Sturm im Wasserglas erleben Von Bier- bis Schneethermometer: Museum zeigt kuriose Exponate seit 20 Jahren

Das Thermometermuseum in Geraberg im Ilm-Kreis ist das einzige in Europa. Auf 280 Quadratmetern können Besucher sehen, was in 20 Jahren Museumsgeschichte zusammengetragen wurde. Etwa 400 Exponate zählt das Museum. Man könnte sagen, dass es eigentlich für alles ein Thermometer gab.

Fünf kleine Thermometer hängen an einer Wand.
Waren mal der Renner. Bei jeder Temperatur das richtige Wachs für den Ski.  Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Die Geburtstagstorte, die in Geraberg angeschnitten wird, zieren Marzipanthermometer. Die haben in der Ausstellung noch gefehlt. Denn was in 20 Jahren Museumsgeschichte zusammengetragen wurde, lässt nicht nur die Herzen von Wetterliebhabern höherschlagen. Einst wurden in Gerabergs Thermometerwerk 45.000 verschiedene Thermometerarten hergestellt.

Außenthermometer für die Gartenlaube, Fieberthermomter, Schneethermometer, Käsethermometer oder gar Teigthermometer. Es gab eigentlich für alles ein Thermometer, könnte man sagen. Sie waren und sind Küchenhelfer, wissenschaftliche Instrumente oder gar Schmuck.

Hasenpfötchen in Europas einzigem Thermometermuseum

Das Thermometermuseum in Geraberg ist das einzige in Europa. Auf 280 Quadratmetern verteilt über drei Etagen und einen Anbau, heißt es Sehen, Lesen, Staunen, Ausprobieren. Historische Werkbänke werden ebenso gezeigt wie Heimarbeitsplätze. Wer genau hinschaut, entdeckt dort Hasenpfötchen.

Sie waren einst offiziell zugelassenes Arbeitsmittel, als noch Quecksilber in Thermometer kam. Denn nichts nimmt in 1.000 Teile zersprungene Quecksilberkugeln so gut auf wie Hasenfell an Pfötchen, erfahren Besucher in Geraberg. 4.000 Exponate zählt das Archiv des Museums. Darunter sind Barometer, Hygrometer, wissenschaftliche Aufzeichnungen und Bücher. Nur etwa zehn Prozent der Objekte sind ausgestellt, sagt Chefin Carmen Rux.

Ausgestellt werden knapp 400 Thermometer. Manche sind nur zwei Zentimeter lang, andere ganze drei Meter. Die Temperaturskalen sind eingebettet in Holz, befinden sich auf Metall oder Elfenbein. Es gibt schlichte und kunstvoll verzierte Thermometer. Manche bringen die Besucher zum Staunen. Andere wecken Erinnerungen.

Eine Hasenpfote und mehrere Glasrohre liegen auf einem Tisch.
Hasenpfötchen waren offizielles Arbeitsmittel, um Quecksilber, das zersprungen war, vollständig vom Tisch zu fegen.   Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Thermometer gegen verdünntes Bier

Gleich am Eingang hängt eine Holztafel. Das Urausstellungsstück des Museums. Denn damit fing alles an. Ins Auge fallen die kleinen bunten Sportthermometer aus Plastik. Sie wurden gern in den Wanderrucksack gesteckt. Und dann sind da noch die kleinen Thermometer in Form eines Skis. Sie waren einst ein Muss für jeden Langlauffan, erzählt Carmen Rux. Damit konnte die Schneetemperatur gemessen werden, um das richtige Skiwachs auszuwählen für die eigenen Bretter.

Das sogenannte Bierthermometer finden vor allem die Herren interessant, heißt es. Klein ist es. Und es kann in einem Etui verschwinden. Unauffällig und ganz diskret konnte der Gast so überprüfen, ob ihn sein Wirt Wasser ins Bier kippt und es somit verdünnt. Eigentlich ist das Bierthermometer aber eine Dichtespindel und damit ein Dichtemessgerät.

Ein sogenanntes Bierthermometer in einer Vitrine.
Sogenanntes Bierthermometer ist eigentlich ein Dichtemesser. Wurde das Bier vom Wirt mit Wasser verdünnt? Damit kam der Gast ihm auf die Schliche.  Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Ein Thermometer, das jeder kennt

Ein Thermometer kennen alle Besucher. Darüber ist sie immer wieder erstaunt, sagt Carmen Rux. In der Ausstellung ist es schon etwas ergraut. Man sieht dem Exemplar an, dass es oft benutzt wurde. Egal ob aus Nord-, Süd-, West- oder Ostdeutschland - an der Vitrine mit dem Einkochthermometer aus Aluminium hört sie die Einkochgeschichten aus ganz Deutschland.

Und passend zum Einkochen gibt es auch ein zwei Zentimeter kleines Dosenbarometer zu sehen. Es wurde in Einweckgläser und Dosen an der Unterseite des Deckels angebracht und mit eingeweckt. So konnte nach dem Öffnen festgestellt werden, ob der Kühlprozess unterbrochen wurde.

Das kleinste Thermometer in der Ausstellung ist ein Minimundfieberthermometer. Ganz zart und zerbrechlich sieht es aus, war aber sehr sicher. Direkt gegenüber hängt ein drei Meter langes Mietenthermometer. Damit wird in Gemüsemieten, die Temperatur in den unterschiedlichen Schichten gemessen. Und wer es filigraner mag, findet ganz sicher am Schmuckthermometer Gefallen. Ähnlich einem Medaillon kann man es an einer Halskette als Anhänger tragen.

Deckenthermometer für das Schlafzimmer

Das größte Thermometer im Museum finden Besucher im Anbau. Dazu müssen sie nach oben an die Decke schauen. Eine bedruckte Spanndecke wurde mit ausgefeilter Technik zum Deckenthermometer. Es zeigt auf mehr als fünf Metern Länge und 1,50 Metern Breite die Innen- und Außentemperatur an.

Frauen finden dieses Thermometer oft so schön, dass sie ihre Männer bitten, ihnen auch so eines zu bauen. Wunschort dafür sei häufig das Schlafzimmer, weiß Carmen Rux. Aufwachen, an die Decke schauen und die Außentemperatur lesen. Da könne man noch vorm Aufstehen über die passende Kleidung nachdenken.

2015 am Tag der Eröffnung des Anbaus fiel einem Glasbläser im Ruhestand auf, dass auf der Temperaturskala die 10 Grad Celsius fehlt. 0, 20, 30 Grad - so kann das nichts werden, soll er gesagt haben. Und: Gelernt ist gelernt. Betriebsblind war er nach jahrzehntelanger Thermometerarbeit noch nicht. Die anderen aber wohl zu aufgeregt, ob der Weltpremiere "Deckenthermometer". Inzwischen stimmt die Skala natürlich.

Eine Frau steht in einem Museeumsraum.
Wer hat die wärmeren Hände? Hier kann es getestet werden, zeigt Museumsmitarbeiterin Regina Haak. Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Stolz im Ort

Fast in jeder Familie gab es jemanden, der im Thermometerwerk Geraberg gearbeitet hat. Wer sich die Zeit nimmt, erfährt von Carmen Rux und Regina Haak im Museum die eine oder andere Geschichte hinter der Geschichte. Die vom Tiefsee-Umkipp-Thermometer ist so eine. Beide Frauen sind vom Fach. Haben im Thermometerwerk gelernt und gearbeitet. Das Tiefsee-Umkipp-Thermometer wurde in London erfunden und Ende der 1960er-Jahre in der B-Variante in Geraberg modifiziert. Es ist ein Instrument für die Meeresforschung.

Großaufträge kamen aus der damaligen Sowjetunion. 1.500 Mark der DDR kostete eines dieser Thermometer. Blasen durften es nur Glasbläser mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung. 1970 gab es Messegold dafür - die damals höchste Produktauszeichnung. Das habe den ganzen Ort stolz gemacht. Gemessen werden mit dem Tiefsee-Umkipp-Thermometer Wassertemperaturen in bis zu 6.000 Metern Tiefe.

Blick ins Sturmglas

Dem Sturmglas haben sie am Anfang nicht ganz vertraut, sagen die beiden Thermometerexpertinnen. Es ist Teil eines Barometers. Im Inneren ist eine Kampferlösung, die Kristalle bilden kann je nach Wetterlage. Irgendwann wollte Carmen Rux es genau wissen. Sie hat beobachtet und Buch geführt. Fasziniert erzählt sie von den feinen Wölkchen, die sich bilden bei Hochdruck und von den feinen Federn. Und ja, es stimme. Das Sturmglas hilft bei der Wettervorhersage - allerdings langfristig. Es sagt das Wetter voraus für die Region, das in fünf bis sechs Tagen eintritt.

Ein Sturmglas hängt an einer Wand im Thermometermuseum Geraberg.
Ein Sturmglas hängt an einer Wand im Thermometermuseum Geraberg. Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Bedeutsames Thermometer fehlt noch

In der oberen Etage und im Anbau wird es experimentell. Wer hat die wärmeren Hände, wo genau sind Temperaturfühler im Auto und welches Metall hält Wärme länger? Das einstige Regionalmuseum hat sich zu einem technisch-wissenschaftlichen Museum gemausert in den vergangenen 20 Jahren. Und natürlich gibt es noch eine Wunschliste, sagt Carmen Rux. Ganz oben stehe da ein Thermometer mit umgekehrter Skala. Der Siedepunkt liegt bei 0 und der Gefrierpunkt bei 100 Grad Celsius. So hatte es der schwedische Astronom Anders Celsius im Jahre 1742 definiert.

Doch wollte man wirklich bei einem fallenden Thermometer von höheren Temperaturen sprechen? Der Tod von Celsius wurde abgewartet, heißt es in den Überlieferungen. Und erst dann vertauschten Wissenschaftler die Bedeutung der beiden Celsius-Fixpunkte. Fortan friert Wasser also nicht mehr bei 100, sondern bei den vertrauten 0 Grad.

Doch so ein Thermometer mit Ur-Skala fehlt noch in Geraberg. Das wäre das perfekte Geschenk für den 21. Geburtstag. Vielleicht findet eines davon ja den Weg nach Geraberg in Europas einziges Thermometermuseum.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 25. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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