Familien- und Stadtgeschichte Gothas Stadtarchiv bekommt 200 Weltkriegsbriefe geschenkt

Porträt Sandra Voigtmann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Am Ewigkeitssonntag - auch Totensonntag genannt - gedenken wir der Verstorbenen. Indem wir uns an Freunde und Familienmitglieder erinnern, leben sie in uns weiter. Und manchmal erwachsen aus diesen Erinnerungen auch ganz besondere Ideen. Die gebürtige Gothaerin Gudrun Matthies beispielsweise hat den Briefwechsel ihrer Großeltern aus dem Ersten Weltkrieg dem Stadtarchiv Gotha vermacht - und die ganze Geschichte unser Reporterin Sandra Voigtmann erzählt.

Briefmarke
Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Gudrun Matthies ist meine Nachbarin. Irgendwann erzählte sie mir ganz nebenbei, dass sie noch die Briefe ihres Großvaters hat. Er sei 1943 gestorben. Sie hat ihn nie gesehen. Bei einer Tasse Kaffee auf unserer Terrasse spricht sie liebevoll von dem Opa, den sie nie kennenlernen konnte. Er muss ein toller Mann gewesen sein. Und er sei so liebevoll mit seiner Frau und den Kindern umgegangen, dass könne man in den Briefen lesen.

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Den Großvater kennt Gudrun Matthies nur durch die Briefe und Karten, die er nach Gotha geschickt hat. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Sie erzählt von der Likörfabrik des Großvaters und von ihren Eltern. Ich finde es spannend und bin ganz fasziniert davon, welches Bild von der Gothaer Mohrenstraße und ihrem Elternhaus sie mir zeichnet. Und dann erzählt sie mir, dass sie die Briefe gemeinsam mit ihrer Schwester digitalisiert hat. Hunderte Briefe seien das gewesen und Feldpostkarten.

Ihre Schwester hat ihr vorgelesen und sie hat am Computer gesessen und geschrieben. Der Großvater hatte eine schöne Handschrift. Doch Altdeutsch konnte ihre Schwester besser als sie, sagt sie. Und wenn sie etwas nicht lesen konnten, haben sie zusammen gerätselt.

Wochen später erzählte Gudrun mir, dass sie einen Teil der Briefe dem Gothaer Stadtarchiv angeboten hat. Und die hätten sogar "Ja" gesagt, lächelte sie damals - wieder auf unserer Terrasse.

200 Briefe der Großeltern auf USB-Stick

Nun wollte ich es ganz genau wissen. Und verabredete mich mit der Leiterin des Stadtarchivs Julia Beez und natürlich mit meiner Nachbarin Gudrun.

Ich sitze also eines Abends in der Nachbarwohnung. Gudrun erzählt mir, dass die Briefe von Generation zu Generation von einer Schublade in die andere gewandert sind. Dann kam das Digitalisierungsprojekt mit ihrer Schwester. 200 Briefe zusammengefasst auf einem USB-Stick hat sie nach Gotha gebracht. Der Großvater schrieb sie zwischen 1914 und 1918.

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Wunderschöne Handschrift - doch Altdeutsch gibt den Schwestern beim Digitalisieren einige Rätsel auf. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Mit ihren Geschwistern habe sie entschieden, dass das Gothaer Stadtarchiv ein würdiger Platz für die Briefe sei. Beeindruckt hat Gudrun, dass ihr Großvater sich von der Front aus so um die Familie gekümmert hat. Am Computer "blättern" wir durch die Briefe. Da steht zum Beispiel, dass die Großmutter Karnickel anschaffen soll. Die würden sie und die Kinder über den Winter bringen. Er hat Pfirsiche vom Rhein nach Gotha geschickt und war selbst ganz erstaunt, wie günstig das Obst dort war und dass das Porto mehr gekostet hat als die Früchte. Er fragte nach Neuigkeiten aus Gotha und ob ihm seine Frau Gothaer Tageblätter schicken könnte, wenn etwas Interessantes drinsteht. Und es ging ums Likörgeschäft. Ob sie denn die Steuern schon gezahlt habe - wollte er wissen und dass sie ja nicht zu viel bezahlen soll, denn der Satz wäre niedriger als die Jahre zuvor. Und er schrieb von Wanzen, die ihm in seinem heißen, stickigen Zimmer in Frontnähe den Schlaf raubten.

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Tipps, um über den Winter zu kommen oder wie das Geschäft zu führen ist - solche Dinge sind fast lückenlos überliefert dank dieser Briefe. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Herzerweichende Liebesbriefe statt WhatsApp

Solche Zeitdokumente zu lesen, ist unheimlich spannend. Ob es ihr nicht schwer gefallen sei, sich von diesem Teil des Familienbesitzes zu trennen, will ich wissen. Nein, sagte sie gerade heraus. Denn die Nichtkriegsbriefe hätten sie ja noch. Es sind Liebesbriefe. Gudrun schwärmt regelrecht, wie wunderschön sie geschrieben sind und dass sie das Herz aufweichen. So was gäbe es heute in Zeiten von WhatsApp ja nicht mehr, meint sie. Er muss ein toller Liebhaber gewesen sein, lacht sie. Die Briefe zu lesen, wärme die Seele und eine wunderbare Erinnerung an die Großeltern seien sie auch.

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Die gesamte Post ist nun digitalisiert. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Briefe für das Stadtarchiv Gotha

Doch was hat das Stadtarchiv Gotha bewogen, diese Briefe zu nehmen? Ich fahre also nach Gotha. Das Stadtarchiv ist am Ekhofplatz. Dort erwartet mich Julia Beez, die Leiterin. Wir gehen durch einen langen Gang, dann durch ein Büro und sind dann in einer Art Konferenzraum. Auf dem Tisch liegen die Originalbriefe von Gudruns Großvater. Sie sind mehr als einhundert Jahre alt.

Ich frage, ob ich sie mir ansehen darf. Julia Beez nickt. Mit mir gemeinsam faltet sie vorsichtig Briefe auseinander. Wir lesen Feldpost aus dem Jahr 1914, Feldpostkarten aus dem Jahr 1917. "Dein Männe" steht unter allen Briefen, die mit Tinte und einer wunderschönen geschwungenen Handschrift geschrieben sind. Ob das wohl von seinem Namen Herrmann abgeleitet ist, fragen wir uns und finden es beide irgendwie süß.

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Aus dein Mann Herrmann wurde offenbar "Dein Männe". Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Julia Beez erzählt mir, dass sie sich über die Briefe sehr gefreut hat. Sie lobt Gudrun Matthies für ihre Vorarbeit. Alles sei schon sortiert und sogar transkribiert gewesen. Das kommt so gut wie nie vor, sagt sie. 

Relevant für die Stadtgeschichte

Das sogenannte Sammlungsgut, welches gelegentlich aufgenommen wird, sei eine Ergänzung zum Verwaltungsschriftgut, das eigentlich im Stadtarchiv geführt werde. Briefsammlungen werden immer dann angenommen, wenn sie eine Relevanz haben für die Stadtgeschichte und für öffentliches Interesse geeignet sind, sagt Julia Beez. Und in diesem Fall, den Briefen von Herrmann Ebert, waren es gleich mehrere Punkte, die sie überzeugt haben.

Zum einen ist Familie Ebert als Likörfabrikanten sehr bekannt in Gotha - noch heute. Die Briefe sind zahlreich und fast lückenlos, so dass sich inhaltliche Verläufe erkennen lassen. Und sie enthalten stadtgeschichtlich relevante Informationen zur Versorgungslage, zu Lebensmitteln, zur Gesundheitslage und zur politischen Lage.

Aus den Briefen ist erkennbar, dass Herr Ebert nicht an vorderster Front gekämpft hat, sondern in zweiter Linie in der Verwaltung tätig war. Julia Beez erfährt so Einschätzungen zum Krieg und zum Kriegsverlauf, erzählt sie mir. Und die Briefe zeugen davon wie die Ehefrauen zu Hause blieben und die Geschäfte der Männer weiterführten.

Im Fall der Eberts, liest sie mir vor, gab er Anweisungen zum geschäftlichen Ablauf in der Likörfabrik. Die Briefe seien Zeugnis des Alltags einer Gothaer Geschäftsfamilie im Ersten Weltkrieg. Als Historikerin beeindruckt sie vor allem Eberts Einstellung zum Krieg, sagt sie. Anfangs habe er noch an ein schnelles Ende des Krieges geglaubt. Das habe sich dann geändert und irgendwann habe er nur noch gehofft, dass es endlich vorbei ist. Das sei auch aus anderen Zeitdokumenten bekannt, so Beez.

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Die Briefe von Herrmann Ebert sind aus mehreren Gründen wichtig für das Stadtarchiv in Gotha. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Briefe als weiteres Puzzleteil

Im Stadtarchiv gibt es weitere ergänzende Quellen. Sie sind weitere Puzzleteile der Familien- und Stadtgeschichte. Da wären das Personenstandsregister, in dem die Familie steht, oder das Geburts- und Sterberegister, die Eheschließung lässt sich nachlesen oder aber Gewerberegistereinträge vom Geschäft. Und in Zeitungen aus der Zeit sei Werbung der Likörfabrik zu finden. So gesehen seien die Briefe ein Schatz. Und sie ist froh, ihn bei sich im Stadtarchiv Gotha zu wissen.

Ich bin froh, diese Geschichte erzählt bekommen zu haben. Und natürlich habe ich Gudrun, meiner Nachbarin, davon erzählt, wie sehr sich Julia Beez im Archiv gefreut hat. Aber das wusste sie schon. Sie war ja schließlich vor mir da, um die Briefe abzugeben. Ich freue mich schon jetzt auf neue Geschichten, die sie mir auf unserer Terrasse erzählen wird.

Quelle: MDR/ifl

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 21. November 2021 | 08:12 Uhr

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