Arbeitsschutz Arbeitszeit lückenlos erfassen: Thüringen will Logistik-Betriebe stärker kontrollieren

Arbeitsministerin Heike Werner (Linke) will den Arbeitsschutz in Logistikunternehmen wie Amazon stärker kontrollieren. Das Land habe seine personellen Ressourcen in diesem Bereich bereits ausgeweitet. "Aber das ist noch nicht ausreichend, weil wir sehen, dass immer wieder versucht wird, auch entsprechende Dinge zu unterlaufen", sagte sie MDR THÜRINGEN.

Amazon Paketfahrerin bei der Auslieferung
Seit Monaten in der Kritik: Arbeitsbedingungen von Fahrerinnen und Fahrern, die Amazon-Lieferungen transportieren. Bildrechte: IMAGO / Martin Wagner

Die Arbeitsministerin forderte erneut, dass in allen Lieferwagen die Arbeitszeit der Fahrer elektronisch und lückenlos erfasst wird. Dies sei die einzige Möglichkeit, um nachverfolgen zu können, wie die Fahrer tatsächlich arbeiten.

Bund-Länder-Gespräche erst geplant

Das Erfassen von Lenkzeiten in allen Fahrzeugen von Paketlieferern sei auch Thema einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die sich laut Werner demnächst wieder treffen wird. Ob und wann dazu eine Entscheidung getroffen wird, ist allerdings offen. Das dafür zuständige Bundesarbeitsministerium hält sich bedeckt. Der Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen sehe dazu einen Dialog mit den Sozialpartnern vor, hieß es auf Anfrage von MDR THÜRINGEN.

Beratungsstelle: Mehr Verteilzentren, neue Probleme

Mittlerweile mehr als 200 Paketfahrer und -fahrerinnen, meist aus Drittstaaten, haben sich an die Beratungsstelle der Fairen Mobilität in Erfurt gewandt. Sie alle klagen über zu lange Arbeitszeiten und unregelmäßige Pausen. Angestellt sind sie bei Sub- bzw. Sub-Subunternehmen, die für den Online-Versandhändler Amazon arbeiten und vom Verteilzentrum in Erfurt-Stotternheim aus Pakete in Thüringen ausliefern. Beraterin Tina Morgenroth sagte, zwar habe Amazon mittlerweile nachgebessert. So schalte sich nach den Berichten von Fahrern, die App, die ihnen die Route vorgibt, nach sechs Stunden automatisch aus und zwinge sie zur Pause.

Viele Fahrer für Amazon erhalten schlechtere Verträge

Allerdings gilt es nach Angaben der Beraterin mittlerweile andere Probleme. So hätten viele Beschäftigte Aufhebungsverträge erhalten. "Amazon hat die Zahl der Verteilzentren immer weiter ausgebaut, die Wege für die Fahrer werden immer kürzer. Amazon braucht daher auch weniger Fahrer", berichtet Morgenroth.

Die Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum Gera nehmen die Ware aus kleinen gelben Regalen.
Amazons neues Logistikzentrum in Gera Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Zwar erhielten viele von ihnen neue Verträge, allerdings mit weniger Stunden und auch zu schlechteren Bedingungen. Die Mitarbeiter würden oft kurz vorher darüber informiert werden, ob sie denn für Paketfahrten gebraucht würden. "Eine Planbarkeit für die Beschäftigten ist nicht vorhanden", sagt Morgenroth.

Verdi: Bildung von Betriebsräten nicht möglich

Dennoch trauen sich nur sehr wenige, offen über ihre Probleme zu sprechen - geschweige denn Gewerkschaften beizutreten. Frank Günther von Verdi sagt: "Was wir von Amazon kennen, ist wesentlich krasser als das, was von anderen Paketdienstleistern bekannt ist". Es sei schwierig, in dem Unternehmen Betriebsräte zu bilden, weil die Beschäftigten selten lange angestellt sind, aus dem Ausland stammen oder ihnen Druck gemacht werde, sich nicht in einer Gewerkschaft zu organisieren. Zudem soll Amazon dazu übergegangen sein, selbst Betriebsräte zu bilden. Diese, so berichtet Tina Morgenroth, seien aber mit unternehmensnahen Mitarbeitern besetzt und würden selten die Belange der kritischen Angestellten abbilden.

Ministerin besichtigt Amazon-Verteilzentrum in Erfurt

Ministerin Werner hatte sich erst kürzlich selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen bei Amazon im Verteilzentrum in Erfurt gemacht. "Wir haben nochmal nachgefragt, wie es zum Beispiel mit Tarifvertrag oder ähnlichem aussieht", berichtet Werner. Bei Amazon gebe es aber die Philosophie, im konkreten Bereich mit dem einzelnen Beschäftigten zu reden und nicht sehr auf Mitbestimmung zu setzen. Das sei jedoch ein Problem, so die Arbeitsministerin. Sie habe dennoch den Eindruck gehabt, dass Amazon erkannt hat, dass gute Arbeitsbedingungen nötig sind, um Fachkräfte zu halten.

Amazon Logistik in Stotternheim von oben
Der Erfurter Amazon-Standort Bildrechte: MDR/Karina-Heßland-Wissel

Amazon hat großes Logistikzentrum in Erfurt bisher nicht bestätigt

Vom Verteilzentrum Stotternheim aus beliefert Amazon Kunden in der Region. Die überregionale Versandabwicklung läuft von den größeren Logistikzentren aus, von denen Amazon bisher eines in Gera betreibt. Den Bau eines solchen Logistikzentrums in Erfurt hat das Unternehmen bisher nicht offiziell bestätigt, obwohl auf einer Fläche in Stotternheim Bauarbeiten im Gange sind.

MDR (jml/dr/csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 03. Mai 2022 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

hansfriederleistner vor 3 Wochen

Da sind doch auch die Verbraucher mit schuld. Warum muß denn per Versandhandel bestellt werden? Es gibt doch auch Fachgeschäfte. Die beraten sogar die Kunden.

Tamico161 vor 3 Wochen

Hier geht es nicht um Arbeitssicherheit sondern um Ausbeutung!

Tamico161 vor 3 Wochen

„Arbeitsschutz geht alle an!“

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