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Radelnd in den Ruhestand

Der Fahrradbeauftragte der Stadt Arnstadt blickt zurück

von Johanna Kiesler, MDR THÜRINGEN

Stand: 28. Mai 2021, 15:20 Uhr

Über 30 Jahre lang war Jörg Baumann im Arnstädter Rathaus für alles zuständig, das mit dem zweirädrigen Gefährt zu tun hatte: Von Fahrradwegen über "Rüpel-Radler" bis hin zum immer beliebter werdenden Stadtradeln. Von Anfang an wollte er die Stadt ökologischer und radfreundlicher gestalten. Wo ihm das gelungen ist und was noch zu tun bleibt - ein Abschiedsspaziergang.

30 Jahre lang war Jörg Baumann (im Bild) Fahrradbeauftragter von Arnstadt. Nun geht er in den Ruhestand. Bildrechte: MDR/Johanna Kiesler

Welches Kopfsteinpflaster sich mit dem Rad am besten fährt, wo die Bordsteine fahrradfreundlich abgesenkt sind und an welchen Fahrradständern man sich besonders empfindlich stoßen kann - Jörg Baumann weiß all das und kann zu fast jeder Straßenecke in Arnstadt eine Geschichte erzählen. Zu Beginn unseres Spaziergangs lehnt er lässig an einem Verkehrsschild vor dem Arnstädter Rathaus. Die Aufschrift "Fahrrad frei" könnte genauso gut sein Lebensmotto sein - und passt zum begeisterten Einsatz für die Radler seiner Stadt in den letzten 30 Jahren. Diese Woche geht er in den Ruhestand, doch seine Leidenschaft, der Radverkehr, ist in jedem seiner Worte spürbar.

Seit über 30 Jahren engagiert sich Jörg Baumann (im Bild) für die Radler in Arnstadt. Bildrechte: MDR/Johanna Kiesler

Gebürtig aus Wolfen im heutigen Sachsen-Anhalt, wohnt Baumann seit 1980 in Arnstadt. Dass er im Rathaus landete, war eher Zufall. Der Fernmeldetechniker und studierte EDV-Fachmann engagierte sich in den 80er Jahren in der DDR-Umweltbewegung und gründete eine AG "Alternativer Verkehr/Radwegkonzeption". Gemeinsam mit Gleichgesinnten schrieb er für damalige Zeiten visionäre Verkehrskonzepte für die Stadt. Von Tempo 30, Radtrassen, Bus- und Bahnverkehr ist da die Rede. Im Rathaus wurden die Konzepte geflissentlich ignoriert.

Als er in der Zeitung irgendwann 1990 über eine offene Stelle in der Stadtverwaltung stolperte, bewarb sich der zur Wende arbeitslos gewordene spontan - ohne Vorkenntnisse, aber mit Lust, die Dinge anzupacken. Das überzeugte. "Und was lag in einem Stapel auf meinem Schreibtisch, als ich meinen Dienst aufnahm? Unser Verkehrskonzept!", strahlt Baumann noch heute belustigt darüber, wie das Leben manchmal so spielt. Er machte sich sofort an die Umsetzung.

Der Mann fürs Rad

Schnell wird Jörg Baumann im Rathaus Ansprechpartner für alles, was mit Fahrrädern zu tun hat. Er wird zum Radler-Kummerkasten von Arnstadt, sein Aufgabenberg wächst beständig.

In den 80er Jahren engagierte sich Baumann in der Umweltbewegung. Die Konzepte von damals (im Bild) landeten später auf seinem Schreibtisch.“ Bildrechte: MDR/Johanna Kiesler

"Wenn irgendwas auf dem Tisch lag, dann wurde es erstmal zu mir geschoben. Du bist doch der mit dem Fahrrad. Das wurde dann immer mehr. Und irgendwann sollte das Stadtradeln gemacht werden. Wer kriegte es auf den Tisch? Ich. Dann brauchte es ein Fahrradkonzept. Normalerweise Aufgabe der Planung, aber beim Baumann war's ja gut angesiedelt. Und jetzt kam die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen. Wer macht hier die Geschäftsführung? War's wieder bei mir."

Auch wenn es eine Menge zusätzliche Arbeit bedeutet: Das Stadtradeln - seit 2014 in der Region und auf Baumanns Schreibtisch - war, so sagt er, eine Erfolgsgeschichte. In diesem Jahr hätten 140 Teams im Ilm-Kreis teilgenommen, so viele wie noch nie. Zu Beginn seien es 40 Teams gewesen. Laut Baumann ein Zeichen dafür, dass inzwischen viel mehr Fahrrad gefahren wird. Das freut ihn sehr.

Die StVO als Werkzeugkasten

Dabei sind es weniger die großen Events, als vielmehr die kleinen, sichtbaren Erfolge, die Jörg Baumann stolz machen. Hier ein Schild, da ein Markierungsstreifen, dort drüben eine Einbahnstraße, die für Radfahrer frei ist und natürlich: reichlich Fahrradständer. Am besten sind übrigens die zum Anlehnen, die runden. An denen stößt man sich nicht so schnell und das Fahrrad bleibt auch heil.

Radverkehrsförderung kostet nicht viel Geld. Mit einem Strich und einem Schild hat man manchmal schon viel erreicht.

Jörg Baumann, Fahrradbeauftragter der Stadt Arnstadt

Die Straßenverkehrsordnung, mit der er seit Beginn seiner Amtszeit ausgiebig zu tun hat, nennt Baumann fast schon liebevoll einen "Werkzeugkasten", der viele kleine Maßnahmen enthalte, die sich geschickt kombinieren lassen. Dabei geht er immer mit offenen Augen durch die Stadt - mit dem "Radfahrerblick". Ein Blumenkübel steht zu nah am Fahrradständer? Ein Bordstein stört eine vielbenutzte Radroute? Jörg Baumann notiert es sofort auf seiner inneren To-do-Liste.

Jörg Baumann (im Bild) kennt in Arnstadt fast jede Straßenecke. Bildrechte: MDR/Johanna Kiesler

Für ihn selbst bedeutet Fahrradfahren übrigens weniger Sport als vielmehr Bequemlichkeit. Gerade in der 27.000 Einwohner-Kommune Arnstadt, der Stadt der kurzen Wege. Mit dem Fahrrad bis direkt vors Geschäft fahren - viel einfacher als lange einen Parkplatz fürs Auto suchen. Und genau das ist Baumanns Konzept: Fahrradfahren in der Stadt so attraktiv machen, dass das Auto immer mehr verzichtbar wird.

Versuch macht klug

Wer visionäre Radverkehr-Konzepte umsetzen will, muss manchmal Experimente wagen. Die auch mal schiefgehen können. Die Fahrrad-Boxen in der Unteren Marktstraße zum Beispiel. Laut Baumann eigentlich eine gute Idee: Radfahrende Besucher mit Gepäck können ihr Gefährt in einer verschlossenen Box verstauen und dann ganz in Ruhe die Stadt erkunden. Leider sammelte sich statt Drahteseln bald Müll und Gerümpel in den Boxen. Inzwischen sind sie verriegelt. Schade, findet der scheidende Fahrradbeauftragte.

Moderne Idee in Arnstadt: Fußgängerzone mit Businsel und Fahrradweg. Bildrechte: MDR/Johanna Kiesler

Eine andere moderne Idee dagegen hat sich in Arnstadts Stadtbild inzwischen perfekt integriert: Die Fußgängerzone mit Bus-Haltezone in der Mitte - abgeguckt aus Lemgo, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen. Am Rand, mitten durchs Kopfsteinpflaster, verläuft ein geteerter Radweg. Mittlerweile wird der nicht nur für Fahrräder, sondern auch Rollatoren, Rollstühle und Kinderwagen genutzt. Denkmalschutz ja, aber praktisch.

Noch viel zu tun

Trotz vieler Innovationen hat sein Nachfolger noch gut zu tun, sagt Jörg Baumann. Als Schulnote gibt er Arnstadt in Sachen Fahrradfreundlichkeit eine 3+. Andere europäische Städte hätten da noch die Nase vorn.

Wir hatten ja mal 2001 den ersten thüringenweiten Wettbewerb gewonnen zur fahrradfreundlichsten Stadt. Und als der damalige Dezernent das im Stadtrat verkündete, erntete er schallendes Gelächter.

Jörg Baumann, scheidender Fahrradbeauftragter von Arnstadt

Ehrung und Wahrnehmung gingen damals weit auseinander. Ein Zeitungsredakteur fand statt der Auszeichnung "Goldene Pedale" den Titel "Rostige Speiche" angemessener, erzählt Baumann lachend. Seitdem hat sich aber viel getan. "Wir haben damals in der Umweltbewegung alternativ, visionär gedacht. Aber vieles von dem ist nicht mehr alternativ, sondern umgesetzte Verkehrspolitik in Arnstadt" - so das Fazit seiner Arbeit. Weiterführen soll die nun sein Nachfolger Heiko Herzer.

Im Ruhestand will Jörg Baumann seine Zeit vor allem seinem musikalischen Hobby widmen: Er ist Vorsitzender im Jazzverein der Stadt und organisiert regelmäßig das Jazz Weekend. Aber auch für den Radverkehr will er sich weiter engagieren - dann eben ehrenamtlich. Für ihn passen diese beiden Leidenschaften hervorragend zusammen:

Wie im Jazz wird hier improvisiert. Und man kann auch mit den Mitteln, die in der StVO zur Verfügung stehen, improvisieren - immer so weit, wie man noch darf.

Jörg Baumann, scheidender Fahrradbeauftragter von Arnstadt

Improvisation, Humor und ein geschulter Radfahrerblick. Auch wenn Arnstadts Fahrradbeauftragter nun in den Ruhestand geht - sein Engagement hat an fast jeder Straßenecke Spuren hinterlassen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 28. Mai 2021 | 13:00 Uhr

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