Viel Aufwand, fraglicher Ertrag Homeoffice-Verordnung sorgt für Unmut bei Thüringer Unternehmern

Wo es möglich ist, sollen Arbeitnehmer in Heimarbeit arbeiten. Was für Software-Mitarbeiter gut funktioniert, ist für Techniker nicht möglich. Thüringer Unternehmer über den Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Homeoffice
Wann ist ein Homeoffice ein Homeoffice und wer kann dort arbeiten? Bildrechte: imago images/CTK Photo

Im normalen Tagesgeschäft sind Kerstin Schreiber und ihre Mitarbeiter der Firma Funkwerk aus Kölleda viel unterwegs. Wo es geht, werden Kunden zwar digital betreut. Die Funksysteme für Züge oder Anzeigetafeln an Bahnsteigen, die das Unternehmen entwickelt, müssen aber nach wie vor vor Ort verbaut werden. Das gilt auch in der Pandemie.

Funkwerk-Chefin Schreiber hat im vergangenen Jahr viel Energie und einen hohen fünfstelligen Geldbetrag investiert, um ihren Betrieb in Pandemiezeiten sicher am Laufen zu halten, angefangen bei Desinfektionsspendern über kostenlose Masken für ihre Angestellten bis zur Möglichkeit zur Arbeit von zu Hause.

Jeder Unternehmer will seinen Beitrag leisten und hat größtes Interesse, dass die Pandemie so schnell wie möglich endet.

Kerstin Schreiber, Funkwerk Kölleda

Geschäftsführerin Funkwerk Kölleda Kerstin Schreiber
Geschäftsführerin Funkwerk Kölleda Kerstin Schreiber Bildrechte: MDR/Funkwerk Kölleda

Dass die Bundesregierung nun erneut die Unternehmer als Verantwortliche für den Infektionsschutz herausstellt und mehr Homeoffice einfordert, ärgert sie. "Für das Gros unserer Mitarbeiter ist das schlicht nicht möglich", sagt Schreiber. Das gelte nicht nur für die 70 Mitarbeiter in der Produktion, sondern auch für viele andere der insgesamt 250 Beschäftigen in Kölleda, deren Büroarbeitsplätze im Fokus der Verordnung stehen.

Bußgelder bis zu 30.000 Euro

Seit dem 27. Januar 2021 müssen Arbeitgeber ihren Büroangestellten die Möglichkeit zur Arbeit von zuhause anbieten, sofern keine betriebsbedingten Gründe entgegenstehen. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 30.000 Euro. So hat es das Bundesarbeitsministerium in einer neuen Arbeitsschutzverordnung beschlossen. Ziel ist es, Kontakte zu vermeiden. Die Verordnung soll eine Rechtsgrundlage für die Arbeit aus dem heimischen Arbeits- oder Wohnzimmer schaffen. Sie sorgt in der Wirtschaft aber vor allem für Verunsicherung.

Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten im November gerade einmal 14 Prozent der Erwerbstätigen überwiegend aus dem Homeoffice, weitere 19 Prozent abwechselnd im Betrieb und von zuhause aus. Wenn diese Zahlen steigen, so die Hoffnung, werden die Infektionszahlen reduziert. Eine Studie der Uni Mannheim kam im Dezember zu dem Schluss, dass ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice die Infektionsrate um bis zu acht Prozent verringern könne.

Eine Homeoffice-Pflicht gibt es nicht

Von der häufig diskutierten Homeoffice-Pflicht ist in der Verordnung allerdings keine Rede: Nur wo dies möglich ist, sollen Unternehmen ihren Angestellten Heimarbeit anbieten. Welcher Bürojob darunter fällt und welcher nicht, wird in der Verordnung nicht geklärt.

Im Gegenteil: Die Beweislast wird umgekehrt. Unternehmen müssen nachweisen, dass eine Arbeit nur im Büro erledigt werden kann, wenn sie dies von ihren Mitarbeitern fordern. "Uns kostet die Verordnung Zeit, die wir gern an anderer Stelle einsetzen würden", sagt Schreiber. Müsste ein einzelner Mitarbeiter die Einschätzung allein vornehmen, koste ihn das mehr als eine Arbeitswoche, schätzt die Geschäftsführerin.

Welche Aufgaben Heimarbeit zulassen und welche nicht, lasse sich auch nicht pauschal anhand einzelner Abteilungen klären. Beispiel Forschung und Entwicklung: So könne etwa ein Software-Entwickler von zuhause arbeiten, ein Hardware-Entwickler, der mit den Technik-Komponenten der Firma arbeitet, könne dies aber nur im Betrieb, erklärt Schreiber.

Er arbeitet, sie puzzelt: Vater und Tochter im Homeoffice in Berlin
Software-Entwickler können zuhause arbeiten. Bildrechte: imago images / Jochen Eckel

Unklare Definition des Homeoffice

Unklar bleibt außerdem, ob Arbeitgeber mobiles Arbeiten oder klassisches Homeoffice anbieten müssen. Für die Unternehmen macht dies aber einen erheblichen Unterschied. Mobil arbeitet etwa schon ein Außendienstler, der unterwegs mit Kunden telefoniert oder Mails schreibt.

Für das Homeoffice hingegen tragen Betriebe größere Verantwortung. Sie müssen sicherstellen, dass am heimischen Arbeitsplatz Arbeitsschutzauflagen eingehalten werden und den Arbeitsplatz einrichten - sofern nicht anders mit dem Arbeitnehmer vereinbart. Es entstehen also deutlich höhere Kosten. "Homeoffice ist in der Regel langfristig angelegt", erklärt Astrid Striehn von der Gewerkschaft Verdi in Thüringen.

Zehntausende Euro für Hygienemaßnahmen

Über die Art und Weise, wie mit der Wirtschaft in der Pandemie kommuniziert wird, wundert sich auch Colette Boos-John. Sie leitet das Bauer Bauunternehmen aus Walschleben, das unter anderem mit der Umgestaltung des Petersbergs in Erfurt für die Bundesgartenschau beauftragt ist. Einerseits werde die Wirtschaft zu wenig in Gespräche eingebunden, moniert die Unternehmerin. Andererseits stört sie sich an der Strafandrohung der neuen Verordnung: Bußgelddrohungen seien letztlich "Führung mit Angst".

Baufahrzeuge auf dem Petersberg
Kann schlecht im Homeoffice umgebaut werden: Der Erfurter Petersberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei gehe es auch ohne Sanktionen: Während Homeoffice für das Bauunternehmen vor Corona kein ernsthaftes Thema war, wurde in der Pandemie umgestellt. 70 der 350 Angestellten der Firma arbeiten in der Verwaltung. Heute arbeite nur noch ein Viertel dieser Mitarbeiter in den Büros. Zudem hat das Unternehmen bislang 35.000 Euro in Hygienemaßnahmen investiert. 

Die Verordnung der Bundesregierung stößt auch beim Verband der Wirtschaft Thüringens (VWT) auf Unverständnis. Verbandschef Hartmut Koch schimpft über "kurzfristige Verordnungen mit unklaren Formulierungen".

Stephan Fauth, Prof. Dr. Siegfried Russwurm, Dr. Ute Zacharias und Hartmut Koch, 2016
Mitglieder Verband der Wirtschafts Thüringens, rechts Hartmut Koch, links daneben Ute Zacharias und Siegfried Russwurm Bildrechte: imago images / VIADATA

Schon heute nutzten laut einer VWT-Umfrage 55 Prozent der Thüringer Betriebe mobiles Arbeiten und Homeoffice. Zudem sei die Wirtschaft kein Hotspot der Infektionen. Im vergangenen Sommer hat das Robert-Koch-Institut 202.000 Infektionen auf ihren Ansteckungsort untersucht. Nur zwei Prozent davon ließen sich eindeutig auf den Arbeitsplatz zurückführen. 147.000 der untersuchten Fälle ließen sich hingegen keinem eindeutigen Ansteckungsort zuordnen.

Schwierige Kontrollen

Ob die Verordnung korrekt umgesetzt wird, sollen die Arbeitsschutzbehörden kontrollieren. Um beurteilen zu können, ob eine Arbeit von zuhause oder nur im Betrieb erledigt werden kann, sind die Behörden auf die Einschätzungen der Unternehmen angewiesen. Die Tätigkeiten in den Unternehmen seien zu individuell für eine pauschale Kategorisierung, erklärt Verena Meyer, Leiterin des Präsidialstabs des Thüringer Landesamtes für Verbraucherschutz (TLV). Ihre Behörde verantwortet den Arbeitsschutz in Thüringen.

Zwar können die Experten auf ihre Erfahrungen zurückgreifen. Diese betreffen meist aber klassische Fälle des Arbeitsschutzes wie die Einrichtung der Produktionsstätten oder Büros. Ob etwa ein Disponent in einem Logistikunternehmen seine Arbeit auch aus dem heimischen Wohnzimmer verrichten kann, gehörte bislang nicht zu den klassischen Fragestellungen der Arbeitsschutzbehörden. Man müsse sich nun Stück für Stück einarbeiten, sagt Meyer. Fraglich bleibt, ob sich dieser Aufwand für Unternehmen und Arbeitsschützer lohnt. Bereits am 15. März 2021 läuft die aktuelle Arbeitsschutzverordnung aus.

Hinzu kommt: Beschäftigte müssen nicht aus dem heimischen Wohnzimmer arbeiten, wenn sie das nicht wollen. Sie können ein Angebot ihres Arbeitgebers ablehnen - und im Büro weiterarbeiten. Zumindest hier stellt die Verordnung klare neue Anforderungen an die Unternehmen. Wenn mehrere Angestellte in einem Büro arbeiten, müssen pro Mitarbeiter mindestens zehn Quadratmeter Platz eingeräumt werden. Medizinische Masken müssen zur Verfügung gestellt werden.

Seit Pandemiebeginn keine Bußgelder verhängt

Derlei Maßnahmen können Arbeitsschützer einfacher kontrollieren. Im vergangenen Jahr hat das TLV bereits 314 Betriebe kontrolliert, ob etwa der 1,5-Meter-Sicherheitsabstand zwischen Mitarbeitern gewährleistet oder Desinfektionsmöglichkeiten bereitgestellt wurden. Zwar fielen Mängel auf. Ein schwerwiegender Verstoß wurde aber nicht beanstandet und auch kein Bußgeld verhängt, berichtet Meyer. Bevor Sanktionen drohen, müssen Betriebe ohnehin die Möglichkeit erhalten, einen Mangel zu beseitigen.

Die Ansichten vieler Unternehmer wie auch Kerstin Schreiber vom Funkwerk in Kölleda dürfte diese Bilanz bestätigen. "Jedes Unternehmen hat enorm viel für die Abwehr der Pandemie getan." Sie wünscht sich einen anderen Umgang mit der Wirtschaft: Weniger Bürokratie und mehr Unterstützungsangebote statt Strafandrohungen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 25. Januar 2021 | 08:00 Uhr

16 Kommentare

knarf2 vor 26 Wochen

Sie vergessen aber daß manche Mitarbeiter einen
sehr schlechten Internetempfang haben.Und
das haben nicht nur die
jetzige Regierung sondern auch deren Vorgänger die CDU-Regierung verbockt!

Harka2 vor 26 Wochen

Ehrlich gesagt darf nach meiner Meinung gerne der eine oder anderer Handwerksladen sterben, so lange dies hilft, dass nicht die Menschen sterben. Ein zu lascher Umgang mit den Regeln hat nicht nur Portugal und Tschechien Rekordwerte bei den Infizierten und Berge von Toten eingebracht.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 26 Wochen

Lieber Janosch aus L.E. ,

ich verstehe Ihren ersten Satz so: ein Handwerker ist gar kein Unternehmer ??


Das mag vielleicht in der sächsischen Metropole - Leipzig - so stimmen
(und auch da eben nicht ) ! Hier bei uns, im Freistaat Thueringen, ist
nun einmal das Handwerk im ländlichen Raum vorherrschend
und nicht die industrielle Großproduktion !


Was soll ein "kleiner Handwerker" noch unternehmen,
wenn er für seinen einzigen Meister "HOME-OFFiCE"
anordnet...?! Von Wirtschaftsverbänden wird er
sicherlich gar nicht unterstützt...


Der Begriff "home-office" ( um den 's im obigen Artikel doch
ursprünglich geht ? ) ist dem Wort nach schon "völlig irre"....

...und die Umsetzung der Arbeitsschutzbestimmungen in
selbem möchte der Handwerker nicht auch noch gegenüber
seinen Mitarbeitern durchsetzen müssen !?


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Ergo: es geht um die Gesundheit jedes Einzelnen - auch der Handwerker:innen !

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