Kindergarten Kita: Wenn zu wenige Erzieherinnen da sind

In den nächsten Jahren werden 6.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen benötigt – doch schon jetzt ist die Lage in einigen Kitas fatal und der Personalschlüssel deutlich unter der Empfehlung von Experten. Was bedeutet das für den Alltag von Kindern und ihre Betreuung in Kindergärten?

Die Lage in den Kindertagesstätten ist ernst – besonders im Osten. So empfehlen Bildungsexperten, dass eine Kita-Fachkraft nur 7,5 Kinder betreuen sollte. In Thüringen sind es aber mit rund 15 doppelt so viele, nach Schätzungen der Bertelsmann-Stiftung. Im bundesweiten Vergleich bildet der Freistaat zusammen mit den anderen ostdeutschen Ländern damit das Schlusslicht.

Die Folgen sind im Alltag überall sichtbar. Beim Mittagessen in der "Schatzinsel" im Plattenbaugebiet Jena-Lobeda sitzen zwar auf den kleinen Stühlen an den runden Tischen auch drei Erzieherinnen mit 15 Kindern, doch drei Kinder benötigen eine intensive Betreuung. "Die brauchen mehr Unterstützung", erklärt Kita-Leiterin Emöke Oláh-Schenzel. So müsse etwa der Teller oder Löffel gehalten werden, weil die Muskelkraft nicht da sei. "Die anderen Kinder laufen dann einfach nebenbei." Das werde dann zum Problem, wenn eines der Kinder etwa einen Wutanfall hat.

Kita in Jena: Jahrelanges Warten auf Fachkräfte

Die Leiterin der Kita "Schatzinsel" in Jena: Emöke Oláh-Schenzel
Die Leiterin der Kita "Schatzinsel" in Jena: Emöke Oláh-Schenzel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die AWO-Schatzinsel ist eine von elf integrativen Kitas in Jena. 40 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund, kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen oder haben Behinderungen. "Wir haben Kinder mit Trachialkanüle, die müssen per Magensonde ernährt werden", erklärt Oláh-Schenzel. "Wir haben Kinder, die traumatisiert sind und dadurch im sozialen und emotionalen Bereich große Herausforderungen haben. Die brauchen ein sehr, sehr hohes Maß an individueller Betreuung."

Um diese stemmen zu können, werden ausreichend Erzieherinnen und Erzieher benötigt. Doch es gibt viel zu Wenige in den Thüringer Kitas, auch in der Schatzinsel in Jena. "Eigentlich fehlen uns anderthalb Stellen, die wir jetzt gerade nicht besetzen können", sagt Chefin Oláh-Schenzel. Doch aufgrund der besonderen Herausforderungen sei es sehr schwer Personal zu finden. "Hier will man nicht unbedingt hin." Um den empfohlenen Personalschlüssel einhalten zu können, bräuchte sie sogar drei Fachkräfte mehr. Aber selbst auf das Personal, das ihr laut Gesetz zusteht, muss sie teilweise Jahre warten.

Studie Barmer: Häufiger krankheitsbedingte Ausfälle

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Deutsche Arbeitnehmer sind im Schnitt 18 Tage pro Jahr krank - Erzieher sind es häufiger. Ganz hinten liegt Thüringen mit 33 Tagen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine aktuelle Studie der Barmer zeigt: Deutsche Arbeitnehmer sind im Schnitt 18 Tage pro Jahr krank. Erzieherinnen und Erzieher arbeiten oft bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung. Bei ihnen sieht es um einiges schlechter aus. Ganz besonders dramatisch ist es in den neuen Bundesländern – ganz hinten liegt Thüringen mit 33 Tagen.

Die Lage ist in einer Stadt wie Jena bereits katastrophal. Doch wie sieht es dann auf dem Land aus? Oberweid in der Thüringischen Rhön liegt an der Grenze zu Hessen und Bayern. "Diese Situation mit der Nähe führt natürlich dazu, dass wir in einer massiven Konkurrenzsituation stehen" sagt Matthias Schneider, Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes Meiningen. Alle würden sich um die Fachkräfte aus Thüringen reißen – mit Nachteilen für Thüringen. "Hier in Südwestthüringen betreiben wir 33 Kindertagesstätten und in diesen 33 Kindertagesstätten haben wir zum heutigen Zeitpunkt 20 offene Stellen", sagt Schneider. "Uns fehlen 20 Mitarbeiter."

Folgen für Kinder: Angebote kürzen, Ausflüge streichen

Eine davon ist die Kita, die Josefine Leimbach leitet. Dort sind zwei Stellen unbesetzt. Sie musste deswegen 17 Plätze streichen. "Drei Kinder sind es, die wir aktuell ablehnen mussten." Doch auch bei allen Kindern, die in den kommenden Monaten anklopfen, müsste die Kita erst einmal vertrösten. Aufgrund des Personalmangels musste die Kitaleiterin auch bei den Angeboten kürzen. Ausflüge sind ebenso gestrichen wie das offene Spielkonzept.

Seit sechs Monaten sind die Stellen unbesetzt und niemand weiß, wie lange noch. Stefan Möllerhenn ist Elternbeirat in der Kita und fordert mit anderen Eltern, dass endlich gehandelt wird. Er versteht aber auch Erzieherinnen, die lieber in Bayern oder Hessen arbeiten: "Da sind die Bedingungen, der Schlüssel ist anders, weniger Kinder für einzelnen Erzieher und Erzieherinnen."

Hinzu komme noch das Gehalt. "Das ist natürlich auch ein riesen Anreiz für jemanden, doch die zwei Kilometer weiter zu fahren und ich habe mehr in der Tasche", so Möllerhenn. Denn in Hessen oder Bayern verdienen Erzieherinnen rund 300 Euro mehr.

Landesregierung zeigt auf Kita-Träger

Der Träger der DRK-Kita, Matthias Schneider, fordert die Landesregierung auf, zu handeln, denn die sage bislang, es gebe ausreichend Erzieherinnen und Erzieher. "Das ist falsch. Wir müssen weiter am Ball bleiben, müssen weiter ausbilden, um dann mit diesen Erziehern den Personalschlüssel so anpassen zu können, dass wir eine optimale Betreuung der Kinder haben."

Dafür sind laut einer aktuellen Studie in den nächsten Jahren 6.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen nötig. Aber woher sollen die kommen? Zusätzliche Ausbildungsplätze könnte die Landesregierung finanzieren. Die hat aber eine Haushaltssperre erlassen.

Der Thüringer Bildungsminister Helmut Holter (Die Linke) spielt den Ball zurück zu den Kita-Trägern, denn es werde ausreichend ausgebildet, aber viele wanderten auch in andere Bundesländer ab. "Das hat auch damit zu tun, dass nicht alle Träger nach Tarif bezahlen. Also wir müssen auch über die konkreten Arbeitsbedingungen sprechen." Die Träger können aber nur mit dem Geld arbeiten, das sie von Land und Kommunen bekommen.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 13. April 2022 | 20:15 Uhr

2 Kommentare

Sozialberuflerin vor 24 Wochen

"Es gibt kein Lehrgeld sondern Schulgebühren."
Es gibt die staatlichen Schulen ohne Gebühren und eben die privaten, die welches verlangen!

Sie haben jedoch Recht...
Voraussetzung sind Abitur oder 2 Jahre Kinderpflege/Sozialassistenz
Dann 2 Jahre schulische Ausbildung
Gefolgt von knapp einem Jahr praktische Ausbildung.
Hier gibt es Träger, die zahlen den Auszubildenden einen gewissen Prozentsatz vom Gehalt einer päd. Fachkraft.

Ansonsten sind es 5 Jahre Bafög, wenn die Eltern des Azubis dafür nicht zu viel verdienen!

Aber davon mal abgesehen... Die berufsbildenden Schulen sind jedoch voll!
Die gesetzlichen Rahmenbedingungen ermöglichen aber kaum Spielraum für Neueinstellungen!

Aber auch die Schere für Verdienstmöglichkeiten geht unter den Trägern sehr weit auseinander!

iRolleder vor 24 Wochen

Mir fehlt bei der Diskussion über den Personalmangel und den Rufen nach mehr Ausbildungsplätzen ein wenig der Blick auf die Ausbildung. Nach allem was ich weiß handelt es sich um eine schulische Ausbildung. Es gibt kein Lehrgeld sondern Schulgebühren. Finanzielle Attraktivität = Null. Wie wäre es wenn man da ansetzt? Es gab ein Modellprojekt des Landes für ein paar Auszubildende. Wie wäre es dieses konsequent umzusetzen und übliche Lehrgelder zu bezahlen?

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