Arafats Thüringer "General" - Wo ist Udo Albrecht? Erste, zweite und dritte Flucht

31. März 2019, 05:00 Uhr

In der Haft kommt Albrecht mit Menschen in Kontakt, die ihn politisch radikalisieren. Rückblickend beschreibt Albrecht: "Während meiner Haftzeit bis 1966 kam ich mit Personen zusammen, die im sogenannten Dritten Reich schon aktiv waren und deshalb in Westdeutschland verfolgt wurden. Es wurde von Organisationen und Freikorps gesprochen, die ich nach meiner Haftentlassung nicht vorfinden konnte. [...] Das Ziel dieser Organisationen sollte es sein, die in Deutschland vorhandenen Handlangersysteme der Siegermächte zu zerschlagen und durch ein mehr nationales System zu ersetzen." Über die Jahre radikalisiert sich Albrecht weiter. Aus dem jugendlichen Antikommunisten wird ein Neonazi und zunehmend auch ein Antisemit bzw. Antizionist. Albrecht ist schließlich hochideologisiert mit einem aggressiven Weltbild. Im Gefängnis ist er lange Zeit in der Bibliothek beschäftigt und liest viel über Politik. "Aus jener Zeit", so heißt es in einem Urteil, "liegt eine Fülle von Aufzeichnungen vor, die vor allem Gedankengut und Redensarten aus dem sog. Dritten Reich enthalten." Am 7. Januar 1966 wird Albrecht aus der Strafanstalt Siegburg entlassen. Die Reststrafe wird bis zum 26. Dezember 1968 auf Bewährung ausgesetzt. Albrecht geht nach Krefeld, sein Geld verdient er bei einer Maklerfirma.

Gleichzeitig beginnt er mit einem Komplizen, den er im Gefängnis kennengelernt hat, das alte Spiel: Blanko-Kfz-Dokumente sollen beschafft und mit den gefälschten Dokumenten gestohlene Autos verkauft werden. Sie brechen in die Gemeindeverwaltung von Tönisberg, die Stadtverwaltungen von Geldern und Viersen sowie in die Kreisverwaltungen von Altena und Lippstadt ein. In Nordrhein-Westfalen und in den Niederladen stehlen sie Autos.

Erste, zweite und dritte Flucht

Im Oktober 1966 wird Albrecht erneut festgenommen. Er hatte in der Nähe von Moers einen Verkehrsunfall, bei dem er verletzt wird. Nach der Einlieferung ins Krankenhaus findet die Polizei in dem Unfallwagen gestohlene Dienstsiegel und verschiedene gestohlene Blanko-Formulare. Gegen Albrecht wird Haftbefehl erlassen. Mit Hilfe eines Krankenpflegers kann Albrecht am 15. Oktober 1966 aus dem Krankenhaus fliehen, wird aber noch am gleichen Tag wieder festgenommen und zurück ins Krankenhaus gebracht. Es ist seine erste Flucht. Ein Jahr später ist er erfolgreicher: Als er am 12. September nach einem Haftprüfungstermin in das Gefängnis nach Krefeld zurückgebracht werden soll, gelingt ihm die Flucht.

Albrecht geht nun nach Vorarlberg in Österreich und von dort nach Liechtenstein und in die Schweiz. Am 18. Oktober stiehlt er in Schaan (Fürstentums Liechtenstein) einen VW 1300. In den folgenden Tagen begeht er verschiedene Diebstähle in Wochenendhäusern, Geschäften und Büros, um sich Kleidung und Nahrung zu beschaffen. Als er am 20. Oktober 1967 im Restaurant "Rössli" in Rothenthurm, Kanton Schwyz, versucht, gestohlene Goldstücke zu verkaufen, wird er von einem misstrauischen Gast beobachtet. Die alarmierte Polizei fahndet nach dem Unbekannten und kann ihn in einem VW in Küssnacht stoppen. Nach einem Fluchtversuch wird Albrecht festgenommen. Er weigert sich zunächst, seinen Namen zu nennen - gibt sich dann aber als "Manfred Kaiser" aus Gerstungen aus. Wohnhaft: Haus der SED. Er sei über Ungarn aus der DDR geflohen. Im Auto finden die Beamten Blanko-Formulare für Führerscheine, Personalausweise, Personalausweise und verschiedene Stempel. Sie stammen aus einem Einbruch in die Bezirkshauptmannschaft Bregenz (Österreich).

Flucht aus dem "Abstellzimmer"

Fünf Tage später, am 25. Oktober 1967, gelingt Albrecht aus einem "Abstellzimmer" der Kantonspolizei in Zug die Flucht. Es ist die nunmehr dritte Flucht Albrechts aus einem Gewahrsam. Den Schweizer Beamten ist bis dahin nicht klar, dass ihnen Udo Albrecht entwischt ist. Im Fahndungsblatt der Schweizer Polizei wird zunächst "Manfred Kaiser", der sich auch "Graf Helmar Adolf von Brandenburg" nennt, gesucht. Nähere Angaben: geboren am 10. April 1940 in Hörschel bei Eisenach, Beamter. Besondere Kennzeichen: vermutlich ostpreußischer Dialekt. Fünf Tage später ergänzen die Schweizer Beamten den Fahndungsaufruf: "Manfred Kaiser" sei identisch mit Helmar Alfred Albrecht. Der Vorname Udo fehlt. Der Deutsche sei "vorbestraft wegen Falschmünzerei, Fahrzeugdiebstahls usw." Die Schweizer hatten "Kaisers" Fingerabdrücke über Interpol abgleichen lassen - und beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden einen Treffer.

Fingerabdrücke von Udo Albrecht
Die Fingerabdrücke von Udo Albrecht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf der Flucht geht Albrecht nach eigenen Angaben nach Basel. Dort sei es ihm gelungen, wieder Kontakt zum "Freikorps" herzustellen. Ob es dieses "Freikorps" wirklich gibt ist fraglich. Zwar gibt Albrecht an, dass dieses ihn mit Geld ausgestattet und ihn beauftragt habe, Kurierdienste im Ausland zu leisten. Doch wahrscheinlich ist es eher ein Phantom, hinter dem Albrecht seine kriminellen Aktivitäten versteckt. Albrecht fährt nach Belgien, dann nach Frankreich und schließlich nach Schweden. "Während dieser Zeit", sagt er später in einer Vernehmung, "ging ich keiner Beschäftigung nach, sondern arbeitete ausschließlich nur noch für unsere Organisation." Albrecht nennt sich nicht nur "Manfred Kaiser", sondern auch "Wilhelm Fischer", "Wilhelm Graf", "Johann Fromm", "Dr. Krüger", "Jansen", "Graf Brandenburg" oder "Reinhard Wagner".

Die gestohlenen Blanko-Personalausweise

Anfang Dezember bricht Albrecht in die Kreisverwaltung Plön ein. Er erbeutet Pässe, Siegel und Stempel. Am 7. Dezember 1967 werden in der Kreisverwaltung Hameln-Pyrmont 50 Blanko-Personalausweise gestohlen. Ausweise aus der Serie nutzt Albrecht später. Im Dezember stiehlt Albrecht außerdem zahlreiche Autos. Am Neujahrstag 1968 bricht Albrecht auch in das Landratsamt Springe (Niedersachsen) ein. Dort werden neben Blanko-Personalausweisen auch Blanko-Zulassungsscheine, Blanko-Führerscheine und Jagdscheine entwendet. Albrecht streitet später die Tat ab. Überall in Europa legt Albrecht in den kommenden Jahren Erd-Depots an. Darin befinden sich Blanko-Pässe, Waffen, Sprengstoff und (Falsch-)Geld. Sogar unter dem Sarkophag von Mussolini in Italien soll sich ein Depot befunden haben.

Sympathie für die Palästinenser

Auch politisch ist Albrecht aktiv. Rückblickend schildert er, dass er sich seit Mitte der 60er-Jahre mit der "nationalen Frage" beschäftigt habe. "Ich machte mir Gedanken darüber, wie unser Volk und Staat nach dem Kriege von den Siegern geteilt und unterdrückt wurde." So habe er Sympathie für die Palästinenser empfunden, "weil diese Menschen sich auch gegen die zionistische Gewalt wehren müssen." Er gründet das "Freikorps Adolf Hitler" und das "Freikorps Arabien". Rückblickend sagt er, dass es ihm "vor allem um einen Kampf gegen den Zionismus, allerdings damals noch von einer wesentlich neofaschistisch geprägten Grundhaltung" ausgegangen sei. Die Gruppen hätten allerdings nur auf dem Papier bestanden. Im "Freikorps Adolf Hitler" habe er nur einen Mitstreiter gehabt. Und Aktionen habe es keine gegeben. Beim "Freikorps Arabien" sei es ihm darum gegangen, "Personen zu sammeln, die bereit sind, aktiv und mit der Waffe gegen den Zionismus, das heißt gegen Israel auf Seiten der Palästinenser zu kämpfen." Bei der Werbung von Mitstreitern habe er mit dem "Bund Heimattreuer Jugend" kooperiert. Den Neonazi Klaus Jahn vom BHJ habe er in Hannover kennengelernt. Jahn und der rechtsradikale BHJ suchen junge Freiwillige, die für Aufbauarbeiten in arabische Länder reisen, um damit den Kampf gegen Israel zu unterstützen. Albrecht und Jahn schmieden den Plan, gemeinsam ein "Hilfskorps Arabien" aufzubauen.

Bundesanwaltschaft ermittelt

Später sagt Albrecht aus, dass er sich 1968 mit Vertretern der Arabischen Liga in Bonn und Paris in Verbindung gesetzt habe und so den ersten Kontakt zur Fatah, der militanten Bewegung für die Befreiung Palästinas, erhalten habe. Nachdem die Palästinenser das Vorhaben eines klassischen Guerillakampfes nach dem israelisch-arabischen Krieg von 1967 aufgegeben haben, beginnen sie ihren "bewaffneten Kampf" zu internationalisieren. Von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1980er-Jahre sind die palästinensischen Terrorgruppen die aktivsten in der Welt. Sie sind für mehr internationale Terrorakte verantwortlich als jede andere Bewegung. Albrecht wird dabei zu ihrem Helfer. Er gibt zunächst erbeutete Passvordrucke an die Fatah weiter. Die wesentliche Klammer ist, über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg, der Antisemitismus. Gleichzeitig knüpft Albrecht Kontakt in die rechtsextremistische Szene in Italien und Österreich. Die Aufenthalte im Ausland nutzt Albrecht außerdem, um mit falschen Pässen legal Waffen zu kaufen. Nach eigenen Angaben kauft er mehrere Pistolen. Die Bundesanwaltschaft leitet 1968 gegen Albrecht wegen Geheimbündelei zwei Verfahren ein: 1BJs 11/68 und 4 BJS/68.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2019 | 06:00 Uhr