Therapieversuch Long Covid: Ärztin aus Thüringen behandelt erfolgreich schwere Symptome

Wer nach einer Corona-Erkrankung von den möglichen schweren Symptomen von Long-Covid oder Post-Covid betroffen ist, findet nur mühsam Linderung. Erste mögliche Auswege weisen individuelle Therapieversuche, die Ärzte mit einer für andere Krankheiten zugelassenen Behandlung unternehmen. Eine Ärztin aus Arnstadt hat damit einer Patientin ihr normales Leben zurückgeben können.

Zwei Frauen, Patientin Kieslich mit Ärztin Ulbricht
Simone Kieslich hat sich wegen Long-Covid bei Dr. Ulbricht in Behandlung gegeben. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Simone Kieslich aus Erfurt liegt auf einem Bett im Nierenzentrum in Arnstadt. Ihr Körper ist über Schläuche, durch die ihr Blut fließt, mit einer Maschine verbunden. Mit der linken Hand knetet sie einen kleinen, blauen Ball aus Schaumstoff. Während sie so den Fluss des Blutes unterstützt, erzählt sie von Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit, von Müdigkeit, Schlafstörungen und Niedergeschlagenheit. Ein Gefühl wie mit Gewichten an den Beinen habe sie gehabt, so die 50-Jährige. Während sie spricht, fließen ihr Tränen über die Wangen. Freudentränen.

Ein Abwasch fühlte sich an wie ein Marathon

Die Erfurterin bekommt gerade ihre dritte Covid-Apherese im Nierenzentrum des Ilmkreises in Arnstadt. Anfang Dezember 2021 hatte sie sich infiziert und war erkrankt. Nach einigen Tagen mit akuten Symptomen fühlte sie sich wieder besser. Dann aber stellten sich schleichend viele der typischen Symptome von Post-Covid und Long-Covid ein. "Ein normaler Abwasch hat sich angefühlt wie ein Marathon", sagt Simone Kieslich. "Ich war vollständig aus meinem normalen Leben herausgeworfen."

Ärztin am Schreibtisch.
Kristina Ulbricht möchte Menschen mit Long-Covid helfen. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Kristina Ulbricht betritt den Raum, überprüft die Einstellungen der Maschine und nickt zufrieden. Zum dritten Mal behandelt die Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie ihre Erfurter Patientin an diesem Mittwoch. Drei Stunden später wird deren Blutkreislauf von der Maschine getrennt und die Behandlung ist erst einmal abgeschlossen.

Arzt aus Erfurt wollte Hilflosigkeit nicht hinnehmen

Kristina Ulbricht war nicht von selbst darauf gekommen, Covid-Patienten zu behandeln. Den Anstoß dazu gab Frank Richard, der Arbeitgeber von Simone Kieslich. Er ist Arzt und wollte die Hilflosigkeit in Bezug auf die schweren Nach-Covid Symptome nicht länger hinnehmen.

Er erinnerte sich an eine ARD-Dokumentation von Anfang Dezember 2021. In dieser Reportage hatte Eckart von Hirschhausen eine Medizinerin vorgestellt, die das erforschte, erprobte und zugelassene Verfahren der Doppelfiltrations-Plasmapherese - eine Blutwäsche-Behandlung unter anderem für Menschen mit schweren Störungen im Fettstoffwechsel - erfolgreich bei Post-Covid und Long-Covid-Patienten anwendet. Richard wollte seiner Medizinischen Fachangestellten, die in seiner Praxis hochgeschätzt ist, helfen. Er gab keine Ruhe, bis er mit Kristina Ulbricht Kontakt zu einer Kollegin gefunden hatte, die das für diese Behandlungsmethode benötigte spezielle Gerät hat.

Krankenkassen zahlen nicht für individuellen Heilversuch

"Ich habe schon etwas unruhig geschlafen in der Nacht, bevor ich Frau Kieslich zum ersten Mal behandelt habe", sagt die Arnstädter Ärztin. Jetzt ist sie erleichtert: Schon nach dem ersten "Termin mit der Maschine" war es der Erfurter Arzthelferin auf beeindruckende Weise besser gegangen.

Dass Kristina Ulbricht diesen Schritt gegangen ist, war ihrer Neugier geschuldet. Und der Offenheit dafür, mit einer schon bekannten Methode neue Wege zu gehen. Schwerpunkt der Arbeit in ihrer Praxis ist die Dialyse. Rund ums Jahr und an vielen Tagen in zwei Schichten behandelt das Team Menschen mit schweren Nierenerkrankungen.

Handschriftlich ausgefüllter Fragebogen.
Die Ärztin dokumentiert alle Symptome. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Die Möglichkeiten, nebenbei auch Covid-Patienten zu helfen, sind begrenzt. Außerdem werden die Kosten dafür von den Krankenkassen nicht übernommen. Auch wenn die Doppelfiltrations-Plasmapherese zugelassen ist - ihr Einsatz bei Covid-Patienten ist nicht durch Studien überprüft, es liegen keine Daten vor. Deshalb ist das, was Kristina Ulbricht für Simone Kieslich und eine weitere Patientin tut, keine Standardbehandlung. Es wird offiziell als individueller Heilversuch bezeichnet.

Gründe für Behandlungserfolg noch unklar

Bei diesem individuellen Heilversuch wird das Blut der Patientin mithilfe der Maschine außerhalb des Körpers gefiltert. Dabei kommen zwei Filter zum Einsatz. "Der erste trennt die zelligen Bestandteile des Blutes vom Plasma. Im zweiten Schritt wird dann das Blutplasma gefiltert."

Gefäß, in dem Plasma gefiltert wird
Am Boden des Filters setzen sich gut sichtbar rotbraune Partikel ab, die die Maschine aus dem Plasma ausfiltert. Bildrechte: Kristina Ulbricht

Danach werden beide Bestandteile wieder vereint und fließen zurück in den Körper. Die Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie kann nicht bis ins letzte Detail erklären, warum die Behandlung so gut anschlägt. Kollegen aus Potsdam und Berlin hätten berichtet, das bei vielen, aber längst nicht bei allen Patienten eine so deutlich Besserung eintritt. In Fachkreisen werde diskutiert, ob der Erfolg auch davon abhänge, wie schnell nach Beginn der schweren Nach-Covid-Symptome die Behandlung startet.

Verfahren ist für andere Krankheiten erprobt und zugelassen

Die Doppelfiltrations-Plasmapherese wurde in Japan entwickelt und dort wurden auch die Filter produziert, die das Blut von Simone Kieslich gereinigt haben. Nur: Wovon? Die Firma Diamed Medizintechnik aus Köln ist in Deutschland Alleinvertreiberin der in Japan produzierten Filter. Geschäftsführer Joachim Seyfang weist im Gespräch mit MDR THÜRINGEN darauf hin, dass diese in Deutschland offiziell zugelassen sind.

Maschine für Blutwäsche.
Kristina Ulbricht kann hiermit das Blut ihrer Patientin "waschen". Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Bei Patienten mit schweren Störungen des Fettstoffwechsels setze man sie ein - auf der Basis der gesicherten Erkenntnis, dass das Blut damit zum Beispiel von hochmolekularen Plasma-Proteinen und großmoleküligen Fettmolekülen gereinigt werden kann. Lebenswichtig für die Betroffenen, weil ihr Körper das nicht mehr allein schaffe. Bei Covid-Patienten habe man keine gesicherten Erkenntnisse und arbeite auf der Basis von Thesen.

Erste Thesen drehen sich um Fließfähigkeit des Blutes

Eine These, so Seyfang, gehe davon aus, dass die Besserung der Symptome mit einem verbesserten Blutfluss in den feinsten Blutgefäßen zu tun haben könnte. Partikel, die das Blut zähflüssig machen, würden ausgefiltert und so die Mikrozirkulation angeregt. Denn je "dünner" das Blut sei, desto besser könne es bis in die kleinen Äderchen fließen, die nah an den Organen liegen.

Die zweite These gehe davon aus, dass die hohe Viruslast bei einer akuten Covid-Erkrankung das Immunsystem zu einer Art Überreaktion treibt. Einer Auto-Immunreaktion, die sich gegen ureigene Strukturen des Körpers richtet. Dass die Apherese die dabei angesammelten Auto-Immunkörper rausfiltert, sei eine weitere mögliche Erklärung für die ersten Erfolge dieser Behandlung. Diamed Medizintechnik beteilige sich an der wissenschaftlichen Diskussion und daran, Ideen für erste Studien zu entwickeln, mit denen offene Fragen geklärt werden sollen, sagt Seyfang.

Arnstädter Ärztin hofft bei Berufskollegen auf Offenheit

In Arnstadt ist der erste Therapieversuch von Kristina Ulbricht geglückt. Allerdings kostet jede der drei Behandlungen die Patientin 1.300 Euro. Simone Kieslich hat Glück, ihr Chef unterstützt sie dabei finanziell. Schon fünf Tage nach der letzten "Blutwäsche" will sie wieder zurück ins Arbeitsleben. Fürs erste täglich vier Stunden zur Wiedereingliederung. Sie freut sich darauf.

Frau sitzt auf einem Bett.
Die Behandlung hat Simone Kieslich nach ihrer Long-Covid-Erkrankung geholfen. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Kristina Ulbricht freut sich mit. Vor jeder Behandlung saß sie mit ihrer Patientin zusammen, um immer den gleichen Fragebogen auszufüllen. Der Erfolg der Behandlung ist damit nachvollziehbar dokumentiert. Das ist unter anderem wichtig für den Austausch mit Kollegen. "Ich hoffe einfach, dass jetzt andere Kollegen aufwachen, die interessiert sind. Denn für viele Patienten, die unter schweren Symptomen leiden, wäre es weitere Therapieversuche wert."

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MDR (rbü)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 11. März 2022 | 18:00 Uhr

4 Kommentare

hilflos vor 10 Wochen

Ega wie und was, und auch unabhängig von covid, welche Therapie oder medizinische Massnahme gezahlt wird entscheidet der Leistungskatalog der Krankenkasse. Im Grunde heisst es doch, daß nur anerkannte und wirksame Therapien gezahlt werden. Alles andere ist nach deren Meinung nicht relevant. Frischzellenkur, viagra usw

Burgfalke vor 10 Wochen

Für alle Betroffene ist das zumindest eine erste gute Nachricht. Dank den Medizinern, die dies hier praktizieren!

Wäre gut, wenn es gelingt diese Symptome/ Auslöser genauer zu bestimmen und damit auch ein gesichertes Vorgehen mit entsprechenden Erfolgen zu erreichen.

Rain Man vor 10 Wochen

Interessant, dass man eine medizinische Theorie bekämpfen kann. Noch ist Long COVID weder nachgewiesen noch bestätigt worden.

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