Kommentar Wie die CDU mit Maaßen in die Falle laufen könnte

Sebastian Großert
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Viele Südthüringer CDU-Funktionäre wollen Hans-Georg Maaßen zum Bundestagskandidaten küren. Er hätte aussichtsreiche Mitbewerber von AfD, SPD und Linke. Doch er wäre ein CDU-Problem, keine Lösung. Ein Kommentar.

Hans-Georg Maaßen
Hans-Georg Maaßen (M.) 2019 in Gotha bei einer Veranstaltung der CDU-nahen Werteunion Thüringen. Bildrechte: dpa

Über die politischen Ansichten und Überzeugungen von Hans-Georg Maaßen lässt sich ausdauernd streiten. Der abgesetzte Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz polarisiert. Er selbst sieht sich an der Spitze der Konservativen in der Union; als Streiter wider den Zeitgeist. Dafür wird Maaßen von seinen Anhängern angehimmelt und von seinen Gegnern gehasst. Und genau das ist Teil des Problems, das sich die CDU mit ihm als Bundestags-Direktkandidaten im Wahlkreis 196 einhandeln würde.

2017 mehr als 50 Prozent der Stimmen für CDU- und AfD-Bewerber

Die Wählerinnen und Wähler der Region stimmten bei der Bundestagswahl 2017 vor allem für die Wahlkreis-Bewerber von CDU und AfD. Mark Hauptmann verteidigte für die CDU das Direktmandat mit 33,5 Prozent. Zweiter wurde mit 22,8 Prozent der AfD-Politiker Torsten Ludwig, ein Versicherungsmakler und Finanzberater aus Schleusingen.

Mit Hauptmanns Mandatsverzicht wegen mutmaßlicher Geschäfte mit Corona-Schutzmasken werden die Karten in dem Wahlkreis nicht nur bei der CDU neu gemischt: Bei der AfD will diesmal Dr. Anton Friesen seinen Hut in den Ring werfen, der sich zu Ostern bei Twitter schon auf einen Wahlkampf gegen "Maassen, einen Kandidaten von Format" freute.

AfD-Bewerber Friesen: Der Spott über ihn dürfte Geschichte sein

Friesen, der über die AfD-Landesliste 2017 in den Bundestag eingezogen ist, hat sich in der Region zunächst zum Gespött gemacht: 2018 schob er öffentlich lockere Radmuttern am Auto eines seiner Mitarbeiter "mutmaßlich linksextremistischen Fanatikern" in die Schuhe. Ein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft kam dann aber zu dem nüchternen Schluss, dass sich die Radbolzen wegen einer nicht originalen Felge-Reifen-Kombination und weiteren Mängeln am Fahrzeug von selber lockerten.

Anton Friesen
Anton Friesen 2019 im Bundestag. Bildrechte: dpa

Inzwischen dürfte der politischen Konkurrenz der Spott über Herrn Dr. Friesen vergangen sein. Der Mann mit Seitenscheitel wirkt zwar wie eine jüngere Kopie von Herrn Dr. Maaßen - ein bisschen altmodisch, genauso konservativ und patriotisch und einen Hauch akademisch verkopft. Aber Friesen ist eben auch: fleißig, zielstrebig, engagiert, im ländlichen Südthüringen genauso wie im Bundestag, wo er zu den Freunden der russischen Führung zählt. Eine Kostprobe seiner politischen Kärrnerarbeit findet sich bei Twitter: Am 16. März war er erst in Meiningen beim Landwirtschaftsverband, später hielt er eine Bürgersprechstunde ab. Tags darauf und am 18. März: Infostände auf der Straße in Suhl, Oberhof und Zella-Mehlis.

Ex-Biathlon-Ass Frank Ullrich geht für die SPD ins Rennen

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums sollten Frank Ullrich für die SPD und Sandro Witt für Die Linke Chancen haben, den Wahlkreis zu gewinnen. Witt stammt aus Pirna bei Dresden, lebt aber schon lange in Thüringen. Aktuell ist er Thüringer DGB-Chef und Stellvertreter im Bezirk Hessen-Thüringen, wird aber nicht wieder für die Gewerkschaftsspitze kandidieren.

Ullrich ist in diesem Kreis vielleicht der Shootingstar, wenn diese Bezeichnung für einen früheren Weltklasse-Biathleten nicht zu abgedroschen ist. Geboren 1958 in Trusetal im Thüringer Wald, wäre er der einzige gebürtige Einheimische unter den vier aussichtsreichen Bewerbern. 2019 trat Ullrich als Parteiloser für die SPD bei der Landtagswahl an und verlor knapp gegen den AfD-Bewerber René Aust. Wobei der Landtagswahlkreis Schmalkalden-Meiningen II weit kleiner ist als der Bundestagswahlkreis 196, der ganz Südthüringen umfasst.

Thüringens SPD-Chef Georg Maier pries Ullrich bei zeit.de jüngst als "Nationalheld zum Anfassen". Maaßen sei hingegen nur ein "Rechtsausleger aus dem Westen", der von Thüringen "keine Ahnung" habe. Der "Nationalheld" mag übertrieben sein - an Helden besteht auch in Südthüringen gerade kaum Bedarf. Aber dass der frühere Banker Maier seine Aktien durch Ullrich im Süden steigen sieht, ist kaum zu überlesen.

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) legt auf der Grünen Woche in Berlin unter der Anleitung von Frank Ullrich zum Schießen an
Frank Ullrich (links) 2017 auf der Grünen Woche in Berlin mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und der damaligen Landwirtschaftsministerin Birgit Keller. Bildrechte: dpa

Zwei Kandidaten, eine Sorte Köder

Warum Maier so frohlockt? Auch wenn die Südthüringer Wählerinnen und Wähler keine Fische sind, die von den Kandidaten gefangen werden sollen, lässt sich der Wettbewerb ums Mandat vielleicht mit einem Anglerwettstreit an einem Teich vergleichen. Die Union würde mit Maaßen einen Angler an diesen Teich stellen, der seine Angel mit zwei großen Nachteilen auswerfen wird. Zum einen benutzt Nachbarangler Friesen denselben Köder, der wiederum nur einer Minderheit unter den Fischen schmeckt. Und dazu hat Konkurrent Friesen das Gewässer seit 2017 ausgiebig vermessen, Untiefen ausgelotet, die Bewohner kennengelernt.

Das nunmehrige SPD-Mitglied Ullrich hingegen - und das ist das Kalkül von Landeschef Maier - könnte einen Köder einsetzen, der einen größeren Teil der Fische anzieht. Auch er kennt den Teich, kann die Fische vielleicht sogar noch besser einschätzen als Friesen, spricht den Dialekt der Gegend.

Hoher Einsatz bei mäßigem Blatt

Mit Maaßen als Kandidat würde sich die CDU in ein strategisches Dilemma manövrieren. Sie könnte in eine Falle laufen, die sie selber aufgestellt hat. Maaßen dürfte alle Mühe haben, sich argumentativ als die bessere Option als Friesen zu verkaufen. Es hat sich schon bei mancher Wahl erwiesen, dass es wenig bringt, als Konkurrent Positionen wie die der AfD zu vertreten - im Zweifel stimmt der Wähler für das Original. Die CDU spielt jedenfalls mit hohem Einsatz, und ihr Blatt ist mäßig.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. April 2021 | 19:00 Uhr

200 Kommentare

DER Beobachter vor 33 Wochen

Me262: Gibt doch gar keine Koailtion von CDU und Linken und auch keine natürliche Koalition zwischen diesen. Ebensowenig, wie es eine natürliche Koalition zwischen CDU und AfD in deren gegenwärtigen Zustand geben kann. Punkt.

DER Beobachter vor 33 Wochen

Wossi, ich denke, dass die nachvollziehbar frustrierten Nichtwähler wählen gehen sollten und zwar die Partei, der sie unabhängig von ihrem Frust zuerst vertrauen würden. In anderen Ländern ist das durchaus Usus,,,

DER Beobachter vor 33 Wochen

Hm - man muss dies und das ja nicht mögen, aber mir erscheint nach der Natur aller dieser Parteien denn doch Schwarz/Grün denn doch naturgegebener als Schwarz/Blaubraun...

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