Honig | Wurst | Bier "Geprüfte Qualität aus Thüringen" - Qualitätssiegel fristet Nischendasein

Porträt Karsten Heuke
Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

150 Produkte wie wie Brot, Wildfleisch, Gemüse und Honig tragen das Siegel "Geprüfte Qualität aus Thüringen". Sie müssen mindestens 90 Prozent Thüringer Zutaten enthalten. Deshalb verliert das Siegel für größere Hersteller an Attraktivität.

Der Hauptbahnhof in Erfurt
Auch am Erfurter Hauptbahnhof wird für das Siegel geworben. Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Das staatliche Regionalsiegel "Geprüfte Qualität aus Thüringen" verliert für größere Lebensmittelhersteller zunehmend an Attraktivität. Joachim Schweizer, Unternehmer und Vorstandsmitglied es Thüringer Ernährungsnetzwerks, sagte MDR THÜRINGEN, es sei schwierig, die benötigten Rohstoffmengen in Thüringen zu bekommen.

Gerade mittelständische Unternehmen, die ihre Produkte über die Landesgrenzen hinaus verkaufen, könnten die Siegelkriterien kaum erfüllen und fühlten sich nun weniger einbezogen. Zudem sei der Dialog mit dem Landwirtschaftsministerium mit dem Weggang von Birgit Keller (Linke) abgerissen.

Nur noch halb so viele Siegelprodukte

Wenn Verpackungen das Zeichen "Geprüfte Qualität aus Thüringen" tragen, dann muss die Ware zu mindestens 90 Prozent aus Thüringer Zutaten bestehen. Vor der Verschärfung Mitte 2018 waren 50,1 Prozent regionale Inhaltsstoffe ausreichend. Als Folge hat sich die Zahl an Produkten mit dem Siegel auf 150 etwa halbiert und das Qualitätszeichen ist in Geschäften weniger präsent. Somit sinkt auch die Bekanntheit.

Lebensmittelsiegel
Um dieses Siegel geht es. Bildrechte: TMIL

Eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums sagte MDR THÜRINGEN, natürlich sei es das Ziel, dass sich viele Unternehmer für das Qualitätszeichen entscheiden und in Läden viele Lizenzprodukte zu finden sind. "Dieser Prozess verläuft langsamer, als wir es erwartet hatten", so die Sprecherin. Das Zeichen eigne sich schließlich für Unternehmen, die den ungebrochenen Trend zu regionalen Produkten für sich nutzen wollten.

Jeder Verbandsimker zählt extra

Aktuell tragen 150 Produkte wie Brot, Wurst, Honig, Kartoffeln und Blumen von 86 Anbietern das Siegel. Das sind laut Ministerium sieben Produkte mehr als vor einem Jahr. Nur wenige Produkte größerer Hersteller sind darunter und es sind faktisch weniger Produkte als die Gesamtzahl vermuten lässt.

So sind 25 der aufgelisteten Anbieter einzelne Imker, die ihren Honigertrag mit der Siegel-Lizenz des Landesverbandes der Thüringer Imker schmücken. Und im Fall von Hühnereiern werden Sechser- und Zehnerpacks eines Agrarbetriebes als separate Produkte gezählt. 

Balkonpflanzen mit Regionalzeichen

Bei nur einem Drittel der 150 Produkte handelt es sich um verarbeitete Lebensmittel wie Brot, Rostbratwurst, Stracke, Sauerkraut, Butter, Kräuterschnaps und Bier. Gar nicht dabei sind komplexere Lebensmittel wie Fertiggerichte oder Süßigkeiten, bei denen es Verbraucher naturgemäß schwer haben, die Zusammensetzung zu ergründen.

Die meisten Siegelwaren sind einfache Urprodukte, wie Wildfleisch, Eier, Honig, Kartoffeln, Paprika, Salatköpfe und Tomaten. Zudem sind nicht nur Lebensmittel dabei. Gärtnereien nutzen für 19 Produkte wie Obstgehölze, Blumen, Beet- und Balkonpflanzen das Zeichen "Geprüfte Qualität aus Thüringen" ebenfalls.

Geprüfter Butterstollen aus Gefängnisbäckerei

Zusätzlich zu den erwähnten 150 Produkten gibt es - nur noch bis Ende des Jahres - eine zweite Kategorie des Qualitätszeichens. 33 Produkte von zwölf Unternehmen nutzen laut Ministerium noch das Übergangszeichen "Geprüfte Qualität - Hergestellt in Thüringen". Unter anderem trägt der Butterstollen aus der Bäckerei der Justizvollzugsanstalt Tonna das Zeichen mit diesem Schriftzug.

Hierfür reicht ein Thüringer Zutaten-Anteil von 50,1 Prozent. Die Hoffnung, dass viele dieser Produkte noch zum verschärften Siegel wechseln, schwindet.

Kati Wilhelm und vergünstigte Messe-Teilnahme

Das Landwirtschaftsministerium will gegensteuern und hat mit einer Agentur "Konzepte erarbeitet, um bei den Herstellern für das Qualitätszeichen zu werben und über die Ziele und Vorteile aufzuklären". Die Lizenznehmer sollen unter anderem von Verbraucherwerbung für das Siegel profitieren, für die dem Ministerium jährlich 340.000 Euro zur Verfügung stehen.

So wirbt die frühere Biathletin Kati Wilhelm seit 2019 für das Qualitätszeichen des Landes als sogenannte Genussbotschafterin. Und das Ministerium verantwortet die Internetseite regionalschmecken.de sowie mehrere Social-Media-Auftritte rund um das Siegel. Auch prangt das Regionallogo beispielsweise übergroß an der Fassade des Erfurter Hauptbahnhofes. Außerdem können die Unternehmen vergünstigt an Messen teilnehmen, wenn diese wieder stattfinden können.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 27. Februar 2021 | 18:00 Uhr

6 Kommentare

Freies Moria vor 6 Wochen

Ich kaufe nie nach Siegel, weil diese größtenteils Geldschneiderei sind. Welche Firmen lokal produzieren läßt sich in Erfahrung bringen und dann kann man deren Produkte kaufen.
Aber auch lokale Firmen, die woanders produzieren lassen, beschäftigen hier Menschen und halten die hiesige Wirtschaft in Gang - die entfernte Produktion würde ohne die lokale Firma sicher genauso existieren.

Ritter Runkel vor 6 Wochen

Als Qualitätssiegel müssen die Ansprüche hoch sein, eine Abstufung bei den verarbeitenden Lebensmitteln ist ja denkbar zum Beispiel: Gold, Silber, Bronze.
Aber an dem Anspruch der Regionalität scheitert das Landwirtschaftsministerium auf der Internetseite, man findet unter der Rubrik Rezepte kaum regionale Rezepte.

part vor 6 Wochen

Heimische Produkte haben einen Vorteil, sie dürfen nicht mit Agrarchemie in Berührung kommen, die zwar in Deutschland hergestellt wird, aber hier nicht angewendet werden darf. Ausreichend Chemie der altbekannten Hersteller kann trotzdem darin enthalten sein, außer bei BIO- Produkten, die überwacht werden durch eigene Kontrollen. Für die offizielle Überwachung der Produkte fehlt es leider im Freistaat an ausreichend Kontrollorganen, wie bei den Finanzämtern, aber nicht erst seit MP Bodo R., wobei Thüringen nicht unter dem Bundesdurchschnitt liegen dürfte. Wenn ich jedoch selbst sehe und Höre von anderen Leuten was hierzulande gespritzt wird, dann wird mir übel, nicht nur über nach dem Einatmen der Nebelschwaden bei ungünstigem Wind.

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