Vorbereitet Katastrophenschutzlager: Wie Thüringen für Gefahrenlagen gewappnet ist

Nachdem schwere Unwetter in einigen Teilen Deutschlands ganze Landstriche verwüstet haben, ist das Thema Katastrophenschutz in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt. Wie Thüringen beispielsweise auf Waldbrände oder Hochwasser vorbereitet ist und wie das vorhandene Material eingesetzt wird, haben wir im Katastrophenschutzlager Mittelthüringen in Erfurt in Erfahrung gebracht.

Innenansicht Katastrophenschutzlager Mittelthüringen
Das Katastrophenschutzlager Mittelthüringen ist eines von vier dezentralen Katastrophenschutzlagern des Landes. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Stürme, Gewitter und heftige Regenfälle haben in den vergangenen Wochen für eine Debatte um den Katastrophenschutz gesorgt. Kann Deutschland gut genug auf extreme Wetterlagen und andere Gefahren reagieren? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Da der Katastrophenschutz Ländersache ist, haben wir uns vor Ort ein Bild davon gemacht, wie Thüringen auf den Ernstfall vorbereitet ist.

Vier Katastrophenschutzlager in Thüringen

Wir sind zu Gast im Katastrophenschutzlager Mittelthüringen in Erfurt. Dort treffen wir uns mit Christoph Wettengl. Er ist Referent für Katastrophenschutz im Thüringer Ministerium für Inneres und Kommunales (TMIK) und kennt die Lager des Landes genau.

"Das Katastrophenschutzlager Mittelthüringen ist eines von vier dezentralen Katastrophenschutzlagern, die der Freistaat für besondere Einsatzlagen wie Katastrophenfälle oder Gefahren größeren Umfangs vorhält", erklärt er. Die drei übrigen Lager befinden sich Hildburghausen (Südthüringen), Bad Köstritz (Ostthüringen) und Nordhausen (Nordthüringen). Letzteres wurde erst im Juni vergangenen Jahres eingeweiht. Knapp eine Million Euro hat es gekostet.

Christoph Wettengl an einem 56kVA-Stromerzeuger mit Lichtmast
Christoph Wettengl zeigt das Innenleben eines 56kVA-Stromerzeugers mit Lichtmast. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Rechtliche Grundlage

Ausgehend von der Zuständigkeit der Länder für den Katastrophenschutz bildet in Thüringen das Thüringer Gesetz über den Brandschutz, die Allgemeine Hilfe und den Katastrophenschutz (ThürBKG) die rechtliche Grundlage. In Bezug auf die Katastrophenschutzlager nimmt das Land Aufgaben und Zuständigkeiten nach den § 1, § 2 Abs. 1 Nr. 4,  § 7 Abs. 1 Nr. 5 sowie §§ 26 – 28 ThürBKG wahr. Nach § 3 Abs. 2 der Thüringer Katastrophenschutzverordnung (ThürKatSVO) sind hierzu die Vorhaltung von Ausstattung und Ausrüstung des Katastrophenschutzes und der Betrieb dezentraler Katastrophenschutzlager durch das Land festgelegt.

Quelle: TMIK

Organisation und Verwaltung

Bewirtschaftet werden die vier Katastrophenschutzlager zentral durch das Thüringer Landesverwaltungsamt. Heißt, dort wird im Auftrag des Amtes Material organisiert, verwaltet und instandgehalten. Dabei werde eng mit den jeweiligen Landkreisen und kreisfreien Städten zusammengearbeitet, in denen sich die Lager befinden, führt Wettengl aus. Eine direkte Zuordnung der Katastrophenschutzlager zu bestimmten Landkreisen oder kreisfreien Städten gebe es allerdings nicht.

Wenn eine untere Katastrophenschutzbehörde Materialien oder Geräte aus den Lagerbeständen anfordert, erfolge eine entsprechende Bewertung durch das Thüringer Landesverwaltungsamt. In der Regel gebe es dann die Freigabe zur Abholung aus dem nächstgelegenen Katastrophenschutzlager, in denen sich die benötigten Materialien und Geräte befinden. Laut Wettengl verfügen die unteren Katastrophenschutzbehörden aber auch über eigene Materialien - je nach regionalen Besonderheiten. Beispielsweise seien Sandsäcke in Regionen vorrätig, die hin und wieder von Hochwasser bedroht sind.

Vielfältiges Inventar

Um die Bevölkerung etwa im Falle einer Naturkatastrophe versorgen und notfalls eine große Zahl an Menschen unterbringen zu können, sind in den Thüringer Katastrophenschutzlagern viele verschiedene Materialien gelagert. Dazu gehört neben allgemeiner Ausrüstung auch Spezialtechnik, wie beispielsweise Maschinen zur Befüllung von Sandsäcken. Laut Thüringer Innenministerium lassen sich die gelagerten Gegenstände in folgende Gruppen gliedern:

  • Stromerzeuger, Verteiler, Beleuchtung z.B. 42 Stromerzeuger in Leistungsklassen von 6 bis 60 kVA
  • Ausrüstung zur Technische Hilfeleistung z.B. 60 Motorkettensägen
  • Materialien für den Hochwasserschutz z.B. etwa 1,7 Mio. Sandsäcke
  • Pumpen & Zubehör z.B. 107 Tauch- und Schmutzwasserpumpen
  • Ölschadenbekämpfung z.B. Ölabscheider
  • Zelte mit Ausstattungen & Zubehör z.B. 1.200 Feldbetten
  • Bekleidung - Schutzkleidung, Helfer- und Betroffenenbekleidung z.B. 800 Chemikalienschutzanzüge
  • Brandbekämpfung z.B. sieben Außenbehälter zum Transport von Löschwasser mittels Hubschraubern
  • Dekontamination z.B. Auffangwannen
  • Lagerung - Aufbewahrung und Transport z.B. Gitterboxpaletten, Gabelstapler
  • Sonstige Werkzeuge, Geräte und Materialien z.B. Spaten, Schaufeln

Zusätzliche Bestände zur Bewältigung der Corona-Pandemie sind laut Innenministerium nicht hinzugekommen, da dies in die Zuständigkeit des Thüringer Gesundheitsministeriums falle. Die Schutzausrüstung in den Katastrophenschutzlagern diene also nicht zur Bewältigung einer Pandemie, sondern anderer Gefahrenlagen mit bedenklichen hygienischen Verhältnissen.

Sandsackfüllmaschine und leere Sandsäcke
Zu den Spezialgeräten der Katastrophenschutzlager gehören unter anderem Sandsackfüllmaschinen. Direkt daneben sind unbefüllte Sandsäcke gelagert. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Thüringen stellt Hilfe bereit

Laut Innenministerium gab es im Jahr 2021 bereits mehrere Fälle, in denen Material aus den Katastrophenschutzlagern ausgegeben wurde. Ein erster hatte sich im Februar in Jena ereignet. Aufgrund des Ausfalls einer Fernwärmeleitung wurden verschiedene Heizgeräte an die Stadt Jena ausgegeben, sagt Wettengl. Zudem erhielt Rheinland-Pfalz nach den Unwettern im Juli Hilfsgüter aus Thüringer Beständen.

Des Weiteren können die Materialien auch für internationale Hilfegesuche bereitgestellt werden. Darüber entscheidet das Innenministerium. So wurden beispielsweise Anfang Juni 2021 Zelte, Schutzmasken und Gummistiefel in das südasiatische Land Nepal geschickt, um die dortigen Corona-Maßnahmen zu unterstützen. In jedem Fall müsse aber gesichert bleiben, dass noch genügend Vorräte für Katastrophenfälle oder Gefahrenlagen vor Ort vorhanden sind.

Innenansicht Katastrophenschutzlager Mittelthüringen
Das Lager im Erfurter Gefahrenabwehrzentrum Süd beinhaltet sowohl Materialien und Ausrüstung der Stadt als auch des Landes. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Keine weiteren Katastrophenschutzlager in Thüringen geplant

Wie das Innenministerium auf Anfrage mitteilte, gibt es seitens des Landes derzeit keine Pläne, weitere Katastrophenschutzlager einzurichten. Der Fokus liege aktuell auf der Ertüchtigung und Verbesserung der bestehenden Lagerhaltung. Die ständige Weiterentwicklung und Erweiterung der Bestände sowie regelmäßige Beschaffungsmaßnahmen werden laut Ministerium fortlaufend durchgeführt, um auf Gefahren angemessen reagieren zu können.

Für die regelmäßige Neu- und Ersatzbeschaffung von Geräten und Ausrüstungsgegenständen durch das Landesverwaltungsamt sind jährlich Ausgaben in Höhe von circa 100.000 Euro eingeplant.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

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