Ehrenamt Kameraden der Feuerwehr Azmannsdorf treten nach Streit um Gebäude aus

Die Kameraden der Azmannsdorfer Feuerwehr haben ihre Drohung wahrgemacht: Zum 31. Dezember sind 16 der insgesamt 18 freiwilligen Feuerwehrleute aus dem Ehrenamt ausgetreten. Grund dafür ist der Zustand des alten Feuerwehrhauses, das seit über zehn Jahren erweitert beziehungsweise neu gebaut werden sollte. Und noch immer gibt es keine Lösung seitens der Stadt Erfurt.

Vier Männer stehen nebeneinander und schauen in die Kamera.
Sascha Bennewitz (l.) und Orteilsbürgermeister Jens Bose (2.v.l.) sind aus der Feuerwehr Azmannsdorf ausgetreten, Enrico Gitter (2.v.r.) nach Viselbach gewechselt. Alle drei und Ortsteilbürgermeister Christian Poloczek-Becher (r.) wünschen sich, dass die Feuerwehr in Azmannsdorf erhalten bleibt. Bildrechte: MDR/Anna Hönig

Vielleicht zum letzten Mal schließt Sascha Bennewitz das Tor zum Gerätehaus der Feuerwehr Azmannsdorf auf. Mittlerweile sei er, was das Thema angehe, wieder entspannt. "Jetzt ist es vorbei und es ist auch gut jetzt", sagt Bennewitz. Die vergangenen Wochen und Monate haben dem Löschgruppenführer viel abverlangt. Immer wieder stand er im E-Mailverkehr mit der Stadt Erfurt, um eine Lösung auszuhandeln, wie es denn weitergehen könnte. Das hat nun ein Ende.

Bereits der erste Blick in die Garage zeigt: So kann kein Feuerwehrmann arbeiten. Vielleicht einen Meter ist rechts neben dem Löschfahrzeug Platz, um daran vorbeizugehen - und vorher hingen hier noch die Uniformen. Die liegen nun verpackt in Säcken in der Ecke, bereit zur Abholung. Der Anblick hinter dem Fahrzeug ist genauso ernüchternd: Nicht mal ein Stuhl steht hier. Nur eine Ablage, ähnlich einer Werkbank, findet noch Platz.

Aus für das alte Gerätehaus

Dass sich hier 18 Feuerwehrmänner so viele Jahre lang umziehen konnten ist kaum vorstellbar. Eine extra Toilette oder gar Umkleide gibt es schon gar nicht. Spätestens am 28. Januar ist nun endgültig Schluss für das Gebäude. Ende Oktober war eine Besichtigung der Feuerwehr-Unfallkasse erfolgt, die etliche Mängel an dem Feuerwehrhaus feststellte. Da diese von der Stadt nicht behoben wurden, wird der Standort nun Ende Januar geschlossen. Mit oder ohne Austritt der Feuerwehrleute - das alte Gerätehaus in Azmannsdorf hätte nicht mehr gehalten werden können.

Blick in einen schmalen Gang, links hängen Feuerwehruniformen.
Ein schmaler Gang: Noch hängen die Uniformen der Azmannsdorfer Feuerwehrmänner hier, aber Ende Januar wird der Standort endgültig geschlossen. Bildrechte: MDR/Anna Hönig

Zumindest nicht ohne die Unterstützung der Stadt. Doch an dieser mangele es seit über zehn Jahren, sagt Jens Bose, Ortsteilbürgermeister von Azmannsdorf und selbst ehemaliges Mitglied der Feuerwehr. Immer wieder sei ein neues Gebäude für die Kameraden vorgesehen gewesen, immer wieder sei nichts umgesetzt worden, sagt Bose. Es habe Grundstücke gegeben, die infrage gekommen wären, doch die Stadt sei nicht schnell genug gewesen, sagt Bose.

Nun sind, laut Angaben der Stadt, keine geeigneten Grundstücke im Ort mehr vorhanden. Ein letztes potentielles läge zu nah am Linderbach - Hochwassergefahr, wie nach einer Begutachtung im Stadtrat mitgeteilt wurde. Für die Feuerwehrleute klingt das alles nach Ausreden, wie sie im Gespräch mitteilen.

Feuerwehr-Bedarfsplan: Unter ein Dach mit Vieselbach?

Und nun gab es vor kurzem noch den neuen Feuerwehr-Bedarfsplan. Dabei handelt es sich um ein externes Gutachten, das die Ressourcen und Einsätze der letzten Jahre analysiert. Dieser Bedarfsplan gibt schließlich Empfehlungen für die künftige Verteilung und Ausstattung der Feuerwehren.

Schon früher wurde diskutiert, ob die Feuerwehr Azmannsdorf einen gemeinsamen Standort mit Vieselbach bekommen soll. Der neue Bedarfsplan bekräftigt nun diese Überlegung. "Bis wir mit dem Auto aus dem Hof gefahren sind und in Vieselbach ankommen, sind die Kollegen schon weg", sagt Bose.

In Vieselbach kein Platz für die 18 Kameraden

Auch der Vieselbacher Ortsteilbürgermeister und FDP-Stadtrat Christian Poloczek-Becher unterstützt diese Idee nicht. Zum einen, weil in dem aktuellen Feuerwehrhaus in Vieselbach ohnehin kein Platz für die 18 Azmannsdorfer Kameraden gewesen wäre. Zum anderen, weil ein Neubau für beide Wehren finanziell wenig sinnvoll wäre. "In Vieselbach haben wir erst ein neues Feuerwehrhaus bekommen, wieso sollte es jetzt noch einen Neubau für beide Gruppen geben?", sagt Poloczek-Becher.

Zumindest für die zwei Azmannsdorfer Kameraden, welche nicht mit ausgetreten sind, war in Vieselbach noch Platz. Einer von ihnen ist Enrico Gitter. Für ihn ist die Arbeit als ehrenamtlicher Feuerwehrmann keine Frage der Räumlichkeiten. "Feuerwehr ist eine Lebenseinstellung, anderen Menschen zu helfen. Dafür brauche ich keine Toilette oder gar einen Neubau", sagt Gitter. Die Kameraden in Vieselbach habe er nicht im Stich lassen wollen und durch seine Ausbildung als Gruppenführer könne er dort gute Unterstützung leisten, erklärt er.

Doch auch einige der ausgetretenen Kameraden würden eigentlich gerne weitermachen. "Aber jetzt muss die Stadt erstmal handeln", sagt Bose. Der Austritt war ihr letztes Druckmittel. "Und wir können nicht groß ankündigen, dass wir austreten und dann nicht Wort halten. Sonst würde es jetzt weitergehen wie in den letzten zehn Jahren", ergänzt der Bürgermeister.

Jetzt muss die Stadt erstmal handeln.

Jens Bose Ortsteilbürgermeister von Azmannsdorf

Auch Alexander Horn, Beigeordneter des Dezernats Sicherheit und Umwelt der Stadt Erfurt, hätte die Kameraden gerne behalten und wollte sie zu einem Aufschub ihrer Austrittsfrist bewegen. Der Austritt der Kameraden schmerze sehr, sagt Horn. Doch woran ist es nun gescheitert?

Das Problem war ganz klar ein Kommunikationsproblem.

Christian Poloczek-Becher Ortsteilbürgermeister von Vieselbach

Übergangslösungen, wie Container, die auf dem Kirchengelände hinter dem alten Haus Platz finden sollten oder auch die Unterbringung im Sportlerheim, wurden mehrfach diskutiert. "Das Problem war ganz klar die Kommunikation", sagt Poloczek-Becher. Gerade mal ein persönliches Treffen habe es Anfang Oktober mit der Stadt gegeben, sagt Bose. Der Rest lief per Mail über Löschgruppenführer Bennewitz.

Man hat sich missverstanden

Im Austausch mit beiden Seiten, Feuerwehrleuten und Stadt wird klar: Man hat sich missverstanden. "Wir würden zum Beispiel immer noch die Container nehmen, das haben wir ja selbst vorgeschlagen", sagt Bose. Alexander Horn teilt auf Anfrage mit, die Containerlösung sei seitens der Feuerwehrleute abgelehnt worden, da damit nicht die endgültige Zusage eines Neubaus in Azmannsdorf einhergegangen sei. Ein Teufelskreis.

Wie geht es weiter?

In der kommenden Stadtratssitzung Ende Januar steht die Feuerwehr Azmannsdorf erneut auf der Tagesordnung, wie Daniel Junge, Referent im Dezernat Sicherheit und Umwelt, auf Anfrage mitteilte. Fest steht: Die 16 Feuerwehrmänner aus Azmannsdorf werden gebraucht. Spätestens beim nächsten Katastrophenfall. "Es braucht nur Einsatz XY kommen, bei dem der entscheidende Mann dann fehlt, um ein Menschenleben zu retten", sagt Poloczek-Becher und appelliert auch als Stadtrat weiterhin an die Verantwortlichen.

Kleines Feuerwehrgebäude in der Abenddämmerung
Das kleine Feuerwehrgebäude in Azmannsdorf weist zahlreiche Mängel auf, die von der Stadt Erfurt nicht behoben wurden. Bildrechte: MDR/Anna Hönig

Jens Bose und seine Kameraden warten nun von der Ersatzbank aus auf eine Entscheidung. "Wir schauen aber trotzdem, wo wir uns als Gruppe in Zukunft treffen können", sagt Bose. Und Enrico Gitter fasst es nochmal zusammen: "Feuerwehr ist Familie". Und auch wenn sich die Azmannsdorfer Feuerwehrleute nicht mehr bei den Einsätzen sehen, halten sie als Freunde weiterhin zusammen.

Feuerwehr ist Familie.

Enrico Gitter Feuerwehrmann in Azmannsdorf

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 06. Januar 2022 | 16:45 Uhr

38 Kommentare

Freies Moria vor 19 Wochen

@MDR-Team: Danke für Ihre Rückfrage. Es erklärt warum viele Artikel so wenig Hintergrundwissen zeigen. Bildung ist im Journalismus auch heute noch wichtiger als Haltung!

Freies Moria vor 19 Wochen

@thoralf1: Schauen Sie mal auf die Karte wo Azmannsdorf genau liegt - das ist so weit weg von Erfurts Stadtmitte, das eine Reaktionszeit aus der Stadt nicht gegeben ist!

Fakt vor 19 Wochen

@MDR:

Die Anzahl der jeweiligen Wehren findet man u. a. bei Wikipedia.
Zudem war ich im Laufe der Jahre berufsbeding bei zahllosen Jahreshauptversammlungen, Einsätzen und Übungen diverser FF und BF vor Ort, bin es immer noch und somit etwas im Thema drin.

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