Maschinelles Lernen Warum Künstliche Intelligenz nur langsam ihren Weg in die Thüringer Wirtschaft findet

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI), auch als maschinelles Lernen bezeichnet, wird auch in der Wirtschaft immer wichtiger. Viele Thüringer Unternehmen sind noch zögerlich. Woran das liegt - und warum die Skepsis langsam weniger wird.

Illustration - Entwicklung der künstlichen Intelligenz, menschliches Gehirn mit vernetzten Mikrochips
Künstliche Intelligenz ist der Oberbegriff für Prozesse, in denen Computer in die Lage versetzt werden, die Lösungen für komplexe Probleme selber zu finden. Bildrechte: imago images / Westend61

Künstliche Intelligenz - viele denken bei dem Begriff an Science Fiction. Dabei ist die Technologie schon jetzt aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Da ist die Video-App, die unser Sehverhalten analysiert und passende Vorschläge zum Weiterschauen macht. Oder der Saugroboter zuhause, der seine Bahnen nach dem Ersteinsatz immer präziser ziehen kann, weil die Steuerung die häusliche Umgebung kennengelernt hat. KI-Anwendungen sind selbstlernende Systeme: je mehr Daten sie bekommen, umso besser können sie werden. Der Prozess wird auch als "maschinelles Lernen" bezeichnet.

Stilisierte Grafik: Auf einem Roboter sitzt Person mit Smartphone. 2 min
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2 min

Was ist eine KI und was heißt es genau, wenn davon gesprochen wird, dass irgendetwas "mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz“ entstanden ist?

MEDIEN360G Mi 01.09.2021 11:00Uhr 01:58 min

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Auch in der Wirtschaft lässt sich die KI-Technologie einsetzen - vor allem in der Produktion. Ein Beispiel ist die "vorausschauende Wartung": Sensoren an Maschinen messen Temperatur, Druck oder Drehzahlen. Die Messdaten werden mit Hilfe eines KI-Algorithmus ausgewertet. Dadurch lassen sich der Verschleiß von Bauteilen berechnen und ein Zeitpunkt für den möglichen Ausfall einer Maschine vorhersagen. Damit KI von Unternehmen verwendet werden kann, muss digitalisiert werden - ohne Daten keine KI. Und da liegt der Haken.

Voraussetzungen in den Unternehmen fehlen

In den Thüringer Unternehmen müssen die Voraussetzungen für KI erst noch geschaffen werden, sagt Mauricio Matthesius. Der Leiter des Thüringer Kompetenzzentrums Wirtschaft 4.0 betrachtet die aktuelle Situation nüchtern. Erst wenn einzelne Abläufe in Unternehmen digitalisiert sind, kann über den Einsatz von KI nachgedacht werden. Über 90 Prozent der Unternehmen in Thüringen sind kleine oder Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und viele dieser Betriebe haben nicht das Personal und die finanziellen Mittel, um über den Einsatz von KI nachzudenken.

Mauricio Matthesius, der Leiter des Thüringer Kompetenzzentrums Wirtschaft 4.0
Mauricio Matthesius, der Leiter des Thüringer Kompetenzzentrums Wirtschaft 4.0. Das Zentrum berät Unternehmen rund um das Thema Digitalisierung. Bildrechte: Axel Clemens

Das Interesse an Digitalisierung ist bei den Unternehmen zwar gestiegen: Seit Beginn der Corona-Pandemie berät das Kompetenzzentrum Wirtschaft deutlich häufiger dazu. Bis 2019 waren es jährlich etwa 300 bis 500 Beratungen, 2021 schon 1.000. Wie viele Thüringer Unternehmen KI einsetzen, ist offen - es gibt keine offiziellen Daten. Bundesweit wird KI von etwa acht Prozent der Unternehmen eingesetzt.

Bunte Start-up-Szene in Thüringen

In Thüringen sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von KI-Startups entstanden - oftmals aus den Universitäten und der Forschung heraus. Das in Ilmenau ansässige Thüringer Zentrum für Lernende Systeme und Robotik (TZLR) will Lehre, Forschung und Wirtschaft miteinander verbinden. Mitarbeiter Johann Lembach beschreibt die Thüringer KI-Landschaft als vielfältig: Da würden Nutzerdaten analysiert, Lieferketten optimiert oder gefälschte Dokumente mit KI-Algorithmen aufgespürt. KI ist für die Jungunternehmen ein Werkzeug, mit dessen Hilfe komplexe Datenmengen analysiert werden können. Sie entwickeln die Algorithmen, programmieren die passende Software und bieten den Unternehmen somit neue Möglichkeiten und Lösungen an.

Johann Lembach, Transferkoordinator beim TZLR
Johann Lembach vom Zentrum für Lernende Systeme und Robotik in Ilmenau Bildrechte: MDR/Lisa Wudy

Mittels KI Brustkrebs erkennen

Das KI-Start-up "Novu" ist ein Gründungsprojekt der TU Ilmenau und hat seinen Schwerpunkt auf den medizinischen Bereich gelegt. Das Team bietet Krankenhäusern eine Software an, die mit Hilfe von KI-basierter Bilderkennung besser und schneller Brustkrebs erkennen soll - möglichst frühzeitig und ohne Diagnosefehler. Das Unternehmen arbeitet mittlerweile mit Radiologinnen und Radiologen aus der ganzen Welt zusammen.

Mammographie-Aufnahmen zur Erkennung von Brustkrebs
Mit Hilfe von KI-basierter Bilderkennung kann Brustkrebs schneller erkannt werden. Bildrechte: novu GmbH

Durch dieses Wissen und die gesammelten Datenmengen können die KI-Algorithmen immer präziser werden. Gleichzeitig setzt sich das Unternehmen auch dafür ein, dass KI in der Medizin schneller zum Einsatz kommt. Das Start-up hat erkannt, dass viele gute KI-Anwendungen aus der Forschung nicht bei den Krankenhäusern ankommen. Novu-Projektleiter Sherif Emam sieht als Gründe eine fehlende Benutzerfreundlichkeit der Anwendungen und Datenschutzrichtlinien. Und: bei der Programmierung werde die Krankenhaus-IT nicht berücksichtigt. Dafür hat das Novu-Team eine Lösung entwickelt.

Novu-Projektleiter Sherif Emam mit seinem Team
Novu-Projektleiter Sherif Emam mit seinem Team Bildrechte: novu GmbH

Planungssicherheit vor Risikobereitschaft

Kompetenzzentrum-Chef Matthesius, Uni-Mitarbeiter Lembach und Novu-Projektleiter Emam schildern alle ähnliches Problem: Wenn es um den Einsatz von KI geht, reagierten Unternehmen oft zögerlich. Sie scheuten den Einsatz von KI und die Zusammenarbeit mit Start-ups. Matthesius sagt, dass das daran liege, dass Planungssicherheit bei den Unternehmen im Vordergrund steht.

Wenn keine Planungssicherheit gesehen wird, dann wird gerne auch mal auf Innovation verzichtet.

Mauricio Matthesius, Leiter des Thüringer Kompetenzzentrums Wirtschaft 4.0

Vielleicht lassen sich die Unternehmen auch von der Furcht leiten, dass neue Technologien Arbeitsplätze kosten könnten? Matthesius entgegnet, die Frage stelle sich gar nicht: Es fehlten Fachkräfte, und der demographische Wandel werde daran nichts ändern. KI kann diese Lücke schließen helfen, sagt Matthesius.

Auch in der Medizin hat anfänglich die Skepsis überwogen. Allmählich rückt sie in den Hintergrund, die Anwendungsprogramme sind in der heutigen Diagnostik kaum noch wegzudenken. Projektleiter Emam hat das Gefühl, dass das Vertrauen in KI-Systems wächst. "Die Botschaft von KI war anfangs falsch, dass KI die Ärztinnen und Ärzte ersetzt. Es geht um Unterstützung".

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Screenshot einer Videokonferenz mit vier Menschen: den beiden Podcastmachern Marcel Roth und Stephan Schulz und ihren Gästen Alexander Alten-Lorenz und Doris Aschenbrenner 88 min
Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

MDR (sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 31. März 2022 | 18:40 Uhr

5 Kommentare

martin vor 19 Wochen

@freies moria: zutreffend beschrieben. Wobei das Einschlagen eines kleinen Nagels mit einer größeren Zange sogar gelegentlich funktioniert. Schwieriger ist der Einbau einer Schraube mit dem Hammer...

Freies Moria vor 19 Wochen

Viele Unternehmen sind durchaus in der Lage eigenständig Lösungen zu entwicklen. Diese Unternehmen betrachten "KI" eher als ein statistisches oder heuristisches Werkzeug im Werkzeugkasten - und sind dann auch erfolgreich.
Denn wie die Blockchain ist KI kein Allheilmittel sondern ein Werkzeug für ganz bestimmte Situationen. Und je spezifischer das Werkzeug, desto krasser versagt es, wenn man es fachfremd einsetzt.
Das weiß jeder, der einen Nagel mit einer Zange oder gar einem Schraubendreher einschlägt, denn die Situation ist ganz genau dieselbe.

Karl Schmidt vor 19 Wochen

Atheist:
Sie beweisen höchstselbst, wie wichtig die Entwicklung solcher Technologien ist.

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