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In der Förderschule Schleiz Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Schule

Wie Kinder mit Behinderungen in Corona-Zeiten lernen

von Andreas Dreißel, MDR THÜRINGEN

Stand: 04. Mai 2021, 21:13 Uhr

Kinder mit Behinderungen brauchen mehr als andere einen Tagesablauf mit festen Strukturen. Das gilt für das ganz normale Leben zu Hause genauso wie im Unterricht. Der tägliche Weg zur Schule fiel im vergangenen Jahr für lange Zeit Corona zum Opfer. Doch das Homeschooling war für Eltern und Kinder eine Riesenbelastung. Für die Schüler der Förderschule im Pädagogischen Zentrum Schleiz gilt seit Montag wieder der Präsenzunterricht - ein Stück Rückkehr zur Normalität.

Dienstagmorgen, 7:45 Uhr am pädagogischen Zentrum Schleiz. Julien ist elf Jahre alt und heute der Erste im Klassenzimmer. Bis vergangene Woche war er einer der wenigen Schüler in der Notbetreuung. Seit Monatag ist die Klasse wieder fast komplett. Das ist möglich, weil Förderschulen nach dem Infektionsschutzgesetz auch bei hohen Inzidenzen öffnen dürfen. Für Julien und seine Schulkameraden ein Stück Rückkehr zur Normalität.

Darüber freut sich auch Klassenlehrerin Daniela Müller. Sie unterrichtet die Klasse gemeinsam mit zwei sonderpädagogischen Fachkräften und einer Praktikantin. Ihre Schützlinge: Kinder mit Lernschwächen, geistigen Behinderungen und Kommunikationsschwierigkeiten. Julien ist Autist. Das Förderzentrum in Schleiz besucht er seit fünf Jahren.

Kinder im Unterricht mit Klasslehrerin und sonderpädagogischen Fachkräften Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Das Wichtigste für Julien sind klare Strukturen im Tagesablauf. Er braucht Sicherheit, egal ob zu Hause oder in der Schule. Lernen zu Hause hat bei ihm überhaupt nicht funktioniert.

Julia Knörnschild, Mutter von Julien

So wie Julien ging es vielen seiner Schulkameraden. Im Förderzentrum gibt es viele spezielle Lernmaterialien. Die Schüler lernen über Sprache, Gebärden oder mithilfe von Bildtafeln oder Symbolen. Jeder Schüler wird bei seinen speziellen Fähigkeiten abgeholt.

Jeder wird bei seinen speziallen Fähigkeiten abgeholt: Unterricht mit Lernmaterialien Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Dafür schlossen sich vor Jahren vier Stiftungen zum Herbert Feuchte Stiftungsverbund zusammen. Mehr als 600 Mitarbeiter in vier Bundesländern bieten Menschen jeden Alters mit kommunikativen Einschränkungen Unterstützung und Lebenshilfe. Dafür betreibt der Stiftungsverbund bundesweit zehn Einrichtungen wie auch das Förderzentrum in Schleiz. Oberstes Ziel des Unterrichts ist hier, dass alle später einmal möglichst problemlos mit ihrer Umwelt kommunizieren und ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Die Kinder lernen bei uns lesen, schreiben und rechnen, aber auch praktische Tätigkeiten. Ich bin froh, dass Förderschulen im neuen Infektionsschutzgesetz berücksichtigt wurden und die Schüler wieder in die Schule kommen können.

Jana Schneider, Schulleiterin

8:15 Uhr, die Klasse ist komplett. Im Morgenkreis stimmen sich Schüler und Lehrerinnen auf den Tag ein. Dazu gehört, dass sich alle Schüler einbringen. Welcher Wochentag ist heute? Wie ist das Wetter? Was steht heute auf dem Plan?

Julien im Mathe-Unterricht Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Dann starten die Schüler in den Mathematik-Unterricht. Zählen und Addieren mit der Rechenhilfe. Auch hier wählt Daniela Müller für jeden eine Aufgabe entsprechend seines Wissens. Julien trägt auf einem Übungsblatt Zahlen in der richtigen Reihenfolge ein. Er kommt bis 30. Dann setzen sich alle zum gemeinsamen Frühstück zusammen.

Wir mussten leider feststellen, dass bei vielen die Fortschritte, die wir mühsam erarbeitet hatten, durch den fehlenden Unterricht wieder verloren gegangen sind. Deshalb hoffe ich, dass wir das jetzt schnell wieder aufholen können.

Daniela Müller, Klassenlehrerin

Viele Schüler kommen aus anderen Bundesländern und sind die Woche über in Wohngruppen untergebracht. Wegen der Ansteckungsgefahr durften sie zum Teil monatelang nicht nach Hause. Eine zusätzliche Belastung, wenn Eltern und Geschwister fehlen. In den Wohngruppen wurden die Kinder auch unterrichtet, doch ein Ersatz für die Familie ist das nicht.

Es hat einem schon oft das Herz zerrissen, wenn man gesehen hat, wie die Kinder auf die Situation reagiert haben. Manche werden aggressiver, andere verhalten sich ganz still. Wenn dann ein Kind das Symbol für 'Mama' zeigt, ist es aus.

Jana Schneider, Schulleiterin

Jetzt hofft Jana Schneider, dass Julien und alle Kinder wieder dauerhaft in ihren Klassen lernen können.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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