Kühlraum statt Grab Noch keine Spur zur Mutter der Babyleiche von Geschwenda

Ein kleines zweijähriges Mädchen könnte sich heute auf Weihnachten freuen, doch es bekam nie die Chance dazu. Vor genau zwei Jahren wurde ein Baby an einem Feldweg bei Geschwenda abgelegt. Die Identität des toten Kindes ist bis heute unklar. Doch die Ermittler geben nicht auf und hoffen wie die Menschen in Geschwenda, dass die Mutter sich noch meldet.

Gedenkstein für toten Säugling von Geschwenda
Die Menschen in Geschwenda kümmern sich um den Gedenkort. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 20. April 2019, Ostersamstag, fanden Spaziergänger den toten Säugling im Gebüsch am Wegesrand bei Geschwenda im Ilm-Kreis. Der stark verweste und von Tieren angefressene Körper wurde von der Gerichtsmedizin untersucht. Schon am Ostersonntag stand fest - das Kind hat nach der Geburt gelebt. Bei dem Leichnam wurden Kleidungsstücke gefunden, darunter eine Mütze der Marke Matcholino. Die Mütze wird seit etwa 25 Jahren nicht mehr in Deutschland verkauft.

Dass das Kind gewindelt war und bekleidet, sei ungewöhnlich für einen solchen Fall, sagte Hauptkommissar Lars Fabig MDR THÜRINGEN. Es zeuge von einer engen Bindung der Mutter zu ihrem Kind. Weitere Ermittlungen und Untersuchungen der Kriminalpolizei ergaben, das kleine Mädchen war höchstens drei Wochen alt und wurde bereits Anfang Dezember und damit knapp fünf Monate vor dem Auffinden bei Geschwenda abgelegt. Es wurde erst gestillt und dann mit der Flasche ernährt.

Nach dem Fund eines toten Babys im Ilm-Kreis im April 2019 suchte die Polizei das Gebiet um die Streuobstwiese in Geschwenda ab.
Nach dem Fund eines toten Babys suchte die Polizei das Gebiet um die Streuobstwiese in Geschwenda ab. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Gerichtsmedizin analysierte DNA-Spuren. Außerdem wurden 40.000 Geburten von Frauen überprüft, die zwischen 2017 und 2018 schwanger waren. Bei dem getöteten Mädchen handele es sich nicht um eines der Kinder, die regulär geboren und erfasst wurden, so der Leiter der Ermittlergruppe, Hauptkommissar Lars Fabig. Die Polizei startete eine bundesweite Öffentlichkeitsfahndung. Noch immer nimmt jede Polizeidienststelle Hinweise entgegen. Fabig will nicht nur die Mutter finden, er will auch einer Verantwortung gegenüber dem getöteten Kind nachkommen. Man habe eine moralische Verpflichtung, dem Kind einen Namen zu geben und ein ungefähres Geburtsdatum, sagt er. Es habe ein Recht darauf, bestattet zu werden.

Tränen, die die Mutter nicht weinen konnte

Das sehen auch die Menschen in Geschwenda so. Ein Baby wurde Mutterseelen allein gelassen. An einem kalten Dezembertag abgelegt in einem Waldstück. Noch immer bewegt das Schicksal des Kindes die Menschen in Geschwenda, weiß Pfarrer Sebastian Pötzschke.

Pfarrer Sebastian Pötzschke
Pfarrer Sebastian Pötzschke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie schon beim Gedenkgottesdienst 2019, nachdem das Kind gefunden wurde. Damals sei die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt gewesen. Viele Familien waren da, auch mit Kindern, sagt der Pfarrer. Es seien damals viele Tränen geflossen. Und es habe sich so angefühlt, sagt er, als wären es Tränen, die anderswo nicht geweint werden konnten.

Gedenkstein an Fundstelle des Babyleichnams

Ein Ort trauert um ein Kind, das nicht aus seiner Mitte kommt. Von der Mutter fehlt noch immer jede Spur. Inzwischen wurde für das kleine Mädchen ein Gedenkstein angefertigt. Beim Trauergottesdienst lag dieser Stein auf dem Taufstein in der Kirche. Jetzt liegt er an der Fundstelle des Leichnams. Die Menschen kümmern sich um diesen Gedenkort. Schmücken ihn mit Blumen und Kuscheltieren. Jetzt, in der Adventszeit, haben sie rund um den Stein Reisig gelegt. Das Kind ist nicht vergessen.

Gedenkstein für toten Säugling von Geschwenda
Gedenkstein an Fundstelle des Babyleichnams. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kühlschrank statt Bestattung

Doch weil weder Mutter noch Vater oder andere Zeugen sich melden, liegt das kleine Baby statt in seiner letzten Ruhestätte in einem Kühlschrank der Gerichtsmedizin in Jena. Seit nunmehr 19 Monaten. Jens Büchner, Kommissariatsleiter 1 der KPI Gotha, erinnert sich, dass dieser Fall auch für seine Kollegen emotional belastend war. Der Fall gehe ihnen nahe, auch heute noch. Sie hoffen, den entscheidenden Hinweis noch zu finden, sagt Büchner.

Niemand wisse, welchen Zwängen und welchen Nöten diese Frau ausgesetzt war, sagt er. Er ist der Meinung, dass es für die Mutter eine Erleichterung wäre, wenn sie sich offenbaren würde.

Kühlschrank der Gerichtsmedizin in Jena
Kühlschrank der Gerichtsmedizin in Jena Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Die Vorstellung, dass ein unschuldiges kleines Mädchen nach nur drei Wochen Lebenszeit sterben musste und seit nun 19 Monaten in einem Kühlschrank der Gerichtsmedizin liegt, ist kaum auszuhalten. Doch ohne Geburtsdatum kann das Kind nicht bestattet werden. Die Polizei möchte der Mutter die Verantwortung, wenigstens das Kind bestatten zu lassen, nicht abnehmen. Dazu sei es notwendig, dass sie sich meldet. Nur sie kennt den Geburtstag ihres Kindes. Ohne Geburtsdatum kann das Kind nicht bestattet werden.

Für Beerdigung ist gesorgt

Die Menschen in Geschwenda möchten dem Kind gern einen Ort geben, an den es gehört. Weil, so Pfarrer Sebastian Pötzschke, jeder Mensch einen solchen Ort braucht. Längst haben Gemeinde, Pfarrgemeinde und Steinmetz sich geeinigt. Das Mädchen kann seine letzte Ruhe auf dem Friedhof in Geschwenda finden. Die Menschen in Geschwenda wollen dem Kind einen würdevollen Abschied ermöglichen.

Der genaue Ort des Grabes steht noch nicht fest, so Pfarrer Pötzschke. Denkbar wäre ein Platz unter zwei großen Fichten. Wenn ich einen Ausweg weiß, aus einer schlimmen Lage, sagt er, werde ich als Mensch diesen Ausweg wählen. Und in dieser Situation habe das nötige Quäntchen Liebe gefehlt, was alle brauchen, um zu leben. Dabei verlange niemand, dass wir gute Eltern sind, sagt er, sondern einfach nur Eltern. Die Mutter, meint er nachdenklich, habe sich wahrscheinlich sehr allein gefühlt, ohne Ausweg, ohne Hilfe. Sie hat vielleicht die Liebe, die sie ihrem Kind nicht geben konnte, selbst auch nie erfahren.

Pfarrer Sebastian Pötzschke
Pfarrer Pötzschke: Es wäre Platz gewesen für dieses Leben, in der Mitte anderer Menschen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Noch immer habe er das Gefühl, dass die Menschen in Geschwenda stellvertretend trauern um dieses Kind. Die jungen Frauen aus der Müttergruppe im Ort seien so engagiert und mit so viel Liebe dabei, wenn es um das Gedenken an das verstorbene Mädchen geht. Es wäre Platz gewesen für dieses Leben, sagt er, in der Mitte anderer Menschen. Ein kleines Leben wurde von der Mutter allein gelassen. Doch dieses Kind kann seine letzte Ruhe nur mit Hilfe der Mutter finden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

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