Erfurt Wie bezahlbarer Wohnraum fast unbezahlbar wird

Bezahlbaren Wohnraum in bester Erfurter Innenstadtlage schaffen - so lautete das Ziel noch im Frühjahr 2015. Zwei Jahre später ist davon an der Ecke Georgsgasse/Weiße Gasse keine Rede mehr. Vielmehr entstehen hier wohl teure Eigentumswohnungen, damit der Investor das Bauvorhaben kostendeckend abschließen kann. Niemand hat irgendwo versagt, alles ist ganz legal verlaufen. Unterm Strich bleibt ein fader Beigeschmack.

Gutenberg-Gymnasium in Erfurt von oben
Gutenberg-Gymnasium in Erfurt von oben Bildrechte: MDR/Karina-Heßland-Wissel

Sie ist, was Branchenkenner ein Filetstück nennen, diese unbebaute Brache im Erfurter Andreasviertel. Ringsum sanierte oder neu gebaute Häuser. Ruhig geht es hier zu und beschaulich, bis auf die paar Autos, die ab und zu auf dem Gelände parken. Die Immobilienprofis vom Gemeinnützigen Siedlungswerk (GSW) mit Sitz in Frankfurt am Main erkennen das Potenzial und greifen Anfang 2014 zu. Es ist nicht ihr einziges großes Bauvorhaben in Erfurt, auch das Braugold-Gelände und die ehemalige Druckerei Fortschritt gehören dazu.

"Für einen Neubau preiswertes Mietsegment"

Schnell werden die Pläne spruchreif: Ein Gebäudeensemble soll entstehen, 42 Wohnungen mit im Durchschnitt 90 Quadratmetern Fläche, zwei bis fünf Zimmer, fast alle mit Balkon. Darüber hinaus sind ein großzügiger Innenhof mit Laubbäumen und - an diesem Standort unerlässlich - eine Tiefgarage mit 42 Stellplätzen geplant. Die Investitionssumme ist beachtlich - neun Millionen Euro werden angesetzt. Trotz der exponierten Lage wird von Anfang an betont, dass die Wohnungen in einem "für einen Neubau preiswerten Mietsegment" auf den Markt kommen sollen. Ausdrücklich nicht geplant seien - so das Gemeinnützige Siedlungswerk und die Stadtverwaltung unisono - teure Eigentumswohnungen. Im Frühjahr 2017 könnten die ersten Mieter voraussichtlich einziehen, heißt es damals.

Romanischer Keller mitten auf dem Baugrundstück

Lange vor dem Frühjahr 2017 ist auch dem letzten Mietinteressenten klar, dass er an dieser Stelle nicht zum Zuge kommen wird. Der Grund ist ein romanischer Keller, mitten auf dem Baugrundstück gelegen. Seine reine Existenz war zunächst keine Überraschung, Experten hatten ihn dort bereits vermutet. Der Keller wird als Bodendenkmal unter Schutz gestellt und soll in die Bebauung integriert werden. Mehrkosten von rund 120.000 Euro werden genannt, der Investor muss dafür aufkommen, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Kein Problem, heißt es aus Frankfurt. Man sei von der Stadt informiert worden, dass die Voruntersuchungen bereits gelaufen sind. Mit großen Überraschungen rechnet kaum jemand. Aus der GSW-Geschäftsführung heißt es damals, die Stadt fordere bezahlbaren Wohnungsbau, diese Forderung werde umgesetzt. Das Unternehmen macht aber auch klar, dass es Unterstützung von der Kommune erwarte.

Uralte Fundstücke lassen Kosten steigen

Was bei den archäologischen Grabungen dann ans Tageslicht gebracht wird, übertrifft alle Erwartungen. Allerdings auch alle Befürchtungen. Für die Forscher erweist sich die Ausgrabungsstätte als Sensation, immer mehr legen sie frei. Die Fundstücke sind zum Teil 1.800 Jahre alt. Grabbeigaben, Gewandspangen, Mauern, Scherben. Grund zum Jubeln, aber nicht nur. Die zunächst angesetzten Mehrkosten von 120.000 Euro sind schon wenige Monate nach Ausgrabungsbeginn völlig illusorisch. Von Investorenseite heißt es tapfer, noch immer seien Mietwohnungen geplant. Erste Einschränkungen lassen aufhorchen. Höhere Ausgaben bedeuteten auch höhere Mieten, sagt GSW-Geschäftsführer Andreas Ruf seinerzeit. "Wir bewegten uns damals sehr schnell auf ein Niveau zu, wo Mietwohnungen kaum mehr möglich waren", resümiert er heute.

Grundstücksbesitzer muss laut Gesetz Kosten tragen

Was das Gemeinnützige Siedlungswerk zu stemmen in der Lage ist, hätte manch anderem Investor schlicht das Genick gebrochen. Das Thüringer Denkmalschutzgesetz (ThürDSchG) besagt, dass im Fall solcher Ausgrabungen der Grundstücksbesitzer die Kosten tragen muss. Gemeint sind nicht nur Grabungskosten, sondern auch die Kosten für Archivierung, Aufarbeitung, Konservierung. Das beinhalt auch die Personalkosten für die Archäologen, inklusive Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Landesarchäologe Sven Ostritz bestätigt das im Gespräch mit MDR THÜRINGEN. Nicht nur im Freistaat werde das schon immer so gehandhabt, man nenne das "Verursacherprinzip". Die Mitarbeiter würden projektbezogen angestellt, der Bauherr zahle. Alles. "Rettungsaktionen dieser Art passieren hundert Mal im Jahr, in vergleichbarer Größenordnung vielleicht ein Dutzend Mal", so Ostritz. Das sei immer ein Kompromiss. "Am Ende muss es für alle Seiten vertretbar sein, nicht nur für den Investor, sondern auch für die Stadt und die Denkmalpfleger." Er denke, das sei im konkreten Fall gelungen.

40 Eigentumswohnungen entstehen

Sommer 2017: Von Mietwohnungen, bezahlbaren gar, ist im Quartier Georgsgasse/Weiße Gasse längst keine Rede mehr. Knapp 40 Eigentumswohnungen entstehen nun an dieser Stelle, und man darf sicher sein, sie werden nicht in der unteren Preisklasse auf den Immobilienmarkt kommen. Das Gebäudeensemble musste neu geplant, die Zufahrt zur Tiefgarage verlegt werden. Um trotz des romanischen Kellers ausreichend Stellplätze zu bekommen, muss die Tiefgarage nun großflächiger ausgebaut werden. Das bedeutet mehr Erdaushub und eine deutlich aufwändigere Absicherung der Nachbargrundstücke und -gebäude. Vor allem aber bedeutet es viel höhere Kosten - unterm Strich stehen nach Abzug der Fördermittel genau 820.000 Euro, wie GSW-Geschäftsführer Andreas Ruf MDR THÜRINGEN sagt. "Wenn wir vorher gewusst hätten, was da auf uns zukommt, dann hätten wir das Grundstück nicht gekauft und das Projekt nicht angefangen."

Dieses Thema im Programm: 14. Juli 2017 | 05:00 Uhr

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Di 19.10.2021 13:26Uhr 00:27 min

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