Jagdgesetz Rehe behindern Waldumbau - Jäger sollen Schützenhilfe leisten

Weg vom reinen Nadelholz-Wald, hin zum Mischwald: Der Waldumbau ist in vollem Gang. Doch vor allem Rehwild behindert ihn, wenn es sich an Knospen, Blättern und Zweigen der jungen Bäume zu schaffen macht. Jäger sollen deshalb bald mehr Rehe schießen dürfen.

Zwei Rehe im Wald.
Zwei Rehe im Wald: Der Wildverbiss ist ein Problem für den Waldumbau. Bildrechte: imageBROKER/Horst Jegen

  • Elf Millionen Euro will Thüringen für einen gesunden Mischwald im Freistaat bis zum Jahr 2036 investieren.
  • Aber Rehe fressen die jungen Triebe auf. Verbände und Bundesländer prüfen daher eine Novelle des Jagdgesetzes.
  • Waldbesitzer und Jäger sollen sich künftig auf eine Mindestzahl für die zu tötenden Tiere pro Revier verständigen, eine Obergrenze gibt es nicht mehr.
  • Kritik kommt vom Deutschen Jagdverband und vom Thüringer Waldbesitzer-Verband

Der Wald in Deutschland steckt tief in der Krise. Er ist zu einem Sorgenkind geworden. So, wie wir den Wald heute kennen, wird er nicht bleiben. Er wird und muss sich verändern. Zwei extrem trockene Jahre hintereinander, Sturmschäden, Waldbrände und aktuell vor allem der Borkenkäfer setzen den Thüringer Wäldern zu. Der Waldumbau soll deshalb nicht nur in Thüringen, sondern deutschlandweit vorangetrieben werden.

Ziel ist es, den Wald fit zu machen für den Klimawandel und gegen Schädlinge durch den Wandel von Monokulturen in Mischwälder. Es ist ein langjähriges und aufwendiges Unterfangen, so das Thüringer Ministerium für Landwirtschaft. Deshalb gebe es in Thüringen den Aktionsplan Wald. So befinde sich derzeit ein gemeinsamer Antrag von Rot-Rot-Grün und CDU zur Änderung des Errichtungsgesetzes der Landesforstanstalt in der Verbändeanhörung. Der Entwurf sieht vor, dass für den Zeitraum 2021 bis 2036 jährlich elf Millionen Euro in den Thüringer Waldumbau fließen.

Schützenhilfe von der Jagd

Die Triebe der neu gepflanzten Bäume allerdings sind ein Leckerbissen für Rehe und anderes Wild. "Wildverbiss" nennt man das. Weil der Verbiss vor allem durch Rehe als eines der Haupthindernisse für den angestrebten Umbau des Waldes weg von anfälligen Nadelbaum-Monokulturen und hin zu widerstandsfähigen Mischwäldern gilt, soll der Wald nun auch von der Jagd Schützenhilfe bekommen. Jäger sollen also mehr Rehe schießen. So steht es in der gerade fertiggestellten Novelle des Bundesjagdgesetzes, auf die sich die Bundesministerien für Landwirtschaft und Umwelt nach mehrmonatigen Verhandlungen verständigt haben. Derzeit prüfen Verbände und Bundesländer den Entwurf.

Im September soll er vom Bundeskabinett verabschiedet werden. Ende August findet bereits eine Bund-Länder-Erörterung statt. Dabei wird die Novelle mit den obersten Jagdbehörden diskutiert. Erst dann werde sich auch aus Thüringer Sicht entscheiden, ob es noch Änderungsvorschläge geben wird, so eine Sprecherin des Thüringer Landwirtschaftsministeriums.

Jährlicher Mindestabschuss für Rehwild

Wie das Bundeslandwirtschaftsministerium schreibt, soll das Gesetz "unter anderem einen angemessen Ausgleich zwischen Wald und Wild herstellen". Das Thema Waldumbau spielt in der Gesetzesvorlage eine zentrale Rolle. Statt Höchstgrenzen für den Abschuss sollen sich die Verantwortlichen vor Ort über einen jährlichen Mindestabschuss für Rehwild verständigen, gegebenenfalls legt die zuständige Behörde eine Untergrenze fest. Experten sehen in der geplanten Novelle einen Paradigmenwechsel: vom Einzäunen großer Flächen zum Schutz vor Wildverbiss hin zu einer stärkeren Bejagung.

Der Waldumbau steht in Thüringen nicht erst seit den zwei Dürre-Jahren auf der Agenda, sondern seit Jahrzehnten. Thüringenforst und auch Privatwaldbesitzer sehen im Waldumbau die einzige Chance für einen zukunftsfähigen Wald.

Drohnenaufnahme vom Stadtwald und der Stadt Jena
Waldsterben bei Jena: Drohnenaufnahmen dokumentieren das Ausmaß. Bildrechte: Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Wild stört den Waldumbau

Wolfgang Heyn vom Waldbesitzerverband für Thüringen sagt, dass der Verbiss durch Rehwild und andere Schalenwildarten eine der wichtigsten Ursachen für den schleppend vorankommenden Waldumbau in unseren Wäldern ist. Er ist selbst Waldbesitzer und kennt die Problematik auch in seinem kleinen Waldstück bei Friedrichroda. Der Waldumbau sei aus Verbandssicht dringend notwendig. Es gibt keine Alternative, sagt Heyn.

Auch die Privatwaldbesitzer seien für "Wald vor Wild". Die Tausenden betroffenen Waldbesitzer könnten es sich auch finanziell nicht leisten, dass Naturverjüngungen von Laubholz und Tanne oder gepflanzte Laubholzkulturen durch das Schalenwild zerstört und im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen werden.

Rotwild im Winterwald 4 min
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Mo 04.03.2019 14:14Uhr 03:52 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/wildtiere-im-winter-stress-100.html

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Auf Hilfe von Jägern angewiesen

Viele der privaten Waldbesitzer sind selbst Jäger. Weil ihre Flächen aber zu klein sind, können sie selbst dort nicht jagen. Ein Waldstück muss mindestens 75 Hektar groß sein für einen Eigenjagdbezirk in Thüringen. Deshalb sei man dringend auf die Unterstützung der Jäger angewiesen, die diese Flächen im größeren Umfang gepachtet haben, so Heyn.

Wichtigste Neuerung auf dem Weg zu höheren Abschusszahlen ist die Abschaffung der bisher verpflichtenden Abschusspläne für Rehwild. Stattdessen sollen sich Waldbesitzer und Jäger künftig auf eine Mindestzahl für die zu tötenden Tiere pro Revier verständigen, eine Obergrenze gibt es nicht mehr. Einigen sie sich nicht, weil etwa der stärker am Waldwachstum interessierte Waldbesitzer mehr Abschüsse will als der Jäger, kann im Zweifelsfall die Jagdbehörde entscheiden, wie viele Rehe getötet werden müssen.

In Thüringen gilt ein Abschussplan für drei Jahre. Festgelegt wird er nach den Verbiss-Schäden in einem Revier. In Sachen Abschaffung eines Höchstabschussplanes für Rehwild ist man in Thüringen schon weiter als auf Bundesebene. Mit der Neuerung des Thüringer Jagdgesetzes zum 31. Oktober 2019 gibt es keine festen Abschusspläne mehr für Rehwild, sondern lediglich einen Mindestabschussplan. Die empfohlene Strecke kann also ohne Nachbeantragungen nach oben erweitert werden.

Steinbach: Tote Fichten werden mit Seilkran-Technik aus dem Wald geholt
Tote Fichten bei Steinach. Ein Sprichwort besagt: "Willst du den Wald vernichten, pflanze nichts als Fichten!" Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Waldbesitzerverband in Thüringen nicht zufrieden

Der Waldbesitzerverband für Thüringen ist mit der Novelle des Bundesjagdgesetzes dennoch nicht ganz zufrieden. Die Vereinsmitglieder hatten gefordert, dass die Höchstabschusspläne auch für Rot-, Dam- und Muffelwild abgeschafft würden. Das habe aber der Gesetzgeber, so Wolfgang Heyn vom Waldbesitzerverband für Thüringen, leider nicht umgesetzt. Auch die Jagdverbände in Deutschland sehen den Gesetzentwurf kritisch. Einige Jagdpächter befürchten, dass ihnen die Behörden Berufsjäger ins Revier schicken, um den Rehwildbestand zu minimieren.

Der Deutsche Jagdverband ist der Meinung, dass vor Ort über die Jagd entschieden werden solle, denn die Situation der Wälder sei sehr unterschiedlich. Um aus Nadelholz-Monokulturen oder Schadflächen Mischwälder zu machen, müsse gesät oder angepflanzt werden. Auf diesen Flächen seien die Jäger gefordert. Einfach nur zu sagen, wir schießen Rehe und Hirsche, dann wächst der Wald, das funktioniere nicht, so der stellvertretende Geschäftsführer des Deutschen Jagdverbandes, Torsten Reinwald. Der Landesjagdverband Thüringen hat bisher auf die MDR THÜRINGEN-Anfragen nicht reagiert.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 19. August 2020 | 18:25 Uhr

10 Kommentare

Eulenspiegel vor 34 Wochen

Das Problem ist doch einfach zu Lösen. Man braucht doch nur auf die altbewährten Methoden zurückgreifen. Zum Beispiel eine Umzäunung.
Ja wir haben viel zu viele Rehe in unseren Wäldern. Wenn man aber dagegen was unternehmen will dann muss man sich erst einmal darüber klar werden das diese Unausgewogenheit nicht rein zufällig entstanden ist. Sie ist ganz gezielt angestrebt und verwirklicht worden. Da gibt es die Jäger die dadurch die Notwendigkeit der Jagt erst schaffen. Und diese Jäger wollen natürlich möglichst viel Wild zum abschießen haben. Darum denke ich da muss man zu aller erst etwas gegen die viel große Beifütterung tun. Ich bezweifele das solche Veränderungen den Jägern gefallen werden.

martin vor 34 Wochen

@augu: Was habe ich nicht mitbekommen? Dass die Elefanten keine bedrohte Tierart mehr sind oder dass die Rehe neuerdings eine bedrohte Tierart sind? Oder ist vielleicht doch einfach nur Ihr Vergleich "unpassend"?

augu vor 34 Wochen

Zu einem Mindestabschuss-Gebot für Elefanten durch Trophäenjäger in Botswana, weil dort die Elefanten sehr große Schäden auf den Feldern von Bauern anrichten, würde bei uns riesige Empörung bewirken. Ich bin sehr dafür , nicht generell mehr Rehe zu töten, sondern dies nur in den Waldgebieten zu tun, wo sie wegen Überzahl tatsächlich große Schäden anrichten.

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