Gesundheit Sofa, Snacks und Bildschirm: Kinderärzte warnen vor Folgen des Corona-Lockdowns

Essstörungen, gestiegener Medienkonsum, Sprachprobleme - schon jetzt sehen Kinderärzte in Thüringen die Folgen der Corona-Pandemie und der Lockdowns in ihren Praxen. Sie befürchten, dass sie damit noch jahrelang beschäftigt sein werden und Corona die sozialen Nachteile von Kindern verschärft.

Zwei Jungen haben jeder einen Keks im Mund
Schnell ein Keks zwischendurch, treibt den Blutzucker in die Höhe und macht glücklich - für einen kurzen Moment. Doch in der Corona-Pandemie wandern Snacks und Süßigkeiten häufiger in den Kindermund. Und das macht krank - auf lange Dauer. Bildrechte: Colourbox.de

Kinderärzte in Deutschland befürchten drastische Folgen durch die Coronapandemie. Wie Dominik Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin MDR THÜRINGEN sagte, weisen aktuelle internationale Forschungen nach, dass der Medienkonsum unter Kindern und Jugendlichen deutlich zugenommen habe. Dagegen bewegen sich die Kinder weniger, ein Großteil nehme zusätzlich zu viele ungesunde Snacks oder Limos zwischen Mahlzeiten ein. Das Problem trete quer durch alle sozialen Schichten auf.

Kinder profitieren auch vom Lockdown

Ja, sie gibt es auch: Kinder, die vom Lockdown profitieren. Solche, die es schön finden, endlich ihren Alltag selbstbestimmt zu organisieren. Die einen Wochenplan machen und entscheiden, wann sie welche Aufgabe lösen möchten, wann Pausen sind, wann Freizeit. Auch der Weimarer Kinderarzt Dirk Rühling kennt solche Kinder. Sie sind aber die Ausnahme. Viele Kinder und Jugendliche haben große Probleme, sich selbst zu strukturieren. Wenn es in der Familie verdeckt schon Defizite gab, dann kämen sie jetzt im Lockdown zum Vorschein, sagt Rühling.

Mehr Patienten mit Essstörungen

Sorgen würden ihm auch Kinder von Migranten machen, die nicht ausreichend Deutsch sprechen. In seiner Praxis erlebe er mehr Patienten mit Übergewicht oder anderen Essstörungen. Welche Folgen der Lockdown auf die Kinder insgesamt haben wird, werde sich in den nächsten Jahren zeigen. Forschungen, die mögliche körperliche Folgen bei Kindern und Jugendlichen zeigen, gibt es bereits. In Italien beispielsweise beobachteten Wissenschaftler über drei Wochen rund 40 Kinder, die Übergewicht hatten. Trotz dieses Problems knabberten die Kinder in der Zeit des ersten Lockdowns deutlich mehr Chips, tranken mehr Limonade, konsumierten mehr Medien, schliefen länger und trieben weniger Sport. Die Forscher warnten vor einer markanten Zunahme der Fettleibigkeit unter entsprechend anfälligen Kindern.

Studie aus der Schweiz: Medienkonsum erhöht

Experten aus der Schweiz zogen ein ähnliches Fazit. Kinder würden einen hohen Preis bezahlen durch die indirekten Effekte des Lockdowns: schlechte Ernährungsgewohnheiten, soziale Isolation und vor allem die zunehmende Sucht nach Bildschirmen. Über 100 Familien untersuchten die Schweizer. In allen Familien hatte sich der Medienkonsum der Jugendlichen erhöht, bei den jüngeren Kindern war die Zunahme ähnlich krass. Selbst Kleinstkinder zwischen Null und drei Jahren "nutzten" digitale Medien, so das Ergebnis - beispielsweise fast drei Viertel aller kleinen Jungen.

Unterschied zwischen arm und reich wächst

Die Schweizer Wissenschaftler machten auch Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen Gruppen aus. Der Unterschied zwischen arm und reich würde wachsen, mahnten sie, und das nicht nur in der Schweiz, sondern generell auf der Welt. Die Experten befürchteten sogar, dass die jetzt vom Lockdown betroffenen Kinder lebenslang benachteiligt sein könnten. Kinder aus besonders anfälligen oder sozial schwachen Familien sollten, so ihr Fazit, zielgerichtet kontrolliert und unterstützt werden. Schließlich hätten Kinder Grundrechte für optimale Ernährung, Gesundheitsfürsorge und Entwicklung.

Viele Kinder ernähren sich aber auch gesünder

Eine deutsche Umfrage aus München unter 1.000 Eltern wiederum zeigte, dass gerade die Ernährung der Kinder durch die Krise nicht leiden müsse. Viele Kinder würden sich sogar gesünder ernähren, da die Eltern mehr zu Hause kochten und beispielsweise gesündere Zutaten und weniger Fleisch verwendeten. Das Problem aber auch hier war, dass die Kinder zwischen den Mahlzeiten deutlich mehr Snacks einnahmen oder Limo tranken als vor der Coronazeit. Insgesamt würde ein Großteil der Kinder sich weniger bewegen als sonst.

Der Dortmunder Professor Dominik Schneider sagt, einmal erlernte Ernährungsgewohnheiten setzten sich bei Kindern oft im Erwachsenenalter fort. Durch die Fehlernährung befürchte er eine Zunahme von Fettleibigkeit bei jungen Patienten, die später entsprechende Folgekrankheiten mit sich bringe. Schneider sagte, schon seit vielen Jahren würden Kinderärzte ein immer schlechter werdendes Verhältnis von Mediennutzung zu Bewegung verzeichnen. Beispielhaft nennt er einen Ausdauertest: Kinder müssen acht Minuten laufen, die Strecke, die die Kinder im Durchschnitt schaffen, werde immer kürzer.

Unter Corona geschehe alles wie unter einem Brennglas - heißt: die Situation verschlechtere sich rapide. Auch Schneider rät, dass die Familien versuchen sollten trotz aller Probleme, eine Struktur für einen geordneten Tagesablauf mit klaren Zeiten für Schule, Freizeit, Mahlzeiten und Bewegung einzuhalten.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 03. März 2021 | 12:00 Uhr

10 Kommentare

Sozialberuflerin vor 10 Wochen

Wie wahr!!
Und die, die es erkannt und benannt haben sind leider nicht die, die es ändern können!
So sehr sie es auch wollen!
Und da ist die Thematik Ernährung und Medienkonsum nur der Anfang


helmut57 vor 10 Wochen

Ich glaube fest daran, wenn nun endlich die Schnelltests kommen und die Impfungen voran getrieben werden, haben wir gute Karten. Geben wir die Hoffnung nicht auf. Alle müssen jetzt noch einmal die Pobacken zusammen kneifen.

helmut57 vor 10 Wochen

Ja, wir Erwachsene sollten als Vorbild gelten. Wie sieht die Realität denn aus? Die digitalen Medien bestimmen doch auch unser Leben zunehmend. Das Handy/ Laptop ist doch zu unserem besten Freund geworden. Ständig pressend! Übernehmen denn die Kinder dieses Verhalten nicht? Ich kann auch nicht mehr schlafen und sitze auch schon wieder am Tablet. Gemeinsam am Essentisch, ist doch bei Vielen die Ausnahme. Die Kinder sind im Moment genau so wie wir in einer Ausnahmesituation. Da hilft wahrscheinlich nur, uns jetzt besonders um die Jüngsten zu bemühen. Liebe, Liebe und Verständnis und Zuneigung.

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