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Dr. med. Heike Schlegel-Höfner (links) ist Chefärztin der Intensivmedizin der Ilm-Kreis-Kliniken. Bildrechte: MDR/Ilm-Kreis-Kliniken

Die Pandemie aus Sicht einer ITS-Medizinerin

Corona-Ausnahmezustand auf der Intensivstation

von Sandra Voigtmann, MDR THÜRINGEN

Stand: 09. Mai 2021, 13:10 Uhr

110 Ärzte und 500 Pflegekräfte arbeiten für die Ilm-Kreis-Kliniken, 450 Patienten-Betten gibt es dort - und zwei Covid-Stationen. Eine mit 34 Betten und zehn Intensivbetten in Arnstadt und eine mit 44 Betten und sechs Intensivbetten in Ilmenau. Das sind die Fakten. Der anstrengende Klinik-Alltag in Zeiten einer Pandemie mit immer jüngeren Corona-Intensivpatienten und schwereren Verläufen lässt sich nur erahnen.

Ein Jahr nach Pandemiebeginn sind auch die Mitarbeitenden der Ilm-Kreis-Kliniken ausgelaugt. Das, was da seit einem Jahr in den Häusern in Arnstadt und Ilmenau zum Alltag geworden ist, sei eine noch nie dagewesene Situation, sagt die Chefärztin der Intensivmedizin der Ilm-Kreis-Kliniken, Dr. med. Heike Schlegel-Höfner. Sie ist eine erfahrene Ärztin und hat in den Ilm-Kreis-Kliniken die Palliativstation mit aufgebaut.

Die immer schwereren Verläufe bei Covid-19-Patienten bei ihr auf der Intensivstation, die hohe Sterberate, die nicht abzusehenden Langzeitfolgen machen etwas mit den Pflegekräften und den Ärzten, sagt sie. Nicht nur körperlich, sondern vor allem auch emotional stoßen alle Mitarbeitenden an ihre Grenzen.

Alle tun, was sie können, sagt Schlegel-Höfner. Sie ist stolz auf ihre Mannschaft. Denn sie weiß, was ihre Schwestern, Pfleger und Ärzte leisten. Und es gibt Momente, die sich außerhalb ihrer Station kaum jemand vorstellen kann. Gefragt nach ihren schlimmsten Momenten, antwortet sie: "Wenn ich eine Schwester weinen sehe, weil sie schon wieder einen verstorbenen Covid-Patienten in einen Leichensack legen muss."

Sie ringt nach Luft, während sie das sagt. Sie muss kurz pausieren, bevor sie den Satz zu Ende sprechen kann und auch die Schutzmaske vor ihrem Gesicht kann nicht verbergen, dass es ihr schwer fällt bei dem Gedanken daran, nicht selbst zu weinen.

Covid-19 ist unberechenbar

Die Ilm-Kreis-Kliniken sind als sogenanntes Level 2-Krankenhaus in der Corona-Pandemie geführt. Behandelt werden sollen dort laut Thüringer Gesundheitsministerium Corona-Infizierte mit milden Krankheitsverläufen. Zu ihnen gehören auch beatmungspflichtige Patienten. Doch eine Covid-19-Erkrankung sei unberechenbar, sagt die Chefärztin der Intensivmedizin. Wenn Patienten auf ihre Station müssen, dann müssen sie auch fast immer beatmet werden. Ihr Zustand kann sich schlagartig ändern. Ein Patient, der am Morgen noch stabil war, kann am Mittag schon mit dem Tod ringen.

Die Krankheit verselbstständige sich regelrecht. Und somit müssen in den Ilm-Kreis-Kliniken auch Patienten mit teils schweren Verläufen versorgt werden. Eigentlich wäre laut Stufenplan des Thüringer Gesundheitsministeriums dann eine Verlegung in ein sogenanntes Level 1-Krankenhaus vorgesehen. Oft sind Patienten jedoch nicht transportfähig.

Es sei aber auch vorgekommen, dass in den Level 1-Kliniken in Bad Berka und Erfurt keine Betten frei waren oder nicht das notwendige Personal zur Verfügung stand. Die Zusammenarbeit funktioniere gut. Doch auch andere Häuser haben wie die Ilm-Kreis-Kliniken personelle sowie Kapazitätsgrenzen.

Erste Welle: Personal hat gekündigt - aus Angst sich zu infizieren

Durch die erste Welle seien die Ilm-Kreis-Kliniken noch verhältnismäßig gut gekommen, sagt Geschäftsführer Dr. Marcel John. Von März bis August 2020 mussten 30 Covid-Patienten behandelt werden, darunter drei Intensivpatienten. Eine große Herausforderung sei zu diesem Zeitpunkt die Schutzausrüstung für die Mitarbeitenden gewesen. Beschäftige der Kliniken seien durch die Baumärkte der Umgebung gefahren, sagt er, um FFP-2-Schutzmasken aufzukaufen. Das wäre damals die einzige Möglichkeit gewesen.

Während der ersten Welle hat Personal gekündigt, aus Angst sich während der Arbeit mit dem Corona-Virus anzustecken. Während der zweiten Welle bis zum November 2020 lagen schon 330 Covid-Patienten in den Ilm-Kreis-Kliniken. 30 von ihnen mussten intensivmedizinisch betreut werden. Das seien 10 Prozent, sagt John. Größtenteils kamen die Patienten in der Zeit aus Pflegeheimen auf die Covid-Stationen.

Dritte Welle: Patienten werden jünger und müssen länger im Krankenhaus bleiben

Die Mutationen und die dritte Welle haben die Situation deutlich verschärft. Die Patienten werden jünger, müssen länger im Krankenhaus bleiben und liegen auch länger auf der Intensivstation. Von bisher 160 Covid-Patienten seit Dezember 2020 mussten mehr als 30 intensivmedizinisch betreut werden. Inzwischen sind das also bereits 20 Prozent der Erkrankten.

Und natürlich gab und gibt es Überbelegungen. Und es gab einen extremen Personalmangel. Homeschooling, geschlossene Kindergärten, Quarantäne-Anordnungen und Krankheit sorgten für 100 Personalausfälle im Dezember. Damit fehlten 20 Prozent der Pflegekräfte. Die Personalplanung war und ist laut Klinikleitung die größte Herausforderung.

Intensivmedizinisches Personal ist Mangelware

Dr. Heike Schlegel-Höfner und ihr Team auf der Intensivstation bekommen diese Fakten hautnah zu spüren. 15 Schwestern und Pfleger arbeiten auf der Intensivstation. Genauso viele wie immer. Doch der Arbeitsaufwand ist sehr viel höher bei Corona-Patienten, sagt sie. Vor und nach jeder Behandlung, jedem Fiebermessen, jeder Beatmungskontrolle müssen Schwestern, Pfleger und Ärzte jeweils eine neue Schutzkleidung erst an- und dann wieder ausziehen. Das kostet nicht nur Zeit, die für die Pflege fehlt, sondern unter dieser Schutzkleidung zu arbeiten, ist auch unglaublich anstrengend und schweißtreibend.

Die Ilm-Kreis-Kliniken - hier der Standort in Ilmenau - gehören zu den sogenannten Level 2-Kliniken für Covid-19-Patienten. Bildrechte: MDR/Ilm-Kreis-Kliniken

Weil qualifiziertes Pflegepersonal fehlt, hat die Klinik damit begonnen, eigenes Personal intensivmedizinisch weiterzubilden. Sie würde gern 100 Schwestern einstellen. Doch es gibt einfach nicht genügend ausgebildete Intensivpfleger. Gerne würde sie auch zwei Intensivarztstellen besetzen. Doch auch erfahrene Intensivmediziner sind Mangelware. Viele Ärzte seien auch nicht mehr bereit, voll zu arbeiten.

Das alles hat aus ihrer Sicht auch mit der Wertschätzung der Arbeit im Krankenhaus zu tun. Da gehe es nicht nur um Anerkennung, sondern auch um Geld - gerade fürs Pflegepersonal. Der Pflegenotstand ist während der Pandemie nicht besser geworden. Nur weil in den Ilm-Kreis-Kliniken stationsübergreifend Personal zusammengeführt wird, gibt es einen planbaren Ablauf auf der Intensivstation.

Dr. med. Heike Schlegel-Höfner Bildrechte: MDR/Ilm-Kreis-Kliniken

Die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern werden das sehr gute Gesundheitssystem in Deutschland von innen heraus zerstören, befürchtet Heike Schlegel-Höfner. Es müsse dringend etwas getan werden. In den Ilm-Kreis-Kliniken sind laut Geschäftsführer Dr. Marcel John in diesem Jahr bereits 30 Pflegestellen neu besetzt worden.

Doch er und auch die Chefärztin der Intensivmedizin haben Sorge, dass nach dem Ende der Pandemie zahlreiche Pflegekräfte den Job wechseln - nicht nur in Thüringen. Der Stress und die Belastung seien seit einem Jahr extrem hoch, doch weder Anerkennung noch Lohn wachsen. Gemeckert werde auf ihrer Station dennoch nicht, sagt die Chefärztin der Intensivmedizin. Für diesen Job müsse man gemacht sein. Es ist nicht nur ein Beruf, sondern meist auch Berufung.

Die Zeit ist knapp

Was Heike Schlegel-Höfner und ihr Team in diesen Tagen auf der Intensivstation erleben, könnte der Höhepunkt der Pandemie sein, sagt sie. Die Mutationen verschärfen die Verläufe. Die Lungenschäden werden immer größer. Fast jeder Patient, der auf die Intensivstation komme, müsse auch beatmet werden und das immer länger.

In Ilmenau wird die Zahl der eigentlich zur Verfügung stehenden Intensivbetten bereits überschritten. Statt sechs sind acht belegt. Die Patienten sind deutlich jünger geworden, sagt sie. Auch 50-Jährige müssten teilweise über Wochen beatmet werden. Das bleibt für den Patienten auch nicht folgenlos, weiß sie. Ältere Patienten lehnen es immer öfter ab, auf Intensivstation verlegt zu werden. Dann hilft ihr Personal auch auf der Normalstation mit. Denn die Patienten wären eigentlich ein Fall für ihre Station.

Das Gebäude der Ilm-Kreis-Kliniken in Arnstadt. Bildrechte: MDR/Ilm-Kreis-Kliniken

Das machen sie gern, doch das kostet Zeit, die nicht eingeplant ist. Hinzu kommen Patientengespräche, Telefonate mit Angehörigen, die aufgrund der Hygienebestimmungen nicht zu Besuch kommen dürfen. Auch das koste emotionale Kraft, sagt sie. Denn einfach die Diagnose schnell mitzuteilen, das reicht eben nicht. Oft entwickelten sich berührende Gespräche. Sie seien inzwischen nicht mehr nur Ärzte oder Pflegekräfte, sondern auch Seelsorger.

Natürlich werden Ausnahmen bei den geltenden Besuchsregeln gemacht. Und es gibt einige Ausnahmen, sagt sie. Ganz wichtig sei ihr, dass Patienten nicht allein sind, wenn sie sterben.

Der Tod ist schneller

Es gibt auch Angehörige, die sie anschreien, sagt sie. Auch Diskussionen mit Corona-Leugner muss sie immer noch führen. Für sie nicht nachvollziehbar. Ein Drittel der Corona-Erkrankten mussten seit Beginn der Pandemie aufgrund schwerer Verläufe von Arnstadt oder Ilmenau aus in Level 1-Kliniken verlegt werden. In täglichen Telefonkonferenzen sprechen die Intensivmediziner der Kliniken über ihre Patienten und deren Verläufe. Viel zu oft erfährt die Chefärztin der Intensivmedizin so dann auch vom Tod einer ihrer ehemaligen Patienten. Zum Teil sei nicht mal Zeit, Arztbriefe zur Unterstützung der Weiterbehandlung zu schreiben und weiterzugeben an Kollegen. Der Tod ist schneller. Auch das ist trauriger Alltag.

Weil ihre Mitarbeitenden jeden Tag die schweren Verläufe sehen und auch, wie schnell Menschen durch das Corona-Virus sterben, haben sie sich alle bereits gegen Corona impfen lassen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 09. Mai 2021 | 12:00 Uhr

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