Landwirtschaft Warum Schweinebauern in Thüringen an ihre Grenzen kommen

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In Thüringen werden insgesamt etwa 668.600 Schweine gehalten. Doch für die Bauern entwickelt sich das immer mehr zum Verlustgeschäft. Warum das so ist und wer uns ernähren soll, wenn die Betriebe aufgeben müssen, zeigt sich exemplarisch in der Agrargenossenschaft Großobringen.

Ein Schwein wird gekrault.
Die Preise bestimmt der Einzelhandel. Die Bauern müssen nehmen, was sie kriegen, berichten sie. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

630 Sauen leben hier in Großobringen, die Agrargenossenschaft ist ein Ferkelaufzuchtbetrieb. Gerade wurde sie als "Hervorragender Thüringer Ferkelerzeuger" ausgezeichnet. Wenn man den Betrieb betreten will, muss man sich komplett desinfizieren, um die Tiere zu schützen. Auch Kameras und Aufnahmegeräte müssen durch eine Hygieneschleuse. Die Luft ist sehr frisch in den Ställen, es ist hell, überall hängen Spielsachen für die Ferkel, die ziemlich munter durch die Gegend flitzen. Mit intakten Ringelschwänzen übrigens. Alle drei Wochen werden hier Ferkel geboren und nach 65 Tagen verkauft. Denn der Betrieb verdient damit sein Geld, wie der Vorstandsvorsitzende Heiko Förtsch betont: "Wir bieten unseren Tieren eine optimale Umgebung. Unsere Tiere sind gesund und fühlen sich wohl."

Laut Thüringer Landwirtschaftsministerium gibt es im Freistaat 566 landwirtschaftliche Betriebe mit Schweinehaltung, davon arbeiten 37 mit ökologischer Wirtschaftsweise. Heiko Förtsch befürchtet aber, dass in den nächsten zehn Jahren mehr als die Hälfte davon aufgeben muss. Grund ist die Preisgestaltung: "Bei jedem Schwein, das momentan den Betrieb verlässt, klebe ich 25 Euro drauf. Das ist auf lange Sicht nicht durchzuhalten", erzählt der Agraringenieur.

Pro Ferkel, so Förtsch, bekommt er derzeit etwa 20 Euro. 25 bis 28 Kilo wiegen die Tiere, wenn sie verkauft werden. Das Thüringer Landwirtschaftsministerium gibt den Preis dagegen mit etwa 1,31 Euro pro Kilo Schlachtgewicht an, doch auch dieser Preis würde nicht die Kosten decken. Das eigentliche Problem liegt für Förtsch und seine Kollegen ganz woanders: "Die vier großen Supermarktketten bestimmen die Preise und wir müssen sehen, wie wir damit klarkommen". Hendrik Franke, Geschäftsführer der Schweineproduktion in Großobrigen, ergänzt: "Eigentlich müsste es andersherum laufen. Die Erzeuger müssten berechnen, wieviel das Fleisch in der Herstellung kostet und das müssten die Einkäufer und der Handel dann zahlen".

Auch Verbände sehen große Gefahr

Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) kritisiert die derzeitige Lage der Bauern. Sie fordert einen Umbau der Tierhaltung, Perspektiven und faire Preise für die Betriebe. Martin Schulz, Bundesvorsitzender der AbL: "Der Lebensmittel-Einzelhandel muss gerade in der jetzigen Situation Taten folgen lassen, damit wir die deutsche Schweinehaltung in den nächsten Monaten nicht im großen Stil auf Grund der ruinösen Preise verlieren".

Lockangebote zu Ramschpreisen sind der falsche Weg.

Martin Schulz Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

Laut Schulz laufen insbesondere die Sauenhalter in Deutschland Gefahr, die momentane Krise nicht zu überstehen. Aber gerade deren Fachwissen und Einsatzbereitschaft seien unverzichtbar, um eine gesellschaftlich akzeptierte Tierhaltung in Deutschland überhaupt umzusetzen. "Lockangebote zu Ramschpreisen sind der falsche Weg."

Krisengipfel angesichts ruinöser Preise

Angesichts der ruinösen Schweinepreise hatte Bundesministerin Julia Klöckner am 15. September zu einem Krisengipfel geladen, um die Probleme auf dem Schweinemarkt zu diskutieren. Denn auch wenn die Schweineproduktion seit jeher großen Schwankungen unterliegt, ist die derzeitige Krise anders zu bewerten. Laut Martin Schulz ist sie auch das Ergebnis einer falschen Ausrichtung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen: "Jahrzehntelang wurden den Bäuerinnen und Bauern Hoffnungen gemacht, dass die großen Chancen im Exportmarkt liegen. Die Devise war immer mehr und intensiver. Jetzt fällt neben Russland auch China als wichtiger Exportmarkt wegen angestrebter Selbstversorgung weg. Der einheimische Markt ist übervoll und die Kühlhäuser sind noch aus dem letzten Jahr gefüllt."

Die Situation auf dem Weltmarkt ist angespannt, niemand gibt den Bauern eine Preisgarantie. Damit ist es auch schwer, Kredite zu bekommen für notwendige Investitionen, sagt Heiko Förtsch. Denn eigentlich will die Agrargenossenschaft Großobringen bauen. Modernere Ställe, mehr Platz für die Schweine. "Es erteilt dir niemand Genehmigungen, monatelang wird man vertröstet", so Förtsch.

Vorschriften widersprechen sich

Denn Betriebe, die sich bereits auf den Weg zu mehr Tierschutz machen wollen, bekommen aktuell für den Umbau ihrer Ställe häufig keine Baugenehmigung, weil diese artgerechten Stallsysteme immissionstechnisch nicht bewertet werden können. Die Datengrundlagen dafür liegen noch nicht vor. Martin Schulz bezeichnet das als "skandalös". "Die entsprechenden Vorschläge der Borchert-Kommission liegen seit Februar 2020 auf dem Tisch von Bundesministerin Klöckner. Die Regierungsfraktionen haben die Umsetzung der guten Vorschläge systematisch blockiert, statt sie für die Praxis umzusetzen und den tierhaltenden Betrieben eine Perspektive zu bieten."

Die Agrargenossenschaft Großobringen

630 Sauen leben hier in Großobrigen, die Agrargenossenschaft ist ein Ferkelaufzuchtbetrieb. Gerade wurde sie als "Hervorragender Thüringer Ferkelerzeuger" ausgezeichnet.

Schweine im Schweinestall
Die Agrargenossenschaft Großobringen ist ein Ferkel-Aufzuchtbetrieb. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Schweine im Schweinestall
Die Agrargenossenschaft Großobringen ist ein Ferkel-Aufzuchtbetrieb. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ferkel trinken bei ihrer Mutter, die auf der Seite liegt.
Pro Wurf bekommt eine Sau im Schnitt 15 Ferkel. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Bauern gucken in den Stall.
Hendrik Franke (links) und Heiko Förtsch sind mehrfach täglich im Stall. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Schwein wird gekrault.
630 Sauen und drei Eber werden hier gehalten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Schweine im Schweinestall
Nach 28 Tagen Säugezeit kommen die Ferkel in den "Kindergarten". Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Schweine im Schweinestall
Die weiblichen Ferkel gehen in die Aufzucht, die männlichen zur Mast. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Schweinerüssel von vorn.
In Großobringen will man eigentlich bauen, bekommt aber keine Genehmigung. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Agrargenossenschaft Großobringen
Befruchtet werden die Tiere hier mit eingekauftem Sperma. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Schweine im Schweinestall
Drei Eber gibt es trotzdem, sie sollen die Sauen stimulieren, wenn es soweit ist. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Schweine im Schweinestall
Der Bügel soll das Aufspringen des Ebers imitieren. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Thüringen will Bauern unterstützen

Ab 2022 will der Freistaat die Haltung von Schweinen auf Einstreu fördern. "Wir erfüllen die gesellschaftlichen Erwartungen an eine moderne Nutztierhaltung im Sinne des Tierwohls“, so Ministerin Susanna Karawanskij. "Wir unterstützen schweinehaltende Betriebe dabei, Haltungsbedingungen bei Schweinen so zu verändern, dass sie den Ansprüchen des Tierwohls gerechter werden." Bis 15. November 2021 können Agrarbetriebe beim Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum die neue Förderung beantragen.

Verbraucher tragen auch Verantwortung

Laut Landwirtschaftsministerium liegt der durchschnittliche Jahres-Pro-Kopf-Verbrauch bei Schweinefleisch in Thüringen bei etwa 54 Kilogramm, im Bundesdurchschnitt sind es 45,5. Für Heiko Förtsch und seine Kollegen sind aber nicht die Verbraucher für die Probleme verantwortlich. Doch zumindest hätten sie die Folgen zu tragen, wenn es kein Schweinefleisch aus Thüringen mehr gäbe und vorrangig Fleisch aus dem Ausland zu kaufen wäre. Bei den Importen nach Thüringen liegen laut Ministerium die Fleischwaren nämlich mit einem Anteil von 11 % bei den Waren der Ernährungswirtschaft mit an erster Stelle. Ausgeführt wird Fleisch dagegen kaum.

Civey-Umfrage zum Kaufverhalten

Deshalb haben wir eine Umfrage in Auftrag gegeben, um zu ermitteln, ob es für die Menschen überhaupt wichtig ist, wo ihr Fleisch herkommt und wie oft sie welches essen.

Details zur Umfrage

Die genaue Fragestellung zur ersten Umfrage lautete: "Wie häufig in der Woche essen Sie Fleisch oder Wurst?" mit den Antwortmöglichkeiten: "Täglich", "5 - 6 Mal", "3 - 4 Mal", "1 - 2 Mal", "Seltener", "Nie", "Weiß nicht".

Das Meinungsforschungsinstitut Civey berücksichtigte für das Gesamtergebnis die Antworten von 10.043 Befragten. Das Gesamtergebnis ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren. Der statistische Fehler der Gesamtergebnisse beträgt 2,5 Prozent. Damit ist die maximale Abweichung der Ergebnisse, die man mithilfe der Stichprobe erzielt hat, von den realen Werten in der Grundgesamtheit gemeint. Der Befragungszeitraum war vom 10.07.2021 bis 08.10.2021.

Die genaue Fragestellung der zweiten Umfrage lautete: "Würden Sie eher preiswertes Fleisch aus dem Ausland oder teureres Fleisch aus Deutschland kaufen?" mit den Antwortmöglichkeiten: "Preiswertes aus dem Ausland", "Unentschieden", "Teureres aus Deutschland". Civey berücksichtigte für das Gesamtergebnis die Antworten von 5.003 Befragten. Der statistische Fehler lag bei 2,5 Prozent. Die Befragung lief vom 04.10.2021 bis 08.10.2021.

Laut Umfrage essen im Osten Deutschlands 26,8 Prozent der Befragten täglich Wurst oder Fleisch, im Durchschnitt sind es 20,1 Prozent. Unterschiede gibt es auch, wenn man das Alter der Befragten anschaut: 13,4 Prozent der 18 - 29-Jährigen geben an, nie Fleisch zu essen. Bei den 50 - 64-Jährigen sind das nur 6,5 Prozent. Während 26,3 Prozent der Männer deutschlandweit angeben, täglich Fleisch und Wurst zu essen, sind es bei den Frauen gerade mal 13,8 Prozent.

Die Umfrage zeigt weiter, dass in sehr dicht besiedelten Gebieten, also Städten und Ballungsräumen 72,6 Prozent lieber mehr für Fleisch zahlen würden, wenn es aus Deutschland kommt. Von Personen mit Kindern im Haushalt würden 41,1 Prozent eindeutig teureres Fleisch aus Deutschland kaufen, der Durchschnitt liegt hier bei 36,5 Prozent. Bei Personen ohne Abschluss (darunter sind nicht die, die noch in Ausbildung sind) geben 75,7 Prozent an, eher Fleisch aus Deutschland zu kaufen, auch wenn es teurer ist. Zum Vergleich: Der Durchschnitt liegt hier bei 67,6 Prozent.

Quelle: MDR Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. Oktober 2021 | 12:00 Uhr

47 Kommentare

Rass86 vor 6 Tagen

Nein, wohne in Kleinstadt, wo es biobutter auch im Aldi, Norma ...gibt. Es gibt auch keine Gesetze, die das erlauben. Es gibt nur keine, die das verbieten, weil die Lebensmittellobby die Politik, allen voran das Verbraucherministerium, lenkt...
Das diese gepanschten Lebensmittel auf den Markt dürfen, ist unglaublich. Da haben sie Recht !

knarf2 vor 7 Tagen

Wir verspeisen bestimmt nicht
täglich Schweinebraten außer vielleicht Wurst aus Schwein und das nehme ich an ist für alle erschwinglich. Wenn man aber sieht wie viele Menschen noch zusätzlich mehrmals in der Woche auch Fleichspeisen sich nach Hause bestellen.Zusätzlich kommt noch bei nicht wenigen der Fastfoodkonsum.Dann noch jammern das Geld reicht nicht obwohl noch zusätzlich bei vielen der Tabak und der Alkohol kommt ist irre!

Nico Walter vor 7 Tagen

Durch Schlussfolgerung. Wenn sich der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft darüber beklagt, das Russland und China als wichtige (!) Exportmärkte wegfallen, dann kann man daraus meiner Ansicht nach schon schließen, dass diese Märkte bedient wurden. Andernfalls wäre deren Wegbrechen jetzt ja kein Problem. Da die Märkte wichtig waren, kann deren Anteil nicht klein gewesen sein.

Darüber hinaus sagt das die Statistik. Bei einem jährlichen pro Kopf Verbrauch von 45,5 kg und 83 Mio. Einwohnern kommt man auf ca. 3.8 Mio. Tonnen pro Jahr. Der Fleischexport erreichte 2016 mit 4.2 Mio. Tonnen seinen bisherigen Höchstwert (kann man googeln). Die Zahlen sind zwar nicht direkt vergleichbar da erstere nur Schweinefleisch aber wahrscheinlich mit Wurstwaren, letzter alles Fleisch außer Geflügel aber ohne Wurstwaren enthält, aber ich denke die Größenordnung dürfte klar machen, dass der exportierte Anteil nicht unerheblich ist.

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