Homeschooling Schulcloud-Debatte: Lehrergewerkschaften kritisieren Datenschützer

Mit der Thüringer Schulcloud gibt es nicht nur technische Probleme, auch der Datenschutz macht Schwierigkeiten. Die Lehrergewerkschaften fordern vom Datenschutzbeauftragten Lutz Hasse einen konstruktiveren Umgang mit Homeschooling. Dieser weist die Kritik zurück.

Mädchen beim Homeschooling
Mädchen beim Homeschooling. Bildrechte: imago images/ Jochen Tack

Thüringer Lehrergewerkschaften fordern vom Landesdatenschutzbeauftragten Lutz Hasse einen konstruktiveren Umgang mit Homeschooling. Hintergrund sind die technischen Probleme und Defizite der Schulcloud. Die unzuverlässige Web-Lösung ist die einzige vom Bildungsministerium und dem Datenschutzbeauftragten zugelassene Plattform für Fernunterricht. Obwohl es technische Alternativen gäbe, mangelt es laut der Gewerkschafter an verbindlichen Aussagen zu deren Zulässigkeit.

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Kathrin Vitzthum, sagte MDR THÜRINGEN, ihrer Meinung nach sei statt des schnellen Verweises auf Bußgelder und Verbote ein lösungsorientiertes, begleitendes Vorgehen im Bereich Bildung angebracht. Schließlich handele es sich um staatliche Daseinsvorsorge. Solange die Probleme mit der Schulcloud andauerten, müssten Zwischenlösungen gefunden werden.

Als Kompromiss sehe die GEW, dass persönliche Daten wie Noten ausschließlich über die Schulcloud übermittelt werden, aber der Fernunterricht selbst über andere Plattformen ermöglicht werde. 

Hasse will deutlicher kommunizieren

Der Datenschutzbeauftragte Lutz Hasse sagte MDR THÜRINGEN, es spreche nichts gegen eine solche Aufteilung. Auch deshalb wendeten sich derzeit sehr viele Schulleitungen, Lehrer und Eltern insbesondere mit Fragen zur Zulässigkeit von Videokonferenzsystemen an ihn. Diese Einzelanfragen beantworte seine Behörde priorisiert und mit klaren Empfehlungen.

Allerdings fürchte er wettbewerbsrechtliche Auseinandersetzungen, falls er öffentlich einzelne Systeme empfehlen oder von dessen Einsatz generell abraten würde. Seine Behörde sei schließlich keine Zulassungs- oder Zertifizierungsbehörde.

Allerdings verweise er auf das Ampel-System für Videokonferenztools der Berliner Datenschutzbeauftragten. Hasse sagte, er mache sich deren Einschätzung zu eigen und wolle das künftig deutlicher kommunizieren. Hasse sagte, als Schulleitung würde er dennoch einzig auf die datenschutzkonforme Schulcloud setzen.

Sensible Daten sollen nicht ausgewertet werden

Rolf Busch vom Thüringer Lehrerverband (TLV) sagte MDR THÜRINGEN: "Verglichen mit anderen Bundesländern haben wir den Eindruck, dass es bei uns mit dem Datenschutz übertrieben wird." Die Kollegen fragten sich, wieso bayerische Schulen Microsoft Teams einsetzen dürften, während das "bei uns bei Höchststrafe verboten ist". Der Datenschutzbeauftragte solle seine Spielräume nutzen und klar sagen, was unter welchen Bedingungen eingesetzt werden dürfe, so Busch. 

Natürlich sei es der Job des Datenschutzbeauftragten dafür zu sorgen, dass sensible Schülerdaten nicht auf amerikanischen Servern gespeichert und ausgewertet werden. Er stelle sich aber auch die Frage, ob eine im Vergleich besonders enge Datenschutzauslegung nicht am Ende größeren Schaden für die Schüler verursacht, als eine der Krise angemessen lockerere. Der Thüringer Datenschutzbeauftragte lehnt diese Argumentation ab:

Ich habe meine Probleme damit, in der Krise mit den Daten von Kindern großzügiger umzugehen.

Lutz Hasse

"Darüber müsste man vielleicht nachdenken, wenn es keine Alternativen gebe." Aber mit der Schulcloud gebe es die und deren Hacking- und Kapazitätsprobleme seien inzwischen behoben. Deshalb sehe er keine Veranlassung "die Zügel locker zu lassen".

Frustrierte Pädagogen

Für den Lehrerverband ist die Situation unbefriedigend. Viele Pädagogen seien frustriert, weil ihnen "ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen" würden, sagte Rolf Busch. Ganz eindeutig habe der Thüringer Datenschutzbeauftragte Lutz Hasse mit seiner öffentlichen Bußgeldandrohung für engagierte Lehrerinnen und Lehrer bundesweit der Digitalisierung der Schulen geschadet und für Frustration gesorgt.

Und auch das werde noch getoppt. Denn überhaupt nicht passe es, wenn Schulen einzig die Schulcloud nutzen dürfen, sich aber Bildungsminister Helmut Holter für Ende Januar zu den Digitalen Schülertagen zum Live-Gespräch auf der zum amerikanischen Facebook-Konzern gehörenden Plattform Instagram ankündigt. Das lässt laut Busch jeden Vorbildcharakter vermissen.

Quelle: MDR THÜRINGEN/seg

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 14. Januar 2021 | 07:20 Uhr

7 Kommentare

Hobby-Viruloge007 vor 16 Wochen

Ich hätte nicht gedacht, dass ich Herrn Hasse einmal verteidigen würde -aber:
Bildung ist eine hoheitliche Kern-Landes-Aufgabe wie z.B. Polizei. Dies sollte ohne (amerikanische) Privatfirmen abgewickelt werden. (Technisch geht dies mit Open Source und in Europa bestehenden Servern sehr wohl.) Das Land hatte knapp ein Jahr Zeit, eine funktionierende Lernplattform für alle Schüler zum laufen zu bringen. Das Projekt selbst gibt es übrigens ja schon seit Jahren. Bis heute funktioniert die Plattform nicht richtig. Dafür ist das Bildungsministerium und nicht der Datenschutz verantwortlich.
Im Übrigen ist der Datenschutz bei der Thüriger HPI Schulercloud auch zweifelhaft, da werden zum Beispiel Daten ohne die Zustimmung der Eltern an die Schülercloud weitergegeben (im Schülercloud-Anmeldeprozess liegen die Schülerdaten bereits vor der Anmeldung vor) . Der Datenschutzbeauftragte der Schülercloud hält es nicht einmal für nötig auf Anfragen zu antworten.

Atheist vor 16 Wochen

Ach was waren das noch für Zeiten als der Lehrer die Noten der Klassenarbeit allen Schülern vorlesen durfte, als Schüler und Eltern das Klassenbuch einsehen durften, Zeugnisse vorgelesen wurden, Kinder zusammen aus einer Flasche trinken durften....
Wenn Datenschutz Bildung und Miteinander verhindert ist es eh zu späht.
Hauptsache wir schreiben jetzt * innen, da sind sich alle einig.

Frank2020 vor 16 Wochen

Apple, Google, Facebook, Microsoft, Instagramm, Twitter, Facebook, Amazon, eBay, YouTube, Twitter, Steam, Netflix, Minecraft, Fortnite, WhatsApp, Epic Games..., und auf der anderen Seite die DEUTSCHE SCHULCLOUD, ich lache mich schief. Wir können nur untergehen.

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