Krankenhäuser Thüringer Kliniken bekommen strengere Vorgaben für Operationen

Übung macht den Meister - das gilt auch im OP-Saal. Wer oft komplizierte Operationen ausführt, hat mehr Erfahrung, Routine und macht weniger Fehler. Seit 1. Januar gelten deshalb für einige Eingriffe bundesweit neue Mindestmengen. Das bedeutet auch Umstellungen für viele Thüringer Krankenhäuser.

  • Thüringer Krankenhäuser müssen bis 2025 eine jährliche Mindestmenge an Operationen durchführen, zum Beispiel für Brustkrebs oder Organtransplantationen.
  • Diese Routine und Erfahrungen sollen die Qualität der Behandlung verbessern.
  • Kleinere Häuser müssen sich daher künftig spezialisieren.

Thüringer Kliniken müssen sich seit Jahresbeginn auf verschärfte Mindestzahlen bei besonders anspruchsvollen Operationen einstellen. Bestimmte Erkrankungen dürfen künftig dann nur noch in Häusern operativ behandelt werden, die jährlich eine bestimmte Anzahl solcher OPs durchführen.

Festgelegt werden die OP-Mindestmengen durch den gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Bislang galten sie für sieben Leistungen, darunter so komplexe Eingriffe wie Leber -oder Nierentransplantationen oder bei Krebs an Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse.

Mindestmengen bei Lungenkrebs- und Brustkrebs-OPs

Zum Jahreswechsel wurden die Anforderungen auch auf Lungenkrebs- und Brustkrebs-Operationen erweitert. Brustkrebs-Operationen bieten derzeit noch mindestens 14 Thüringer Kliniken an, bald dürfen aber nur noch etwa die Hälfte dieser Krankenhäuser diese Eingriffe durchführen.

Laut Thüringer Krankenhausspiegel haben schon 2019 nur sieben Kliniken die neue Mindestmenge von 100 Brustkrebs-Operationen im Jahr erreicht. Die Krankenhäuser in Gotha, Arnstadt, Altenburg, Bad Salzungen, Weimar, Eisenach und Saalfeld lagen damals bereits darunter.

Eine Frau wird per Ultraschall auf Brustkrebs untersucht.
Frau bei der Brustkrebs-Frühuntersuchung: Operationen dürfen künftig nur noch von Kliniken durchgeführt werden, die jährlich mindestens 100 solcher Eingriffe durchführen. Bildrechte: PantherMedia / Arne Trautmann

Einige Krankenhäuser benötigen neuen Schwerpunkt

Diese Krankenhäuser, sagt Guido Dressel, Geschäftsführer der Techniker Krankenkasse (TK) Thüringen, müssten sich künftig auf andere Eingriffe fokussieren. Dabei sei das Ziel nicht, einzelne Standorte zu schließen, sondern mehr Behandlungsqualität für die Patienten zu sichern.

Anfang 2021 hatte die Techniker Krankenkasse eine Forsa-Umfrage zum Thema in Auftrag gegeben. Neun von zehn Thüringerinnen und Thüringern gaben dabei an, bei komplizierten Eingriffen das spezialisierte Krankenhaus dem Krankenhaus in Wohnortnähe vorzuziehen.

Betroffen sind auch Kliniken, die Operationen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs anbieten: Hier wurde die Mindestmenge von zehn auf 20 verdoppelt - damit können laut Techniker Krankenkasse elf von 16 Thüringer Krankenhäusern diese Operation künftig nicht mehr anbieten. Patienten mit Speiseröhrenkrebs dürfte künftig gar nur noch das Uniklinikum Jena operieren. Für die Versorgung von Frühchen müssen Krankenhäuser nun 25 statt bisher 14 Behandlungen im Jahr nachweisen.

Sendehinweis Die Zukunft der Thüringer Krankenhäuser ist auch Thema bei Fakt ist! aus Erfurt am Montagabend (20:15 Uhr im Livestream und 22:10 Uhr im MDR Fernsehen). Titel der von Andreas Menzel und Lars Sänger moderierten Sendung: "Zu teuer, zu viel, zu klein - Wie viele Krankenhäuser brauchen wir?"

Zwei Männer (Reporter Lars Sänger li. und Moderator Dr. Andreas Menzel re.)  in Anzügen stehen vor einer Wand mit dem Logo der Fernsehsendung "Fakt ist" 1 min
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Do 06.01.2022 15:35Uhr 00:36 min

https://www.mdr.de/fakt-ist/redaktionen/erfurt/fakt-ist-trailer-krankenhaus-montag-100.html

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Wirtschaftliche Probleme für Thüringer Kliniken befürchtet

Die Thüringer Krankenhausgesellschaft befürchtet deshalb wirtschaftliche Probleme für die betroffenen Kliniken, mit ernsten Folgen: "Wir brauchen die Häuser in der Fläche", sagt Geschäftsführer Rainer Poniewaß. "Gerade in den letzten Monaten haben die kleinen Häuser die von den Intensiv-Stationen der großen Maximalversorger zurückgekehrten Corona-Patienten abgenommen und so das System stark entlastet."

Poniewaß kritisiert, dass die Mindestmengen ausgerechnet jetzt neu betrachtet werden: "Wir sind mitten in der Corona-Pandemie, das heißt, die Krankenhäuser sind gerade verpflichtet, ihre Leistungen zurückzustellen. Insofern muss man kritisch hinterfragen, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Mindestmengen anzuheben!"

Der neue Thüringer Krankenhausplan, der sich des Problems unter anderem annehmen sollte, wurde wegen der Pandemie vom Thüringer Gesundheitsministerium ins kommende Jahr verschoben. Hier sieht TK-Geschäftsführer Guido Dressel eine Chance für die kleinen Häuser durch Spezialisierungs-Vorgaben des Landes. Doch viel Zeit für eine Umstellung bleibt nicht: Bis spätestens 2025 müssen die neuen Vorgaben zu den Mindestmengen vollständig umgesetzt werden.

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10. Januar 2022 | 19:00 Uhr

80 Kommentare

martin vor 1 Wochen

Eine Zertifizierung nach dem Motto "Übung macht den Meister" erscheint mir grundsätzlich genauso einleuchtend wie "Nicht jede Klinik muss alles können" - letzteres ist ja auch schon durch die Klassifizierung in "Grund-, Regel- und Maximalversorgung" angelegt. Mir fehlen aber bei dem Vorschlag zwei wichtige Aspekte:

1.) Wie kann verhindert werden, dass Patienten eine Behandlung aufgedrängt wird, damit die Zielzahl erreicht wird?

2.) Wie können sich Häuser weiter entwickeln, wenn sie bspw. einen neuen (Chef-) Arzt (oder Chefärztin) berufen wollen, der spezielle und für das Haus neue Fähigkeiten / Fertigkeiten (und vielleicht auch noch den einen oder anderen Oberarzt) mitbringen würde? Und das bezieht sich nicht nur auf die Chefärzte, sondern das können auch spezialisierte Ober- / Fachärzte sein.

maddin vor 1 Wochen

Das ist ja alles durchaus richtig, aber für jedwede „Infrastruktur“ ist nun einmal der Staat zuständig und dann möchten sich auch bitte die entsprechend von ihm dafür eingestellten und auch entlohnten Mitarbeiter ein paar Gedanken machen, wie man diese Steuerung/Planung hinbekommt. Ob mit temporärer Steuerfreiheit, satten Praxiszusschüssen oder sonstwas, da lässt sich doch materiell ganz sicher etwas deichseln?!

Freies Moria vor 1 Wochen

@Fakt: Wollen Sie nicht verstehen, daß die guten Ärzte schon längst in der Schweiz, in Schweden oder Norwegen arbeiten, die waren schon vor Corona weg. Gibt ganze Dokus im Fernsehen dazu, aber das war vor der Corona-Dauerschleife!

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