Auf der Schiene Mehr Güterverkehr: Erfurter Bahn will Firmen-Gleisanschlüsse öfter nutzen

Die Erfurter Bahn will verstärkt im Güterverkehr punkten. Nachdem das Unternehmen in den vergangenen Jahren vor allem mit Regionalverkehr auf der Schiene in Thüringen und teilweise auch in angrenzenden Bundesländern sein Geld verdient hat, sollen künftig mehr Güter auf der Schiene transportiert werden. Dabei geht es weniger um lange Fahrten, sondern eher um Zubringerdienste zum Erfurter Güterbahnhof und vom Güterbahnhof in die Fläche.

Der Güterzug in Richtung Erfurt-Kühnhausen steht um kurz vor fünf Uhr in der Frühe auf den Gleisen bereit. Die Gleise sind von Laternen so weit erleuchtet, dass niemand stolpern muss. Vorn am Zug stehen die Rangierloks Lisa 1 und Lisa 2. Eine alte DDR-Baureihe, inzwischen mehrfach modernisiert.

Nicht besonders schnell unterwegs, doch heute reicht eine Spitzengeschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde, erklärt Henry Liepelt, der heute Rangierbegleiter ist. Lokführer Andreas Nagel bekommt übers Telefon die Freigabe, der Motor wird brummiger und der Zug setzt sich langsam in Bewegung.

Ein Güterzug steht auf einem Gleis.
Lange bevor die Sonne aufgeht, steht der Güterzug mit zwei Loks und 16 Wagen - mit 16 Betonbauteilen - auf dem Güterbahnhof in Erfurt bereit. Kurz nach 5 Uhr beginnt die Fahrt. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Auf den 16 Waggons hinter uns sind 64 große Betonbauteile für eine Logistik-Halle nahe der Autobahn verstaut. Sie sollen ökologischer transportiert werden - und vor allem den Innenstadt-Verkehr nicht zusätzlich belasten. Das sagt Thomas Grewing, Eisenbahnbetriebsleiter bei der Erfurter Bahn, die den Transport an diesem Morgen übernommen hat.

Wenn man das vom Güterbahnhof bis zur Baustelle per Lkw transportieren würde, wären das zwei Mal pro Woche 64 Lkw.

Ganz ohne Lkw geht es zwar auch hier nicht, aber die etwa zehn Kilometer Strecke bis zum KIMM Baustoffhandel, der über einen Gleisanschluss verfügt, ersparen doch einiges an Lärm in der Stadt.

Lärm und Schmutz raus aus der Stadt

Solche Verteilfahrten will Grewing für die Erfurter Bahn verstärkt an Land ziehen. "Mit der Bahn ist es effizienter", erklärt er. Das Thüringer Verkehrsministerium weiß im Freistaat von mehr als 100 nicht-öffentlichen Gleisanschlüssen. Sie gehören Unternehmen - und Grewing setzt darauf, dass die Unternehmen sie häufiger auch für benachbarte Unternehmen untervermieten könnten. "Manche Firmen eröffnen diese Möglichkeit."

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch.
Eisenbahn-Betriebsleiter Thomas Grewing will mehr solche Fahrten für die Erfurter Bahn an Land ziehen. Das Potenzial sieht er gegeben, man müsse es nur heben. Vor allem Zubringerverkehr nach Erfurt hat er im Auge. Die großen Strecken von uns nach Erfurt übernehmen meist Dritte, zum Beispiel DB Cargo. Mit denen will man mehr zusammenarbeiten. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

So wie im aktuellen Fall die Firma KIMM, die mit dem Betonteile-Transport eigentlich gar nichts zu tun hat. Man sei im Gespräch mit Siemens Energy im Erfurter Norden, gar nicht weit entfernt vom Gelände der Erfurter Bahn - und mit Gleisanschluss ausgestattet.

Holztransporte aus dem Thüringer Wald könnten ebenfalls häufiger mit dem Zug erfolgen. "Wir sammeln die Wagen mit Gütern von den verschiedenen Industriezweigen ein, bringen diese Wagen zum Erfurter Güterbahnhof und von dort geht es dann in die weite Welt", so Grewing. Und umgekehrt von der Welt in die Thüringer Fläche.

Mit anderen Bahn-Unternehmen zusammenarbeiten

Dabei kooperiert man mit anderen Eisenbahn-Unternehmen, vor allem DB Cargo. Die Güterverkehrssparte der Deutschen Bahn ist auch beim Betonteile-Transport an diesem Morgen den Großteil der Strecke gefahren, von der Oberpfalz bis zum Güterbahnhof. Doch das Unternehmen fährt meist mit Elektroloks - und die wenigsten Unternehmen verfügen über elektrifizierte Gleisanschlüsse. Lisa 1 und Lisa 2 aber fahren mit Diesel und können deshalb Güter auch dorthin bringen, wo kein Fahrdraht anliegt.

Mehr als sieben Millionen Tonnen Güter werden in Thüringen über die Schiene umgeschlagen. Von diesem Kuchen möchte die Erfurter Bahn nun ein größeres Stück abhaben. Henry Liepelt und Andreas Nagel haben an diesem Morgen nicht so sehr das große Ganze im Blick. Ihre Fahrt hat um kurz nach 5 Uhr morgens begonnen und ist nach einer guten halben Stunde in der Dunkelheit zu Ende. Gleißende Scheinwerfer künden davon, dass die Firma KIMM in Reichweite kommt.

Zwei Männer in orangefarbenen Jacken.
Lokführer Andreas Nagel und Rangierbegleiter Henry Liepelt (r.) sind für 1.300 Tonnen Gesamtgewicht des Zugs verantwortlich. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Liepelt koppelt die vordere Lok ab, sie fährt auf einem Parallelgleis am Zug vorbei. Liepelt steigt ein, grüßt noch kurz, dann geht die Tür zu und die beiden Bahner rollen in ihrer Lok zurück zum Betriebsgelände der Erfurter Bahn. Später, wenn das Abladen der Teile beendet ist, bringt die zweite Lok die leeren Wagen zurück zum Güterbahnhof.

Bei Sonnenaufgang ist der erste Arbeitsgang erledigt

Der Güterverkehr sei Anfang der 1990er Jahre eingebrochen, erklärt Grewing. Immer mehr Unternehmen hätten lieber auf Lkw gesetzt, die die meisten Strecken von Anfang bis Ende fahren können, ohne Umladen. Inzwischen gebe es durchaus ein Umdenken. "Man muss die Firmen vor Ort aber darauf ansprechen, die Möglichkeiten aufzeigen." Laufe das gut, seien viele Aufträge möglich.

Das Geschäft sei natürlich nicht so langfristig wie der Personen-Nahverkehr auf der Schiene, wo Aufträge für zehn Jahre und länger vergeben werden. "Es ist Ad-hoc-Geschäft." Aber die Verdienstmöglichkeiten seien gut. Man freue sich auch darauf, die Güterwagen der Firma CargoBeamer zu Zügen zusammenzustellen und abzutransportieren. Demnächst soll die Fertigung ganz in der Nähe des Geländes der Erfurter Bahn anlaufen.

Ein Kran hebt Betonteile von einem Zug.
Mit einem riesigen Kran werden die tonnenschweren Betonteile vom Zug gehoben. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

In Kühnhausen funktioniert die Logistik-Kette an diesem Morgen reibungslos. Die Mitarbeiter einer bekannten Baufirma rollen in zwei Autos an, der Kranführer ist bereits vor 6 Uhr vor Ort. Betonträger für Betonträger schwebt vom Kran getragen durch die Luft. Der Stapel ist beachtlich groß geworden. Erst wenn die Teile wirklich gebraucht werden, werden sie hier abgeholt. Als die beiden Bahner zurück in Richtung Betriebshof rollen, geht die Sonne auf. Der erste Teil des Tagwerks ist getan.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 13. April 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Harka2 vor 24 Wochen

Nachdem flächendeckend überall die Gleisanschlüsse rückgebaut wurden, will man jetzt mehr Güterverkehr auf die Schine bringen? Wie soll das gehen, wenn selbst in den einstigen Bahnhöfen keine Verladegleise mehr liegen und inzwischen fast alle Güterbahnhöfe abgerissen wurden?

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