Kommentar Ein Ministerpräsident in der Corona-Krise: Herr Ramelow, wo sind Sie?

Portraitfoto von Lars Sänger
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Bodo Ramelow bei Twitter. Bodo Ramelow bei Lanz. Bodo Ramelow im Zeitungsinterview. Es gab Zeiten, da kam man medial quasi nicht vorbei am Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke). Umso erstaunlicher ist es, dass sich Ramelow in den vergangenen Wochen und Monaten auffällig zurückgehalten hat. Ein Kommentar.

Während die Teilnehmerzahlen der Corona-Proteste beständig wachsen und die Inzidenzen wieder steigen, belässt es Ramelow bei kurzen Statements. Dabei wäre es an der Zeit, verbal auf den Tisch zu hauen, eine Linie vorzugeben und die Entwicklung der Deutungshoheit im Land nicht sich selbst zu überlassen.

Einen Fels in der Brandung kann so schnell nichts erschüttern. Der ist fest verankert, dient als Orientierung und trotzt jeder noch so massiven Welle. Und sei es eine durch Omikron. Die Welle kommt, aber wo ist der Fels in dieser Pandemie-Brandung, der Thüringen vorm Erschüttertwerden bewahrt, den Menschen als Anker dient und für Orientierung bei denen sorgt, die sich vom Leuchtfeuer der Fackeln irrleiten lassen? Ich sehe diesen Fels nicht. Und deswegen droht das Land von, ich sage bewusst: zum Teil, instrumentalisiertem Protest überschwemmt zu werden.

Ramelow ist abgetaucht

Qua Amt ist Bodo Ramelow der Fels der Thüringer. Stets hat er betont, der Ministerpräsident aller Menschen im Freistaat sein zu wollen, also auch derer, die ihn nicht gewählt haben. Gemessen an diesem Anspruch ist Ramelow derzeit nicht der Ministerpräsident derjenigen, die Orientierung suchen, brauchen oder staatlicherseits verordnet bekommen sollten.

Ramelow ist öffentlich kaum wahrnehmbar. Keine großen Interviews. Kein Tacheles. Und das in Zeiten, in denen Politiker vom Range Ramelows nicht mal auf öffentlich-rechtliche, private oder andere Publizisten angewiesen sind. Sie können selbst millionenfach Reichweite generieren, via Twitter, Telegram, Instagram oder Facebook. Ramelow kennt diese Klaviatur und er kann sie bedienen. Eigentlich.

Als die Social-Media-App "Clubhouse" vor Jahresfrist der neue Trend zu sein schien, war Thüringens Ministerpräsident einer der Ersten, der sich dort im vermeintlich geschützten Raum die Ehre gab. Doch dem Candy-Crush-Desaster folgte eben keine Corona-Kommunikations-Offensive im Sinne publizistisch gerechtfertigter Aufmerksamkeit. Und das enttäuscht, denn wir erleben nicht den Ministerpräsidenten, den wir kennen. Ramelow kann von cholerisch bis präsidial alles.

Ramelow hat bewiesen, dass er einerseits mit Worten die ganze Welt umarmen und anderseits verbal messerscharf Richtung politischen Gegner zielen kann.

Und jetzt? In einer der größten Krise des Landes! Weder noch. Der sonst omnipräsente Ramelow ist abgetaucht. Und das, obgleich er sich der Macht und Kraft öffentlicher Worte absolut bewusst ist. Ohne dieses Bewusstsein wäre Ramelow nicht der, der er heute ist.

Nur Wahrnehmbarkeit schafft Vertrauen

Weltweit sind sich Kommunikationsexperten einig, dass die Akzeptanz für Pandemiemaßnahmen und Impfkampagne da am größten ist, wo Regierungsvertreter den Bürgern regelmäßig und auf Kanälen mit großer Reichweite - unabhängig davon, ob nun TV oder Social Media - Begründungen für ihre Entscheidungen liefern. Das ist, ganz nebenbei, auch ein Zeichen dafür, dass die Menschen sehr wohl noch in Politik und ihre Vertreter vertrauen und gleichzeitig eben nicht eine Minderheit für eine Mehrheit spricht, wenn sie mit Fackeln und Pyrotechnik "spazieren geht".

Die zugegeben steile These lautet: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der atmosphärischen Entwicklung in Thüringen und dem mangelhaften Kommunikationsstil des Ministerpräsidenten. Nicht mess- aber spürbar.

Keine Reaktionen

Ramelow hat aufgehört, einzuordnen und zu erklären. Stattdessen lässt er Ministerien öffentlich untereinander streiten, Dinge erlassen und wieder zurücknehmen. Er lässt zu, dass nachgewiesen Rechtsextreme die eigentlich Vernünftigen für ihre menschenfeindlichen Motive vereinnahmen. Das kostet Vertrauen. Das untergräbt die Demokratie und das gefährdet den Zusammenhalt.

Ramelow muss öffentlicher agieren

Ich meine: Es braucht die "Rede zur Lage des Landes". Regelmäßig. Schonungslos ehrlich, selbstkritisch, aufklärerisch, optimistisch und motivierend. So formuliert, dass sich jeder angesprochen fühlt. Und ja: Auch diejenigen, von denen alle behaupten, man würde sie eh nicht mehr erreichen.

Herr Ramelow, Sie können das! Zeigen Sie es. Seien Sie endlich der Fels in der Brandung!

Quelle: MDR (jml)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 25. Januar 2022 | 19:00 Uhr

115 Kommentare

emlo vor 16 Wochen

@Ilse: Nichtwähler zählen nun einmal nicht in einer Demokratie. Ich nenne das "selbstgewähltes Elend". Wer nicht wählen geht und sich auch sonst nicht an demokratischen Prozessen beteiligt, dem steht es nicht zu sich lautstark zu beschweren.

emlo vor 16 Wochen

@micha72: Andere Gründe?! Meinen Sie, die Intensivpatienten haben einen kostenlosen Hubschrauber-Rundflug gewonnen? Bei manchen Kommentaren kann man nur noch mit dem Kopf schütteln!

Frau K. vor 16 Wochen

@Ich sag mal so

Ich sag mal so - es zeugt nicht von Diskussionswillen, wenn man andere Personen beleidigt.
Sind sie aus diesem Grund auf dieser Seite?

Mehr aus Thüringen

Insektenhotel für Wildbienen 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK