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Etwa 30 Gäste zog die Veranstaltung mit dem Titel "Guck mal, der Jude" in die Kleine Synagoge in Erfurt. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Diskussion"Guck mal, der Jude": Rapper Ben Salomo diskutiert in Erfurt über Antisemitismus

von Christian Franke, MDR THÜRINGEN

Stand: 04. November 2021, 11:39 Uhr

Viele Jahre war Ben Salomo Teil der Deutschrap- und HipHop-Szene. Bis 2018 moderierte der jüdischstämmige Rapper das Battlerap-Format "Rap am Mittwoch". Dann kam der Bruch. Heute möchte er kein Teil der Szene mehr sein. Der Grund: Deutschrap habe ein Antisemitismus-Problem. Am Dienstagabend war er in der Kleinen Synagoge in Erfurt zu Gast, um über historische Hintergründe, Anfeindungen und aktuelle Gesichtspunkte von Antisemitismus zu diskutieren.

Seit 1.700 Jahren leben Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Eine Kontinuität? Nein, meint der Rapper Ben Salomo. "Immer wieder wurden sie vertrieben, verjagt und ermordet." Am Dienstagabend war 44-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Jonathan Kalmanovich heißt, in der Kleinen Synagoge in Erfurt zu Gast, um über historische Hintergründe, Anfeindungen und aktuelle Gesichtspunkte von Antisemitismus zu diskutieren. Eingeladen hatten das Erfurter Synagogenkolleg und die Friedrich-Naumann-Stiftung unter dem Titel "Guck mal, der Jude".

Jude von der Straße

Geboren ist Ben Salomo in Israel, in Rechovot, einem kleinen Ort etwa 30 Minuten südlich von Tel Aviv. Der Name seines Geburtsortes bedeute "Straßen", erzählt Salomo. "Wenn man an Juden denkt, denkt man an Juden von der Wall Street, aber nicht an Juden von der Straße. Die meisten Juden sind aber tatsächlich von der Straße - ganz normale Menschen," sagt Salomo. Darauf beziehe er sich auch in seinen Raptexten. Damit will er Stereotypen entgegenwirken, die es in den Köpfen vieler Menschen gebe.

Inzwischen lebt Salomo seit 40 Jahren in Deutschland. 1981 sei er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Eigentlich nur, um seine Großeltern in Berlin zu besuchen, die dort schon zwei Jahren lebten, erzählt er. Der Besuch sei aber immer länger geworden und plötzlich sei er dreieinhalb Jahre alt gewesen und habe zum ersten Mal Schnee gesehen. Aus pragmatischen Gründen hätten sich seine Eltern dazu entschieden, in Deutschland zu bleiben.

Ben Salomo erzählt in der Kleinen Synagoge von seinem Werdegang. Bildrechte: MDR/Christian Franke

"Mit allen Kindern darfst du spielen"

Seine Kindergartenzeit habe er weitgehend konfliktfrei erlebt, erzählt Salomo. Am Anfang habe ihn nur eine Sache gewundert: dass die Kinder seine hebräische Sprache nicht verstanden. "Meine Eltern haben es total versäumt, mir zu sagen, dass wir eigentlich in einem anderen Land sind", erinnert er sich. Ein wirkliches Problem sei das aber nicht gewesen. Es zeige aber, wie unbedacht auch seine Familie damals gewesen sei. Vor allem an einen Satz seiner Mutter erinnere er sich: "Alle Kinder sind hier gute Kinder und mit allen Kindern darfst du spielen."

Nach einem umzugsbedingten Wechsel in eine jüdische Kita habe er das erste Mal Kontakt mit Antisemitismus gehabt - wenn auch noch nicht direkt. Im Unterschied zu seinem vorherigen Kindergarten, sei diese von Polizisten bewacht gewesen. Das habe ihn gewundert und die Erklärung, dass es Menschen gebe, die Juden nicht leiden könnten, habe er damals nicht verstanden. "Es war eine abstrakte Gefahr", sagt er.

Mit Juden keine Freundschaft

Mit elf Jahren habe er den ersten antisemitischen Angriff erlebt. "Nicht von einem Nazi auf der Straße oder von irgendeinem Fremden, sondern ich wurde von meinem damaligen besten Freund angegriffen", erzählt Salomo. Zu dritt hätten er mit zwei älteren Jungs - alle drei arabischer Herkunft - nach der Schule auf ihn gewartet, nachdem er die Frage, woher er eigentlich komme und wer er sei, damit beantwortet hätte, dass er Jude sei und aus Israel komme. Danach der Antisemitismus für ihn von einer abstrakten Gefahr zu etwas sehr Realem geworden - bis heute.

Bruch mit der Deutschrap-Szene

Als Jugendlicher kam Ben Salomo schon in den 1990er-Jahren mit HipHop und Rapmusik in Kontakt. Seitdem war er in der Szene aktiv und ließ 2010 in Berlin das Battlerap-Format "Rap am Mittwoch" wiederaufleben. Bis 2018 stand er dort als Moderator auf der Bühne und ließ Rapper in verschiedenen Disziplinen verbal gegeneinander antreten. Dann kam der Bruch mit der Szene. Der Grund: Die Deutschrapszene habe ein Antisemitismus-Problem, meint Salomo. Seitdem ist Salomo als Bildungsreferent vor allem an Schulen unterwegs.

Jüdisches Leben in Deutschland. Das ist der Alltag, den wir leben. Hinter Mauern, hinter Kameras, hinter Panzerglas.

Ben Salomo | Rapper

Es sei ein schleichender Prozess gewesen, der zu seinem Ausstieg geführt habe. "Wenn es ein konkretes Ereignis gab, das mich die Entscheidung hat treffen lassen, dieser Rapszene den Rücken zu kehren, dann war es nicht eine antisemitische Handlung oder irgendein Angriff, sondern dass ich Vater wurde," erzählt Salomo. Seine Toleranzgrenze gegenüber Antisemitismus und Rassismus habe sich deshalb radikal nach unten korrigiert.

Eines Tages habe seine Tochter ihn gefragt, warum ihre Kita von Polizisten bewacht werde. Und obwohl er schon im Vorfeld viele Male darüber nachgedacht habe, was er auf diese Frage antworten würde, wenn sie kommt, sei er überrumpelt gewesen. "Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt. An Polizisten, Sicherheitsschleusen und Kontrollen", führt Salomo aus. Auch er habe sich damals an den Zustand der permanenten Bedrohung gewöhnt.

Abgrenzung vermisst

Mit seinen ehemaligen Weggefährten hat Salomo gebrochen. Als Teil der Szene sieht er sich nicht mehr. "Wie ein Autotuner, der gerne bei sich zu Hause in der Garage an Autos schraubt, aber nicht mehr zu diesen Auto-Conventions geht," vergleicht Salomo. Nicht allen werfe er Antisemitismus vor, aber er vermisse die Abgrenzung gegenüber Rappern, die antisemitische Standpunkte verträten. Der Tagesspiegel zitierte Salomo 2019 mit den Worten: "Deutscher Rap ist so antisemitisch wie Rechtsrock".

Ich kann in Deutschland nicht gefahrlos mit einem Davidstern-Kettchen oder einer Kippa rumlaufen.

Ben Salomo | Rapper

Eine Sichtweise, die vielen seiner ehemaligen Kollegen sauer aufstößt. Sie werfen ihm in Interviews und Videos Falschdarstellungen und Verleumdungen vor. Angesprochen auf das Zitat erklärt Salomo: "Ich meine, dass da ideologisch enorm viele dieser antisemitischen Verschwörungslegenden kursieren, die dazu führen, dass in dieser Szene Juden - wenn sie zugeben, dass sie Juden sind - unten durch sind." Das würden Personen, die in der Deutschrap-Szene aktiv seien, auch so sagen.

Widerspruch gefordert

Antisemitismus sei das Gerücht über Juden, sagt Salomo und zitiert dabei den Philosophen und Sozialwissenschaftler Theodor W. Adorno. Aber wie sollte eine Gesellschaft damit umgehen? Vor allem dürfe er nicht einfach als Normalzustand akzeptiert werden, sagt Salomo. "Ich würde sagen, es ist an der Zeit, dass man endlich diesen antisemitischen Legenden und Lügen über Juden, über jüdische Persönlichkeiten, über jüdische Bräuche, über die jüdische Religion und über den jüdischen Staat widerspricht." Israel sei nicht der Dämon der Welt und oft werde Antisemitismus als "Israelkritik" getarnt. "Ich wünsche mir, dass man Doppelstandards aufgibt und gegenüber Antisemitismus, in jeder Form, wie er existiert - Antijudaismus, Antisemitismus auf Basis der Ethnie oder Antizionismus, dem Judenhass auf Basis der Nation - endlich widerspricht," ergänzt er.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

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