Gesundheit Warum viele Thüringer Kinder gerade an Atemwegserkrankungen leiden

In Thüringer Kliniken und Arztpraxen werden aktuell deutlich mehr Kinder mit Atemwegserkrankungen behandelt als üblich. Für Mediziner ist das keine Überraschung. Während des langen Lockdowns vom Herbst 2020 bis Frühjahr 2021 waren viele Kinder lange isoliert. Der Aufbau einer Immunabwehr sei dadurch schwierig gewesen.

ILLUSTRATION - Eine Kinderärztin begrüßt in einer Kinderarztpraxis eine Mutter und ihren kleinen Sohn (gestellte Szene).
Immer mehr Kinder befinden sich wegen einer Atemwegserkrankung in Behandlung. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

In Thüringen werden in den Kliniken und Arztpraxen aktuell deutlich mehr Kinder mit Atemwegsinfektionen behandelt. Wie das Uniklinikum Jena mitteilte, drohen erste Behandlungs-Engpässe. Vor allem bei kleinen Kindern wird ein massiver Anstieg verzeichnet. So seien allein am Wochenende über zehn Kinder zusätzlich stationär aufgenommen worden, sagte der Direktor der Kinderklinik im Uniklinikum, Professor James Beck. Er fürchtet, dass die Klinik bald an ihre Kapazitätsgrenzen stößt.

Diese Entwicklung sei seit Monaten vorhersehbar gewesen. Da die Kinder wegen der Pandemie monatelang stark isoliert und ohne soziale Kontakte mit anderen Kindern waren, hätten sie keine Immunabwehr aufbauen können. Beck sieht darin die Ursache für die aktuelle Dynamik.

Ein Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, untersucht ein Kind (gestellte Szene).
Für Ärzte kommt die Entwicklung nicht überraschend. Bildrechte: dpa

Saalfeld: Von null auf 41

Auch im Saalfelder Krankenhaus für Kinder- und Jugendmedizin der Thüringen-Kliniken werden die Betten wegen der Zunahme an jungen Patienten mit Atemwegserkrankungen knapp. Nach Angaben von Chefarzt Robert Kästner gab es im Jahr 2020 keine einzige stationäre Aufnahme von bis zu 18-Jährigen mit der Diagnose RSV (Respiratory Syncytial Virus), die mit einer Bronchitis zu vergleichen sei, oder einer echten Grippe (Influenza). Seit Anfang August seien 41 Kinder mit Atemwegserkrankungen stationär behandelt worden oder würden behandelt, einige davon auf der Intensivstation mit Beatmung.

Keine Folge einer Corona-Infektion

Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch in den Ilm-Kreis-Kliniken ab. Der Chefarzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Detlef Stein, bestätigte, dass es derzeit vermehrt zu stationären Aufnahmen von Kindern mit Atemwegsinfekten kommt. Vorwiegend seien es Kleinkinder und Säuglinge. Die Atemwegserkrankungen werden laut Klinikum auch durch das RSV ausgelöst, aber nicht ausschließlich. Sie seien weder auf eine Infektion mit dem Coronavirus zurückzuführen, noch handele es sich um die Spätfolgen eines Corona-Infekts.

Zwei Jahrgänge erleben ihren ersten Infekt

Auch der Weimarer Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dirk Rühling, registriert seit Mai eine hohe Anzahl an Erkältungskrankheiten. Im Gegensatz zu den Jahren vor Ausbruch der Corona-Pandemie gebe es nun zwei Jahrgänge, die ihren ersten Infekt erleben. Grund sei die lange Schließzeit der Kindereinrichtungen. Laut Rühling gibt es zwar nicht mehr schwer kranke Kinder als üblich. Auffällig sei jedoch, dass seine Praxis mehr aufgesucht werde als früher. Grund sei die allgemeine Unsicherheit wegen des Coronavirus.

Ärzte sehen Lockdown als Ursache

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte geht davon aus, dass der lange Lockdown vom Herbst 2020 bis Frühjahr 2021 für die vielen Atemwegsinfektionen verantwortlich ist. Hygieneregeln sowie geschlossene Gemeinschaftseinrichtungen verhinderten eine starke Ausbreitung, sodass nun wesentlich mehr Kinder als in den vorangegangenen Jahren ohne Abwehr gegen diese Viren sind. Besonders gefährdet für einen schweren Krankheitsverlauf sind Frühgeborene, Kinder mit einem Herzfehler, einer Lungenerkrankung oder einer Immunschwäche.

Zahl der Einweisungen laut RKI verdoppelt

Der Anstieg spiegelt sich auch in den aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) wider. Aus der Übersicht geht hervor, dass die Zahl der Infektionen der Atemwege deutlich über den Werten der Vorjahre bei kleinen Kindern liegt. Laut RKI wurden in den Jahren vor der Pandemie im Monat September rund 60 bis 70 Ein- bis Vierjährige pro Woche mit schweren Atemwegsinfekten in Kliniken eingewiesen, aktuell seien es doppelt so viele.

Vor allem die Zahl der RSV-Infektionen liegt laut RKI deutlich über den Werten der Vorjahre um diese Jahreszeit. Das Erkältungsvirus RSV ist eine typische Krankheit der kalten Zeit im Jahr. Es ist bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von drei Jahren weltweit der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen. Es ist eigentlich ein normales Erkältungsvirus, das in Einzelfällen aber mehr Symptome mit sich bringt als ähnliche Erkältungsviren. Meist geht die Erkrankung mit Fieber einher. Atemschwierigkeiten und Probleme bei der Nahrungsaufnahme sind weitere mögliche Symptome.

Hauptsitz des Robert Koch-Instituts
Das Robert-Koch-Institut in Berlin bestätigt die Entwicklung. Bildrechte: dpa

Infektionen als Regelfall

Die Erstinfektion betrifft kleine Kinder besonders schwer. Während ältere Kinder und Erwachsene in aller Regel nur leichte, erkältungsähnliche Symptome entwickeln, greifen RSV-Infektionen laut Helmholtz-Zentrum München in den ersten Lebensmonaten leicht von den oberen auf die unteren Atemwege über. Normalerweise infizieren sich Kinder bereits im ersten Lebensjahr mit dem RS-Virus. Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres war nahezu jedes Kind einmal mit RSV infiziert, so das RKI.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/cfr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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