'Ndrangheta Europaweite Mafia-Verfahren: Spuren führen nach Thüringen

In den letzten Jahren hat es europaweit mehrere große Verfahren gegen die italienische Mafia-Organisation 'Ndrangheta gegeben. Auch in Deutschland gab es Dutzende von Festnahmen. Es ging um Drogen, Geldwäsche oder Erpressung. In drei dieser Verfahren führen Spuren nach Thüringen - zur sogenannten "Erfurter Gruppe".

An einem Straßenrand stehen mehrere Schilder, auf einem der Schilder steht der Ortsname San Luca.
Thüringer Mafia-Strukturen sollen bis ins italienische San Luca reichen. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

So viel Kooperation, auch wenn nicht ganz freiwillig, erlebten die italienischen Carabinieri selten: über 3.000 Fotos der Verdächtigen, gestochen scharf, inmitten von Cannabis-Feldern - und dann auch noch von den mutmaßlichen Kriminellen selber aufgenommen. Sie stammten von zwei Wildkameras, die Ermittler im süditalienischen Kalabrien im Oktober 2016 auf Cannabis-Plantagen fanden. Die Kriminellen hatten die Foto-Fallen im Gebüsch versteckt, um ihre Plantagen zu überwachen. Drei Jahre später, im Mai 2019, griffen die Carabinieri zu. Sie nannten die Operation "Selfie", eine Anspielung auf die Fotos.

Der Hauptvorwurf der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria: Bandenmäßige Herstellung und Handel von Betäubungsmitteln. Der Hauptbeschuldigte hatte Verbindungen zu einer der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt: der kalabrischen 'Ndrangheta. Als "Selfie" anlief, klingelte auch beim Thüringer Landeskriminalamt das Telefon. Gegen den in Erfurt wohnenden Michele C., den Cousin des Hauptbeschuldigten, gab es einen Haftbefehl. Er wurde im Mai 2019 in einer Wohnung über einem italienischen Innenstadtrestaurant verhaftet. Nach MDR THÜRINGEN-Recherchen war C. nicht der einzige unter den Verhafteten, bei dem eine Spur nach Thüringen führte. Laut internen Akten wurde in Kalabrien auch Francesco C.  unter Hausarrest gestellt. Er war in Eisenach an der Adresse eines italienischen Restaurants gemeldet

Verhaftung eines Mafiamitglieds
Verdächtige hatten den italienischen Carabinierei Beweise unfreiwillig selbst geliefert. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Haftbefehl sollte in Erfurt vollstreckt werden

Dies sind nicht die einzigen Spuren aus aktuellen europaweiten Verrfahren, bei denen es Verbindungen zur 'Ndrangheta gibt und die nach Thüringen führen. Im Dezember 2018 sorgte die Anti-Mafia-Operation "Pollino" für Schlagzeilen. Es ging unter anderem um den Handel mit Kokain und die Verbindung zu südamerikanischen Drogenkartellen. Der Chef der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria, Giovanni Bombardieri, sagte MDR THÜRINGEN: "Dank dieses Verfahrens konnten wir beobachten, wie schnell sich Kriminelle zwischen Italien und Deutschland oder Deutschland und Holland bewegen." An einem einzigen Tag wurden europaweit 84 Personen festgenommen.

Unter den Haftbefehlen der italienischen Behörden befand sich auch einer gegen Giuseppe P., der enge Verbindungen zum Pelle-Vottari-Clan aus San Luca hat. P. sollte im Rahmen von "Pollino" durch das Thüringer LKA in Erfurt aufgespürt werden. Es lagen Informationen vor, dass er an der Adresse eines italienischen Innenstadtrestaurant gemeldet war. Der Haftbefehl wurde dann nicht vollzogen. P. stellte sich wenig später selber den Behörden in Italien. Inzwischen ist er im Rahmen des Verfahrens "Pollino" in Italien verurteilt worden.

An einem Berghang stehen mehrere Wohnhäuser über das Gelände verteilt.
Der Pelle-Vottari-Clan aus San Luca hat offenbar Verdbindungen nach Thüringen. (Archivbild San Luca) Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Mafia-Strukturen in Eisenach

In den Operationen "Selfie" und "Pollino" wird deutlich, dass die italienische organisierte Kriminalität neben Erfurt offenbar auch in Eisenach Strukturen hat. Konkret geht es bei "Pollino" um einen der Hauptbeschuldigten im deutschen Teil des Verfahrens, das derzeit am Landgericht Duisburg verhandelt wird. Coronabedingt werden Räumlichkeiten des Oberlandesgerichts Düsseldorf genutzt. Laut Ermittlungsunterlagen, die MDR THÜRINGEN vorliegen, hat Bruno G. gute Kontakte zu Italienern in Eisenach, die mutmaßlich dem Umfeld der Ndrangheta zugerechnet werden. Unter anderem konnten Fahnder ein Fahrzeug aus Eisenach vor seinem Haus in Duisburg identifizieren. Die Halterin ist mit G. verwandt. Duisburg hat deshalb auch eine große Bedeutung, weil seit Mitte der 1990er-Jahre von dort Italiener nach Thüringen gekommen waren, die von den Behörden der 'Ndrangheta oder deren Umfeld zugerechnet werden.

Spuren zu Mafia-Umfeld in Arnstadt

Neben Erfurt und Eisenach zählt auch Arnstadt zu den Verbindungspunkten in der Operation "Pollino". So konnten italienische Drogenfahnder bei dem kalabrischen Kokainhändler Domenico R. eine Verbindung nach Thüringen feststellen. Er hatte während "Pollino" Kontakt zu Michele Molinari*. Der wiederum taucht in einer internen Namensliste von mutmaßlichen Ndrangheta-Mitgliedern und ihrem Umfeld in Thüringen auf, die MDR THÜRINGEN vorliegt.

Er soll in Arnstadt gemeldet sein. Molinari soll wiederum Domenico R. einen Kontakt zu einem Inhaber eines italienischen Restaurants in Eisenach hergestellt haben. Nicht belegt ist, ob Personen aus Eisenach in die Drogengeschäfte von R. verwickelt waren. Domenico R. wurde im Rahmen von "Pollino" von einem italienischen Gericht in erster Instanz zu 20 Jahren Haft verurteilt.

70 Personen sollen zu Ndrangehta in Thüringen gehören

Dass Eisenach und Erfurt offenbar von Bedeutung sind, zeigen auch abgehörte Telefonate in der Anti-Mafia-Operation "Stige", die im Januar 2018 anlief. Europaweit wurden 170 Personen festgenommen, darunter elf in Deutschland. Die Vorwürfe reichen von der Mitgliedschaft in einer mafiaartigen Vereinigung, bis hin zu versuchtem Mord und Erpressung. Laut Staatsanwaltschaft hatte der kalabrische Farao-Marincola-Clan den Lebensmittelhandel dazu genutzt, anderen kalabrischen Restaurants in Deutschland die eigenen Produkte aufzuzwingen. In abgehörten Gesprächen werden Erfurt und Eisenach im Zusammenhang mit Restaurantstrukturen genannt, die von mutmaßlichen 'Ndrangheta-Mitgliedern und ihrem Umfeld betrieben werden.

Dabei gibt es Anspielungen auf die sogenannte "Erfurter Gruppe". Nach Erkenntnissen von deutschen und italienischen Ermittlern existiert sie seit über 25 Jahren und hat sich von Erfurt aus über ganz Thüringen und Sachsen ausgebreitet. Sie unterhält ein Restaurant- und Firmennetzwerk in Erfurt, Eisenach, Weimar, Arnstadt, Jena, Leipzig und Dresden. Weitere Ableger soll es auch in Kassel, München, Baden-Baden, Münster, Rom und Lissabon geben. Bisher gingen die Ermittler beim harten Kern der "Erfurter Gruppe" von etwa einem Dutzend Mitglieder aus. Doch offenbar sind es deutlich mehr. Internen Akten zufolge, die MDR THÜRINGEN vorliegen, werden dieser 'Ndrangheta-Zelle und ihrem Umfeld allein in Thüringen über 70 Personen zugeordnet. Die "Erfurter Gruppe" steht im Verdacht über ihre Firmen- und Restaurantstruktur Gelder aus kriminellen Geschäften zu waschen.

*Name geändert

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 21. Dezember 2020 | 05:00 Uhr

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