gelitten hat. "Dort wo in Thüringen große Flächen - zum Beispiel an Fichten - abgestorben sind, können Erdmassen in Bewegung geraten," sagt Totsche.

Kleine Flüsse verstärkt beobachten

Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sieht das ähnlich. Eine Datenauswertung der vergangenen Jahre habe zudem gezeigt, dass sich Gewitter mit den entsprechenden Unwettern gleichmäßig über Deutschland verteilen. "Es gibt keine Schwerpunkte", sagt er. Also sei Thüringen genauso gefährdet wie alle anderen Bundesländer.

Das Wasser braucht seinen Platz, wo es sich bei Extremniederschlägen ausbreiten kann. Noch immer gebe es auch in Thüringen zu viele versiegelte Flächen, sagt Rene Orth vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. An großen Flüssen wie der Elbe wurden in den letzten Jahren Flächen für Überflutungen geschaffen. Nach Ansicht von Orth muss jetzt verstärkt auf die kleinen Flüsse geschaut werden. Sie sind viel stärker von den meist sehr lokal begrenzten Extremniederschlägen betroffen als große Flüsse.

Kommunikation soll verbessert werden

Was Investitionsprogramme für den Klimaschutz betrifft, ist Thüringen laut Kai Uwe Totsche nicht schlecht aufgestellt. Was aber dringend verbessert werden müsse, sei die Kommunikation und Information der Menschen darüber, was im Notfall zu tun ist. "Menschen müssen sensibilisiert werden, nicht nur für die Gefahren bei Hochwasser", so Totsche. Dass in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen Menschen etwa in ihren Kellern umkamen, zeige, wie sehr sie die Gewalt des Wassers unterschätzt haben.

Aber nicht nur während der Katstrophe müsse man sich richtig verhalten, sondern vor allem davor. Jeder Gemeinderat, jeder Hausbesitzer, jeder Einzelne müsse sich Gedanken machen. "Deshalb braucht es Klimaschutzbeauftragte in jeder Kommune. Und wenn sich eine Stadt keinen leisten kann, dann braucht sie trotzdem Expertise und Handlungsempfehlungen", sagt Totsche. "Ein Baudezernat muss Entscheidungen immer auch unter dem Aspekt Klimaschutz und Klima-Folgen sowie Wetter- und Witterungsextreme treffen."

Wie sicher sind die Talsperrensysteme?

Anke Hildebrandt, Professorin für Terrestrische Öko-Hydrologie an der Uni Jena, fordert, jetzt genau hinzuschauen, was in der Eifel schiefgegangen ist. Hochwasser sei für niemanden eine Alltagserfahrung. Gerade deshalb müsse das Geschehen in den kommenden Wochen genau analysiert werden, um daraus zu lernen. Wie haben zum Beispiel die Talsperren funktioniert? "Talsperren werden gebaut und bemessen aufgrund von Erfahrungen," erklärt Hildebrandt. "Wir lernen ingenieurtechnisch aus der Vergangenheit, aber Erfahrungen mit solchen Wassermassen hatten wir bisher nicht."

Wir lernen ingenieurtechnisch aus der Vergangenheit, aber Erfahrungen mit solchen Wassermassen hatten wir bisher nicht.

Anke Hildebrandt Uni Jena

Weniger als jeder Zehnte nutzt Warn-App

In Thüringen nutzen weniger als zehn Prozent der Einwohner die Warn-App NINA. Das sagte ein Sprecher des Innenministeriums MDR THÜRINGEN. Es gebe rund 204.000 abonnierte Orte. Da manche Nutzer aus familiären oder beruflichen Gründen mehrere Orte anwählten, liege die Zahl der Abonnenten etwas darunter.

Innenminister Georg Maier (SPD) appellierte angesichts der Unwetterkatastrophen in Deutschland erneut, die Warn-App auf dem Handy zu installieren. Über dieses System könnten Gefahrenwarnungen sehr gezielt und rechtzeitig veröffentlicht werden, auch im Fall von schwierigen Wetterlagen.

NINA ist die Abkürzung für Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes. Sie startete 2015. Deutschlandweit wird die Zahl der Nutzer mit rund 8,8 Millionen angegeben. Das entspricht in etwa einem Zehntel der Einwohnerzahl.

Thüringen will Alarmsirenen-Netz erhalten

Thüringen setzt bei der Katastrophenwarnung auf einen Mix aus Analog und Digital. Das Land verfüge zum Glück immer noch über ein dichtes Netz an Alarmsirenen, sagte Innenminister Georg Maier (SPD) am Montag in Erfurt. Im Gegensatz zu anderen Ländern habe Thüringen in den neunziger Jahren nicht den Fehler gemacht, die Sirenen abzubauen und ausschließlich auf Warn-Apps zu setzen.

Die Sirenen seien oftmals nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Das Land werde in diesem und den kommenden Jahren Geld dafür ausgeben, dass die Sirenen erneuert und digital angesteuert werden können. Maier räumte ein, dass nicht jeder Bürger jeden Sirenenton kennen könne. Wer aber einen Warnton höre, solle sofort Radio und Fernsehen einschalten, sagte der Innenminister. Hintergrund der Initiative sind Untersuchungen, wonach nur rund zehn Prozent der Bundesbürger Warn-Apps wie NINA oder KatWarn auf ihrem Handy haben.

Mehr Gewicht auf Katastrophenschutz legen

Auch der Thüringer Feuerwehrverband forderte den Ausbau der Warn-Infrastruktur. Gerade in den Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen seien die Warnungen zum Teil sehr kurzfristig erfolgt, sagte Michael Schwabe, der im Vorstand für Katastrophenschutz zuständig ist. Zudem müsse bei der Ausbildung der Feuerwehrleute wieder mehr Gewicht auf den Katastrophenschutz gelegt werden. Dieser sei in den letzten Jahren etwas ins Hintertreffen geraten. So habe der Schwerpunkt in den letzten Jahren eher auf der Bekämpfung von Waldbränden gelegen. Das letzte schwere Hochwasser hatte Thüringen 2013 heimgesucht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. Juli 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

augu vor 8 Wochen

In der DDR gab es mal ein Programm im Rahmen dessen Rückhaltebecken an Bächen und kleinen Flüssen gebaut wurden, zum Hochwasserschutz und um Wasser für Bewässerung in Trockenzeiten zu sammeln. Fortgesetzt wurde dieses Programm nach der Wende nicht. Warum eigentlich ?

Maria A. vor 8 Wochen

Egal, was nun hervor gesucht wird an Kommunikationsmängeln oder anderen Defiziten - angesichts des Fotos von mir Würdigung und von Herzen kommender Dank den Einsatzkräften, die in den Hochwassergebieten unermüdlich im Einsatz waren und es teils noch sind. Es ist absolut nicht selbstverständlich, was diese Menschen in Krisensituationen bewältigen müssen.

Critica vor 8 Wochen

Naturkatastrophen haben nicht pers se etwas mit "Klima..." zu tun. Naturkatastrophen gab es auch vor hunderten von Jahren schon. Da was das Wort "Klima" noch nicht bekannt. :)
Nach jeder Katastrophe wollen immer alle Politiker alles besser machen - und dann?
Auch Thüringer wird es treffen, dummerweise immer diejenigen, den das Geld nicht auf Bäumen wächst, sondern die hart dafür arbeiten müssen, Betonung auf "hart".
Und wieder wird dann aus der politischen Ecke "das Blaue vom Himmel" versprochen.
Es wiederholt sich...

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