'Ndrangheta "Meine Italiener" - Mafia-Ausschuss befragt BKA-Expertin

Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte bereits Mitte der Neunziger Jahre erste Informationen über die Kalabrische Mafia 'Ndrangheta in Erfurt gesammelt. Das hat eine BKA-Beamtin am Dienstag vor dem Mafia-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag ausgesagt. Die Analytikerin gilt als eine der besten Experten auf dem Gebiet und berichtete von einer Verbindung zwischen Mafia und Justiz in Thüringen.

Observierungsmaßnahme der Polizei: Im Autorückspiegel ist eine Person mit Fernglas zu sehen.
Im Zuge der Ermittlungen um die Kalabrische Mafia 'Ndrangheta in Erfurt hat eine BKA-Beamtin am Dienstag vor dem Mafia-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag ausgesagt. (Archiv) Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

"Meine Italiener", sagt die BKA-Hauptkommissarin immer wieder in ihrer Vernehmung. Was etwas niedlich und fast liebevoll klingt, hat aber einen knallharten Hintergrund. Denn diese "Italiener" sind Gangster. Männer, die Mitglieder einer der weltweit größten Mafia-Organisationen sind: der 'Ndrangheta. Sie stammen unter anderem aus dem kleinen kalabrischen Ort San Luca und gehören zu Clans, die sich seit Mitte der 1990er-Jahre in Thüringen und Sachsen niedergelassen haben.

Mafia-Expertin befragt

Der Name der 53-jährigen Beamtin darf nicht genannt werden. Bildaufnahmen sind verboten. Denn diese Frau beschäftigt sich seit 1992 mit nichts anderem als der italienischen Mafia - in diesem speziellen Fall mit der kalabrischen 'Ndrangheta beim BKA. "Es gibt Niemanden in Deutschland bei der Polizei, der sich so lange mit der Analyse der 'Ndrangheta beschäftigt hat wie ich", so die Beamtin. Dass sie dieses Wissen hat, stellte sie am Dienstag in ihrer stundenlangen Befragung vor dem Mafia-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtages eindrucksvoll unter Beweis.

Denn die BKA-Expertin war auch an einem Ermittlungsverfahren beteiligt, dass den Codenamen Fido trug und das zwischen 2000 und 2006 in Thüringen lief. Geführt wurde es von der Staatsanwaltschaft Gera, dem Bundeskriminalamt und dem Thüringer Landeskriminalamt. MDR und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) hatten im Februar vergangenen Jahres erstmals über diese Verfahren berichtet. Inzwischen beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss mit dem Verfahren. Auch weil MDR und F.A.Z. berichteten, dass die Ermittler damals Hinweise auf Kontakte zwischen Mafia und Justiz bekommen haben sollten.

Erfurter Richter hatte Kontakte zur Mafia

Das wurde heute durch die Beamtin des BKA im Ausschuss erstmals bestätigt. In ihrer Befragung berichtete sie, dass es Kontakte zwischen einem Richter am Amtsgericht Erfurt und einem italienischen Gastwirt aus Erfurt und seinem Anwalt gegeben habe. "Das hat mich damals wirklich geschockt", so die Beamtin. Denn der italienische Gastwirt habe enge Kontakte zu den Kalabresen gehabt, die zur 'Ndrangheta gehörten. In abgehörten Gesprächen sei unter anderem die Rede von einem Treffen in einem Restaurant gewesen, bei dem der Richter einen Umschlag erhalten sollte. MDR und F.A.Z. hatten bereits letztes Jahr darüber berichtet.

Zudem habe der Gastwirt mit seinem Anwalt und dem Richter über ein Ermittlungsverfahren Thüringer Behörden gegen Italiener gesprochen. "Sie müssen immer bedenken, dass ein Amtsrichter ja Beschlüsse über Telefonüberwachungen genehmigt und er damit Einblick in Ermittlungen hat", so die Polizistin. Wenn man als Ermittler so etwas erfährt, dann müsse man sehr vorsichtig sein. Sie habe damals die Erkenntnisse in einen Bericht geschrieben und dann die Staatsanwaltschaft in Gera geschickt, die für das Fido-Verfahren zuständig gewesen sei. Was mit den Informationen passiert sei, wisse sie nicht.

BKA hatte Informationen seit Mitte der Neunziger

Der BKA-Expertin war deutlich anzumerken, dass ihr Auftritt vor dem Ausschuss für sie wichtig ist. "Ich finde es gut, dass dieses Thema der 'Ndrangheta in Deutschland in dieser Form mal diskutiert wird", sagte sie gleich zu Beginn ihrer Befragung im Untersuchungsausschuss. Dann ließ sie keinen Zweifel, dass sie sich seit knapp 30 Jahren mit nichts anderem beschäftigt hatte. Sie entwirrte das Geflecht von Personen, Orten, Immobilien oder Restaurants, die für die Ermittler seit den Neunziger Jahren in Thüringen eine Rolle spielen.

Es sei 1995 und 1996 gewesen, als erste Mitglieder eines kalabrischen Mafia-Clans aus Duisburg nach Erfurt gekommen seien. Grund sei gewesen, dass es in Nordrhein-Westfalen damals intensive Ermittlungen gegen 'Ndrangheta-Mitglieder geben habe. Dieser Druck der Ermittlungsbehörden habe offenbar dazu geführt, das sich die kalabrische Mafia einen neuen Ort gesucht habe. Die Beamtin machte deutlich, dass es sich bei dem 'Ndrangheta-Clan in Thüringen um einen aus dem kalabrischen Ort San Luca handelt. "Die sind Mitte der Neunziger Jahre gekommen und sind wohl immer noch da", so die BKA-Analytikerin. Sie hätten eine sogenannten Locale in Erfurt gegründet, sagte sie. Dabei handle es sich um einen Stützpunkt, der aber nie ohne Zustimmung aus dem Mutterhaus in San Luca agieren könne.

Erfurter Kennzeichen in San Luca

Dass San Luca diese zentrale Rolle spielte, sollte auch eine Dienstreise nach Italien zeigen. Denn im Juni 2000, so die BKA-Expertin, sei sie gemeinsam mit dem damaligen Leiter der OK-Staatsanwaltschaft Gera nach Italien gefahren. (Anmerkung der Redaktion: OK = Organisierte Kriminalität) Ziel sei es gewesen, mit den italienischen Behörden Informationen auch über die Kalabresen in Erfurt auszutauschen. Dabei habe es einen Besuch in der 'Ndrangheta-Hochburg San Luca gegeben. Dort habe an diesem Tag eine Hochzeit der Mafia stattgefunden und die Gäste seien auch aus Thüringen gekommen. Es hätten Autos mit Erfurter Kennzeichen im Ort gestanden.

"Das hat es natürlich leichter gemacht, die Thüringer Staatsanwälte davon zu überzeugen, ein Verfahren gegen die 'Ndrangheta-Leute in Erfurt einzuleiten", sagte sie. Denn so seien die Verbindungen noch offensichtlicher gewesen. Zudem habe es damals ein Treffen mit einer Anti-Mafia-Staatsanwältin in Mailand gegeben. Bei diesem sei eine Namensliste von Kalabresen vorgelegt worden, die alle in Erfurt geschäftlich aktiv gewesen sind. Als Reaktion hätte die Staatsanwältin mit Blick auf diese Personen gesagt: "Da haben sie ein Problem." Denn es sei klar gewesen, dass die 'Ndrangheta sich in Thüringen festgesetzt habe.

Einsatz von Strohleuten beim Immobilienkauf

Die BKA-Beamtin führte weiter aus, dass die mutmaßlichen Mitglieder der 'Ndrangheta seit Mitte der Neunziger Jahre den Stützpunkt in Erfurt aufgebaut haben. "Die sind dann auch in andere Städte gegangen, wie Eisenach, Arnstadt oder Weimar", sagte sie. Weitere Lokale seien dann in Leipzig, Dresden oder München eröffnet worden. Interessant habe sie immer gefunden, dass die eigentlichen Clan-Mitglieder die Immobilien, beispielsweise in Erfurt, nie selber gekauft hätten. Da habe es Kontakte zu zwei Norditalienern gegeben, die aber möglicherweise nie selber Mitglieder der 'Ndrangheta waren. "Die beiden konnten gut Deutsch, das konnten die Kalabresen nicht", so die Analytikerin. Die seien nicht nur Geschäftspartner, sondern auch wie eine Art Strohmänner gewesen.

Zudem sei für sie interessant gewesen, dass die mutmaßlichen 'Ndrangheta-Mitglieder die meisten Restaurants nur gemietet hatten. Dazugekommen sei, dass mit teilweise enormen Summen diese auch aufwendig saniert worden seien. "Das ist schon spannend, dass sie ein Restaurant mieten und gleichzeitig auch noch mit viel Geld sanieren", sagte die BKA-Expertin.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 18. Januar 2022 | 18:00 Uhr

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