Corona-Pandemie Zwischen Kunst und Dialog: "Seuchenparlament" zum Thema Corona in Bad Berka

Die unterschiedlichen Meinungen zur Corona-Pandemie spalten die Gesellschaft. Immer lauter wird der Ruf nach einem Dialog. Doch noch scheitert es am richtigen Format. Ein Versuch war das "Seuchenparlament" in Bad Berka. Unsere Reporterin hat es besucht.

Mehrere Menschen sitzen in einem Stuhlkreis in einer Halle.
15 Diskussionsteilnehmer waren beim "Seuchenparlament" in Bad Berka dabei. Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Familien, Kollegenkreise, ganze Dorfgemeinschaften: Die unterschiedlichen Meinungen zur Corona-Pandemie spalten die Gesellschaft. Immer lauter wird der Ruf nach einem Dialog. Doch noch scheitert es oft am richtigen Format. Einen Versuch hat Aktionskünstler Nikolaus Huhn gewagt: Am Freitag hat er zum ersten "Seuchenparlament" in die Kleinstadt Bad Berka geladen.

Zugegeben: Der Begriff "Seuchenparlament" irritiert. Wurde doch nicht über eine Seuche, sondern über Corona diskutiert. Und ein demokratisch gewähltes Parlament war es auch nicht. Die 15 Diskussionsteilnehmer waren handverlesen. Initiator Nikolaus Huhn hatte sie aus einer Liste von Bewerberinnen und Bewerbern ausgesucht.

Die Runde sollte vielschichtig sein. Geladen waren ein Mediziner, Impfbefürworter, Impfgegner, Menschen, denen die Corona-Regeln nicht weit genug gehen, und solche, die sie satt haben. Die Meinungen waren unterschiedlich. Doch von Anfang an wurden die Spielregeln festgesetzt: ausreden lassen und andere Meinungen nicht gleich verteufeln.

Thema Lockdown: Schwierige Meinungsfindung

Behutsam hat Nikolaus Huhn die Gruppen zueinander geführt. Die Aufwärmphase fand sprichwörtlich statt: an einer Feuerschale mit einer Tasse Glühwein in der Hand. Nach dieser Runde ging es ans Eingemachte. Nikolaus Huhn bat die Teilnehmer, sich zu positionieren. Auf den Stühlen sollte niemand sitzen bleiben. Im Raum sollten sie sich an Tafeln verteilen, die ihre Meinung widerspiegelten. 

"Ich fühle meine Interessen von der Regierung verraten" - oder aber "Ich fühle meine Interessen von der Regierung vertreten", "Ich sehe die Zukunft skeptisch" oder "Ich bin zuversichtlich für die Zukunft" - hinstellen durfte man sich, wo auch immer man wollte: nah am Schild, weit weg davon oder in der Mitte zwischen mehreren Meinungstafeln. Nur die richtigen Argumente waren gefragt.

Interessant wurde es beim Thema "Lockdown". Ist er nun sinnvoll oder nicht? Fast niemand wollte sich so recht entscheiden - gab es doch Argumente dafür und dagegen. "Natürlich hat der Lockdown etwas gebracht. Wir waren weniger erkältet", meinte eine der Teilnehmerinnen. Andere fanden den Lockdown "unmenschlich und existenzberaubend". "Er hat viele wirtschaftlich in den Ruin getrieben. Menschen mussten alleine und ohne Angehörige sterben", lautete die Kritik.

Zwei Menschen sitzen auf Stühlen voreinander und schreiben auf Zettel.
Die Teilnehmer haben sich an Tafeln die ihre Meinung widerspiegelten verteilt.  Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Erhitzte Gemüter beim Thema Impfpflicht

Etwas provokant war die Frage, ob Corona auch Positives gebracht habe. "Natürlich", sagten die meisten. "Ich habe erfahren, was wahre Freundschaften sind und neue Bekanntschaften geschlossen. Ich habe meine Umgebung kennengelernt und neue Hobbies gefunden", so wurde eine Erfahrung geschildert. Andere konnten der Pandemie nicht ein bisschen Gutes abringen.

Zum Streit ist es im Seuchenparlament nicht gekommen. Einmal waren die Meinungen sehr konträr. Das Thema "Impfpflicht" erhitzte die Gemüter. "Auch ich als dreifach Geimpfter bin gegen die Pflicht", lenkte ein Teilnehmer ein. Überwältigt reagierte eine andere Teilnehmerin: "Ein heilsamer Moment, dass ein Geimpfter mir aus dem Herzen spricht."

Die Ausgangspositionen konnten unterschiedlicher nicht sein - und doch überschnitten sie sich. "Ich lasse mir nicht in meinen Körper reinregieren", sagte eine andere Teilnehmerin. Der Arzt in der Runde zeigte keinerlei Verständnis. Für ihn sei die Impfpflicht "längst überfällig". "Es besteht kein Zweifel, dass die Verläufe von Geimpften ganz anders aussehen", sagte er.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon, das von einem Mann gehalten wird.
Ausreden lassen und die Meinung der Anderen nicht gleich verteufeln, waren die Spielregeln beim "Seuchenparlament". Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Gäste loben Dialog-Format

Ein wenig mehr Polarisierung hätte sich Organisator Nikolaus Huhn gewünscht. Das nächste Mal, sagte er, "lade ich Gäste ein, die es nicht so sehr gewohnt sind, sich gesittet und respektvoll zu unterhalten". Dann kämen vielleicht auch seine Deeskalation-Strategien zum Einsatz. "Für die Premiere war die Runde aber vollkommen okay", sagte Huhn am Ende der Diskussion.

Er will weitermachen - und die Reaktionen seiner Teilnehmer geben ihm Recht. Sie lobten das neue Dialog-Format, die Offenheit und Atmosphäre. Huhn wird wohl Nachahmer finden. Aus Bad Lobenstein, Greiz, Bautzen und sogar Leipzig waren Beobachter angereist, die etwas Ähnliches planen, in dieser oder einer etwas anderen Form. Sie alle haben erkannt, dass der Meinungsaustausch wichtig ist.

Aktionskünstler Nikolaus Huhn während des Seuchenparlaments in Bad Berka.
Initiator Nikolaus Huhn ist mit der Premiere des "Seuchenparlaments" zufrieden. Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Denn wie hat es eine Teilnehmerin auf den Punkt gebracht: "Eigentlich wollen wir alles das Gleiche. Wir wollen das das ein Ende hat und wir wollen ohne großen Schaden rauskommen und alle wieder frei leben und glücklich sein. Nur eben jeder auf seine Art."

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MDR(jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 04. Februar 2022 | 18:20 Uhr

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