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St. Marien Kirche in Bad Berka Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Hakenkreuze und blonder Jesus

"Kaum auszuhalten": Wie Pfarrer Ulrich Matthias Spengler seine Kirche in Bad Berka von Nazi-Symbolen befreite

von Isabelle Fleck

Stand: 18. Juni 2021, 05:00 Uhr

Jesus und Maria waren auffallend blond und blauäugig. Ein Lüftungsgitter bestand aus tausenden Hakenkreuzen und überall in der Kirche gab es Nazi-Sprüche. Das konnte Pfarrer Ulrich Matthias Spengler nach eigenen Worten kaum aushalten und hat für sich einen Weg gefunden.

Wir gehen eine Holztreppe nach oben, bis zur zweiten Empore. Rechts neben der Orgel hängen sechs Bilder. Auf den ersten Blick kann ich keine Hitlerbärte oder Hakenkreuze erkennen. Pfarrer Ulrich Matthias Spengler erzählt mir, was darauf zu sehen ist. Ein barmherziger Vater, der neugeborene Jesus, eine Kreuzigungsszene, eine Geschichte vom Säen des Glaubens. Soweit nichts ungewöhnliches. Doch Jesus und Maria sind auffallend blond.

Auffallend erblondet: Jesus und Maria. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Biblische Geschichten wie diese sind in vielen Kirchen zu finden. Doch die Männer sind in Ehren ergraut, der Jesus ist strohblond und sehr kräftig. Alles wurde den Vorstellungen der arischen Rasse angepasst.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

In den nun grünen Feldern hingen die sechs Emporenbilder einst. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Früher einmal hingen die Emporen-Bilder an einer anderen Stelle, nämlich gut sichtbar in der Nähe des Altars. Als Spengler 2008 nach Bad Berka kam, waren die Bilder dort schon weg, lagen aber zusammengerollt in einem Schrank. Er ließ sie rahmen und hing sie an weniger prominenter oder wie er sagt "dezenterer" Stelle wieder auf, um dann eben dort die Geschichte der Kirche veranschaulichen und erklären zu können.

Sein Vor-Vorgänger Rudolf Heubel machte aus der St. Marienkirche Bad Berka innerhalb von wenigen Monaten die erste sogenannte Deutsch-Christliche Kirche an herausragender Stelle in Thüringen. Zwischen Oktober 1933 und Mai 1934 brachte er allerhand Bilder, Sprüche und Fahnen mit Hakenkreuzen an.

Deutsche Christen

Die "Deutschen Christen" wollte zur NS-Zeit das Christentum mit den Ansichten des Nationalsozialismus verbinden. 1933 übernahm die Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC) in den meisten evangelischen Landeskirchen in Deutschland an die Macht. Gegen eine nationalsozialistische deutsche Kirche, wie sie den Deutschen Christen vorschwebte, wandte sich die evangelische Bekennende Kirche, die Jesus Christus als den einzigen Herrn der Kirche bekannte. (Quelle: Chrismon)

Statt Gottesnamen gab es am Hochaltar ein Kreuz mit vielen Hakenkreuzen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Heubel ließ beispielsweise den hebräischen Gottesnamen vom Hochaltar entfernen und ersetzte es durch ein Kreuz mit vielen kleinen Hakenkreuzen. Hinter dem Altar stand eine Hakenkreuzfahne und unter der Orgel stand das Leitmotiv "Deutschland ist unser Auftrag, Christus unsere Kraft".

Eine ältere Person aus der Gemeinde berichtete mir, dass zeitweise auch eine Hitler-Büste auf dem Altar gestanden haben soll, also sehr zentral. Fotos davon gibt es aber nicht.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

Büsten und Sprüche

Während manches nach der Nazi-Zeit direkt verschwand, blieb anderes erstaunlich lange erhalten. Bei einer Renovierung im Jahr 1961 verschwand vom Altar das Kreuz mit den Hakenkreuzen. Doch der hebräische Gottesname wurde nicht wieder angebracht. Stattdessen kam hier eine Sonne hin. Auf den ersten Blick passte sie auch ganz gut dort hin. Doch Recherchen des Pfarrers ergaben, dass diese Sonne dort nicht immer war.

Eine Sonne ersetzt das Kreuz mit Hakenkreuzen. Originalzustand war das aber noch nicht. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Er stellte eine hohe Leiter an und klettere hinauf, "ziemlich sportlich und mit viel Gottvertrauen", und merkte, die Proportionen passen nicht recht. 2017/2018 fand er Sponsoren und Restauratoren, die "sofort Feuer und Flamme waren", die Sonne entfernten und auf einem gebogenen Holz-Medaillon in goldener Schrift das hebräische Wort für Gott wieder anbrachten: JHWH (hebräisch יהוה)

Die Nazi-Symbole sind nun alle entfernt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Lüftungsgitter mit Hakenkreuzen

Vor einigen Jahren kam nach dem Gottesdienst ein Tourist auf den Pfarrer zu. "Kann das sein, dass auf dem Lüftungsgitter Hakenkreuze sind?", fragte er. Spengler ging mit dem Besucher hin und schaute es sich genauer an.

Ich habe mich davor gestellt und musste sagen: Das kann nicht nur sein. Das ist so.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

Wer genau schaut, erkennt die hunderten Hakenkreuze im Lüftungsgitter. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Allerdings hatte zu der Zeit schon jemand versucht, das Ganze zu "entschärfen" und das Gitter verkehrt herum angebracht. "Durch die andere Struktur fiel es nicht direkt auf. Die Hakenkreuze drehten sich nicht mehr 'rechtsrum', sondern 'linksrum'", so Spengler.

Als ich es dann wusste, habe ich es nicht mehr ausgehalten. Dieses Gitter mit den tausenden ineinander übergehenden Hakenkreuzen war für mich unerträglich.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

Die Gemeinde ließ das Hakenkreuz-Lüftungsgitter ausbauen und ersetzte es. Das Gitter aus der Nazi-Zeit kam ins Lutherhaus nach Eisenach. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Der Pfarrer und die Gemeinde entschieden, dass das Gitter weg muss. Es kam ins Lutherhaus Eisenach in eine Ausstellung über das sogenannte Entjudungsinstitut. Im Gottesdienst-Raum hatte es für Spengler nichts mehr verloren.

Solche Zeitzeugnisse illustrieren die Geschichte und sind es wert, an besonderem Ort aufbewahrt zu werden. Dort kann ihre Geschichte erzählt werden. Es ist ein Stück Geschichte, zu der wir auch stehen sollten.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

In der Ausstellung über das sogenannte Entjudungsinsitut ist das Gitter nun zu sehen. Hier wird seine Geschichte erklärt. Bildrechte: dpa

Glocken mit Hakenkreuzen

In der Kirche von Bad Berka hat Pfarrer Spengler die Nazi-Vergangenheit seines Vor-Vorgängers aufgearbeitet. In der Kirche, in der er zuvor war, haben andere das übernommen. Bevor Spengler 2008 nach Bad Berka kam, war er Pfarrer im Pfarrbereich Kölleda-Ostramondra. In der St. Bonifacius Kirche in Rettgenstedt im Landkreis Sömmerda hingen zwei sogenannte Nazi-Glocken. Eine mit Eisernem Kreuz, eine mit Hakenkreuz.

Da war mein Standpunkt: Diese Glocken können hängen bleiben. Die Hakenkreuze kann man nicht hören, wenn sie läuten.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

Die beiden Glocken in Rettgenstedt haben eine Nazi-Vergangenheit. Bildrechte: Gymnasium Kölleda

Die Glocken hingen an einer nicht öffentlich zugänglichen Stelle. Ich hätte sie gelassen, andere haben dagegen gehalten und gesagt: Wenn es bekannt ist, denkt man es immer mit. Damit konnte ich leben, erzählt der Pfarrer. Es wurde "anständig dokumentiert" und nun erzählen unter anderem Fotos davon. Es ist eine Alternative, so Spengler.

Brauner Streifen Geschichte

In den 1980er-Jahren wurde die St. Marienkirche in Bad Berka noch einmal renoviert. Seitdem hat sie die "schönen Farben", so Spengler – helles Grün, Königsblau, Petrol und Gold. Unter der Empore zieht sich ein brauner Streifen entlang. Es ist die Stelle, an der einst das Leitmotiv der Deutsch-Christen stand.

Der braune Streifen steht für ein Stück braune Geschichte. Überraschenderweise bin ich zwei Mal auf diesen Streifen angesprochen worden. Die Menschen habe mich gefragt, ob er eine Bedeutung hat. Dann sind wir über die Vergangenheit der Kirche ins Gespräch gekommen. Das fand ich wirklich beeindruckend.

Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

Aufmerksamen Beobachtern ist der braune Streifen am unteren Ende der Brüstung aufgefallen - er steht für die braune Geschichte. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Die Nazi-Vergangenheit der St. Marienkirche ist aufgearbeitet. Spengler hört im Juli 2021 als Pfarrer in Bad Berka auf. Er bleibt Pfarrer, wechselt aber an die Polizeischule in Meiningen und ist dort als Mitarbeiter des Landespolizeipfarrers künftig unter anderem für "berufsethische Fragen" zuständig. Es ist etwas, über das er sich schon lange Gedanken macht.

In der Marienkirche sind die Nazi-Symbole aus dem Sichtbereich entfernt. Einige Bilder werden an weniger prominenter Stelle gezeigt, andere Stücke sind im Museum zu sehen. Bildrechte: Pfarrer Ulrich Matthias Spengler

Tagung zu Nazi-Symbolik in KirchenPfarrer Ulrich Matthias Spengler ist einer der Redner bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Thüringen über das "Braune Erbe" der Kirchen. Die Tagung findet vom 18. bis 20. Juni 2021 im Zinzendorfhaus Neudietendorf statt und ist ausgebucht. Die Akademie plant, Vorträge und Diskussionen zu veröffentlichen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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MDR KULTUR WerkstattNazis im Talar - Die Deutschen Christen in Thüringen

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 18. Juni 2021 | 05:00 Uhr

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