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Gehen sie sich aus dem Weg oder kommen sie sich in die Quere? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Gartenarbeit

Mähroboter trifft auf Igel: Warum Einigeln die falsche Strategie ist

von Isabelle Fleck, MDR THÜRINGEN

Stand: 16. Juni 2021, 13:35 Uhr

Leise surrend zieht er seine Runden über das Gras. Mal hier hin, mal da hin - bis alles schön kurz ist. Nun aber berichtete ein MDR-Kollege von einem verletzten Igel nach einer Begegnung mit einem Mähroboter. Und wir fragen nach: Wie gut können die beiden miteinander auskommen?

Der Anblick war "grässlich“, so beschreibt es der Kollege. Beim Besuch seiner Eltern hat er einen Igel gesehen, bei dem die "Schnauze ab“ war. Wohl ein Garten-Unfall.

Sächsischer Igel, verletzt durch Mähroboter: Es ist aber nicht der, den unser Kollege gesehen hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vermutung: Unglückliches Zusammentreffen mit einem Mähroboter. Wen könnte man da fragen? Igelhilfe, Tierärzte, Naturschutzbund, Gartenbesitzer, Mähroboter-Händler. Genau das mache ich, denn so richtig komme ich zunächst nicht weiter.

Igelhelfer in Ostthüringen

Ich frage Leute, die ein großes Herz für Igel haben: Die Mitarbeiter der Igelhilfe Altenburg und der Igelstation Saale-Holzland-Kreis. Roland Seime päppelt immer wieder verletzte, schwache und kranke Igel auf. Im Moment wohnen aber keine bei ihm. Er hat sie alle soweit fit bekommen, dass sie wieder ausziehen konnten. Seime warnt besonders vor Motorsensen. Denn die seien für die Gartenbesitzer zwar bequem, nur einen langen Arm machen und damit auch unter den Büschen alles kurz schneiden - aber unter Umständen sitzt dort dann auch ein Igel.

Motorsensen und Rasentrimmer schneiden auch andere Sachen (ab) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Freund von Mährobotern ist er nicht, aber einen Foto-Beweis, was die bei Igeln anrichten, kann er nicht liefern. Er verweist mich an seine Tierärztin in Winzerla.

Tierärzte bekommen selten verletzte Igel zur Behandlung

Tierärztin Kristin Klingenberg in Winzerla behandelt ständig kranke Igel. Für die Igelstation macht sie das gerne und nicht zu den üblichen Gebührensätzen. Meist geht es aber drum, die Tiere zu entwurmen oder die Finder zu beraten. Sie sagt: "Bisher habe ich keinen verletzten Igel durch Mähroboter behandeln müssen - und ich hoffe, das bleibt auch so!“

Ich frage die Landestierärztekammer nach Rat. Diese nennt mir mehrere Tierarztpraxen, bei denen ich es probieren kann. In Erfurt erklärt eine Tierarzt-Helferin, in ihrer Praxis würden nur selten Igel behandelt, es lohne sich nicht, da jetzt noch mit dem Chef drüber zu sprechen.

In Jena erreiche ich Tierarzt Max-Ulrich Röcker. Er erklärt mir, dass er selten mit verletzten Igeln "konfrontiert“ wird. Meist, so schätzt er, seien die nach Unfällen im Garten "schon tot“. Er könne sich vorstellen, dass manche Tiere schwere Messerverletzungen davon trügen. Aber mehr kann er zu dem Thema nicht sagen.

Sein Kollege Tierarzt Andreas Pfeil ist in einer anderen Praxis tätig. Verletzte Igel hat er pro Jahr nur ein bis zwei Mal in der Sprechstunde.

Wenige schaffen es in die Klinik

Bei den verletzten Igeln in der Praxis sei schwer nachzuweisen, woher die Verletzung stamme. Häufig hätten in den Wunden schon Fliegen ihre Eier abgelegt. Fliegen und Dreck seien die größten Probleme. Häufig hätten sich die verletzten Igel dann schon verkrochen und seien etwa von Hunden unter Büschen oder Haufen hervor gezerrt worden. Dann seien die Erfolgsaussichten gering, so Pfeil. Meist müsse er die Igel einschläfern. Doch "nur wenige schaffen es überhaupt in die Klinik“, so Pfeil.

Das Igelbaby wird mit Handschuhen gehalten. Bildrechte: IMAGO

Die Igelhilfe Altenburg erzählt beispielsweise, dass aus den Fliegen-Eiern in wenigen Tagen gefräßige Larven werden. Sie würden die Igel bei lebendigem Leib auffressen, wenn man nicht schnell genug etwas dagegen tue.

Tiere gewöhnen sich an automatisierte Geräte

Auf die Frage, ob ein Mähroboter zur Gefahr für Igel werden kann, erklärt Tierarzt Pfeil, dass er es vermutet, aber keine Beweise hat. Er weiß aber, dass automatisierte Geräte - wie eben Mähroboter - die mit dem immer gleichen Geräusch und den immer gleichen Zeiten und Runden - eine Art "Gewöhnung“ bei den Wildtieren hervorrufen. Sie verlieren ihre Scheu. "Hängt ein Mensch dran, zum Beispiel am Rasenmäher, weiß das Tier, dass hier eine Gefahr lauert“, so der Tierarzt.

Mensch mit Rasenmäher bedeutet Gefahr! Bildrechte: Colourbox.de

Dass wilde Tiere sich an manches gewöhnen, zeigten auch bunt gekleidete Jogger, die keine Rehe mehr verschrecken (weil ja ohnehin nie was passiert ist in der Vergangenheit) und auch Greifvögel am Flughafen (trotz Lärm).

Einrollen als schlechte Idee

Die Strategie des Igels vor Gefahren sei: Einrollen. Und das sei vor einem Mähroboter oder einer Motor-Sense nun mal eine schlechte Strategie - wie auch auf der Straße, erzählen die Igel-Freunde allesamt.

Zwei Igel schlafend im Herbstlaub. Bildrechte: imago/Harald Lange

Bei unserem kleinen Test mit einem Plüsch-Igel schiebt das Gerät das Tier weg. Im "Ernstfall“ kommt es offenbar auf die Größe der Igel und die Art der Mähroboter an.

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Wie gut vertragen sich Mährobotern mit Igeln?

Die "besseren" Modelle drehen um oder klappen die Messer ein - doch manche Mähroboter können für Igel gefährlich werden. Wir haben den Test mit einem Plüsch-Igel gemacht. Der rollte weg.

Mähen am Tag

Um zu erfahren, ob es theoretisch möglich ist, dass ein Mähroboter einen Igel verletzt, spreche ich mit zwei Menschen, die einen Mähroboter haben und mit zwei weiteren, die die Gartengeräte auch verkaufen. Besitzer eins erklärt, sein Roboter sei so flach, der könne höchstens einen Igel in einem Erdloch überfahren. Besitzer zwei hat volles Vertrauen in seinen Mähroboter und erklärt, er habe "auch schon den Fuß mal drunter gehalten.“ Die Zehen sind noch dran …

Vorsicht: Hier wohnen Igel. Bildrechte: Colourbox.de

Händler Steffen Klippstein aus Schönau hat selbst einen Mähroboter. Er verkauft rund 70 Geräte im Jahr. Er sagt, seine und die Igel der Kunden "leben alle noch“. Klippstein erklärt mir, dass es zwei Prinzipien von Mährobotern gibt:

Mähteller mit weggklappenden kleinen Klingen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck


Klippstein erklärt, er kenne fast niemanden, der seinen Rasenroboter nachts fahren lasse. Da sei zum einen der Gras feucht - zum anderen könnten dann Igel und Roboter aufeinandertreffen. Igel sind nachtaktiv. Lässt man den Roboter tagsüber fahren, reduzieren sich mögliche Kontakte. Wenn er bei seinen Kunden ist, um die Geräte zu verkaufen oder zu installieren, kämen auch immer wieder Fragen zu Igeln oder andern Tieren im Garten. "Dann beruhige ich manchmal aufgeregte Nachbarn und erkläre das genau so“, erzählt Klippstein.

Der "Test-Igel" schaut gespannt, was auf ihn zukommt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Bei Marcel Beck von "Grünschnitt“ in Gerstungen sind die Erfahrungen ähnlich . Er setzt auf "Hightech" in den Geräten. Ob das bei "Billiggeräten" auch so sei - dafür übernehme er keine Garantie. Von seinen Kunden - und das sind über 1.500 - hat er noch nichts von verletzten Igeln gehört. Doch auch er rät dazu, den Roboter tagsüber fahren zu lassen.

Gartentipps von Nabu und Igelfreunden

Der perfekt gestutzte Rasen ist für viele Gärtner ein Traum. Damit aber auch die Tiere noch ein Zuhause finden, raten Igelfreunde und Nabu, auch mal Gehölze zum Verstecken liegen zu lassen und vorsichtig zu sein, wenn diese mit Gabeln umgesetzt werden. Auch beim Abbrennen von Laub-Haufen bestehe Gefahr für dort versteckte Tiere.

Jürgen Erhardt vom Nabu Thüringen schreibt mir, dass besonders Jungtiere gefährdet seien, die nicht viel wiegen und klein sind. "Oft bleibt das Massaker auf dem Rasen allerdings unbemerkt, da die Wildtiere im Verletzungsfall keine Schmerzenslaute ausstoßen und sich ins Unterholz zurückziehen, um dort qualvoll zu verenden“, so der Nabu. Er rät ohnehin nicht zum zu kurzen Rasen. Denn darin finden die Garten-Tiere auch schlechter Futter.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 18. Juni 2021 | 05:00 Uhr

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