Thüringen E-Scooter-Anbieter gibt auf: Wo in Thüringen noch elektrisch gerollert wird

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Ende Oktober verschwinden die E-Scooter von "Bird" aus dem Stadtbild in Erfurt. Der Anbieter zieht sich bis Jahresende nicht nur aus Gera und Gotha, sondern komplett aus Deutschland zurück. Wir haben nachgefragt, warum und wer künftig noch Roller verleiht.

E-Roller und Menschen auf dem Willy Brandt Platz in Erfurt
Vom Bahnhof in Erfurt schnell auf den Roller zum Ziel. Die E-Rollers ind praktisch, stehen nur manchmal im Weg rum. Bildrechte: MDR/Tariku Krause

Bis Jahresende verabschiedet sich "Bird" aus Deutschland. In Erfurt war der Anbieter von E-Rollern im Oktober 2020 gestartet. Zum 31. Oktober wird der Betrieb in der Landeshauptstadt eingestellt. Die Erfurter Verwaltung hat von "Bird" erfahren, dass die "Nutzerzahlen zu gering" waren und "der Weiterbetrieb nicht wirtschaftlich ist".

"Bird" selbst lässt über sein Pressebüro mitteilen, dass zu einzelnen Städten keine Informationen herausgegeben werden. Zur grundsätzlichen Entscheidung heißt es, es sei "schwierig" gewesen. Gezeigt habe sich, dass es ein "Überangebot an Fahrzeugen, überfüllten und unordentlichen Straßen und einer hohen und häufig wechselnden Anzahl von Wettbewerbern" gibt. Zu viele Anbieter, zu schlechter Umgang - dies alles lohne sich nicht.

All dies (Überangebot, überfüllte und unordentliche Straßen sowie viele Wettbewerber) führt unweigerlich zu erheblichen Verlusten für die Betreiber, die es sich infolgedessen nicht leisten können zu investieren.

Dr. Sabine Schnabel, Sprecherin "Bird"

E-Roller des Anbieters Bird stehen auf einem Fußweg in der Windthorststraße in Erfurt
Die Roller von "Bird" machen bald den Abflug aus Deutschland. Bildrechte: MDR/Michael Frömmert

Der Anbieter "Bird" verschwindet damit nicht ganz so schnell wie der schwedische Mitbewerber "Voi". Der hatte im Juli 2019 über 100 Roller in Erfurt aufgestellt und war im Dezember desselben Jahres wieder verschwunden. Dabei hatten innerhalb eines halben Jahres mehr als 50.000 Menschen die Roller ausgeliehen. "Voi" verschwand, im Jahr darauf kam "Bird" nach Erfurt - mit 200 Rollern.

Damals hieß es von der Stadt Erfurt, man habe Lehren aus der Vergangenheit gezogen und konkrete Regeln aufgestellt. Dazu zählten Abstell-Verbotszonen in der Innenstadt. Nach dem Rückzug von "Bird" können Nutzer dann noch Roller von "Tier" und "Yoio" in Erfurt leihen.

Mann fährt auf einem E-Roller
Der schwedische Anbieter "Voi" hatte schnell den Rückzug angetreten. Bildrechte: imago images/Ralph Peters

"Bird" verschwindet aus Erfurt, Gotha und Gera

In Thüringen sind vom "Bird"-Rückzug neben Erfurt auch Gotha und Gera betroffen. Die Stadt Gera schreibt auf Anfrage, dass die Stadtverwaltung seit 19. Oktober 2022 vom "Bird"-Rückzug weiß, und bedauert dies, "da wir mit der Firma einen guten Partner hatten", so eine Sprecherin. Ein Jahr nach dem Start im Oktober 2021 ist dann schon wieder Schluss in Gera.

Die Sprecherin der Stadt geht davon aus, dass die Roller "nicht von heute auf morgen verschwinden" - es sei aber zu erwarten, dass die Scooter "sukzessive weniger werden und spätestens zum 31. Dezember aus dem öffentlichen Stadtbild" entfernt werden. 180 Roller waren das zu Spitzenzeiten. Die Stadt ist mit einem neuen Anbieter im Gespräch, verrät aber nicht, wer das ist.

Mobiltelefon 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
3 min

Zum Start von "Bird" im Oktober 2020 hat Reporterin Steffi Benke die Roller in Erfurt getestet.

MDR THÜRINGEN Mo 26.10.2020 19:00Uhr 03:05 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/video-start-bird-erfurt-roller-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Neue Anbieter für Gera und Gotha gesucht

Geras Oberbürgermeister Julian Vonarb (parteilos) erklärt, er hoffe auch weiterhin auf einen Elektro-Roller-Verleih in Gera, denn: "Die E-Scooter werden in Gera sehr gut angenommen und leisten einen wichtigen Beitrag zur Mobilität in unserer Stadt. Kooperationen mit Mikromobilitäts-Anbietern helfen dabei, auf das private Fahrzeug zu verzichten und auf erschwingliche und umweltfreundliche Alternativen umzusteigen." E-Tretroller böten zudem eine sinnvolle Unterstützung bei der Überbrückung der ersten und letzten Meile im Zusammenspiel mit dem öffentlichen Nahverkehr. "Der Rückzug von Bird ist schade, schafft aber auch Möglichkeiten für neue Kooperationen in Gera, denn die Bedingungen für E-Scooter-Sharing sind hier sehr gut", zeigt sich Vonarb überzeugt.

Auch die Stadt Gotha ist nach dem Rückzug von "Bird" auf der Suche nach einem neuen Anbieter. Ein Sprecher der Stadtverwaltung erklärt, dass die Stadt das Mobilitätsangebot für kleinere Strecken ergänzend zum ÖPNV "als positiv bewertet" hat und "zukünftig auf die Wiederaufnahme eines Betreibers" hoffe. Derzeit würden die "Bird"-Fahrzeuge eingesammelt und seien schon überwiegend aus dem Stadtbild von Gotha verschwunden.

Geparkte E-Roller 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

Sie liegen rum, sie werden von Besoffenen gefahren und manchmal landen sie im Fluss: Das MDR THÜRINGEN JOURNAL hat im November 2021 nachgefragt, wie sich die Leihroller und die Mieter so benehmen.

MDR THÜRINGEN So 14.11.2021 19:00Uhr 02:06 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/video-e-roller-polizei-bilanz-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

In Jena E-Roller besonders gefragt

Eine Anfrage bei unterschiedlichen Roller-Verleihern wird unterschiedlich ausführlich beantwortet. Planen sie, in Thüringen zu bleiben oder in den Freistaat zu kommen? Wie läuft es? Wo klemmt es? Der Anbieter "Tier", der in Erfurt und Jena Roller verleiht, antwortet ausführlich und kann sich vorstellen, auch in anderen Städten und Kommunen noch Roller aufzustellen. Konkret sind die Pläne noch nicht. In Erfurt und Jena scheint es aber gut zu laufen - in Jena noch besser als in Erfurt.

Ein Unternehmenssprecher teilte mit, dass in Erfurt seit Mai 2022 rund 150 E-Scooter im Stadtgebiet verteilt wurden. "Wir sind sehr zufrieden mit den Nutzungszahlen in den ersten fünf Monaten und sehen ein großes Interesse und Nachfrage nach nachhaltiger Mikromobilität in Erfurt. Unser E-Scooter-Service wird von den Einwohnern sehr gut angenommen. Seit dem Start in Erfurt konnten wir bereits 20.400 Fahrten mit unseren E-Scootern verzeichnen. Bislang gab es nur wenige Beschwerden und auch keine nennenswerten Probleme in der Stadt."

In Jena war "Tier" im Mai 2022 mit 100 Scootern gestartet und hat inzwischen auf 250 Roller aufgestockt. Damit wurden rund 206.000 Fahrten gebucht. "Generell sind wir mit der Nutzung unserer E-Scooter in Jena sehr zufrieden. Von Anfang an ist das Interesse und die Nachfrage für klimaneutrale Mikromobilität in Jena sehr groß und wir sehen, dass der Bedarf an individuellen Mobilitätsoptionen weiter wächst. Wir würden gerne weiter in den Osten von Jena expandieren, da wir dort großes Potenzial sehen und den Menschen in den Randbezirken der Stadt auch Zugang zu Mikromobilität ermöglichen wollen", heißt es bei "Tier". Ein E-Scooter-Angebot jenseits des Zentrums könne die Anbindung an Bus und Bahn verbessern und zu einer Entspannung der Verkehrssituation beitragen, wenn das Auto öfter stehengelassen wird.

Die Angebote funktionieren in größeren Städten besonders gut. Man kann sagen: Je größer die Stadt ist, desto besser funktioniert es.

Prof. Dr. Uwe Plank-Wiedenbeck, Professor für Verkehrssystemplanung an der Bauhaus-Universität Weimar

"Lime"-Nutzung steigt um fast 50 Prozent in Jena - Roller-Studie beauftragt

"Lime" schreibt dem MDR, dass ihre Roller seit Mai 2022 in Jena ausgeliehen werden können. Der Anbieter sei immer wieder im Austausch mit der Stadt zu Angebot und Nachfrage. Für das komplette Jahr 2022 sei die Zahl der "aktiven Nutzer" auf "Rekordniveau" - die Fahrten im Vergleich zum Vorjahr um 47 Prozent gestiegen. Auch wenn Vandalismus deutschlandweit abnehme, erlebt der Anbieter nach wie vor Fälle, die er versucht, mit der Polizei aufzuklären.

Eine Gruppe junger Menschen auf E-Scooter und Menschen auf Rädern.
Der Anbieter "Lime" hat untersuchen lassen, ob die Roller mehr CO2 sparen oder produzieren. Bildrechte: imago images/Stefan Zeitz

E-Scooter: Studie zur CO2-Bilanz

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI im Auftrag von "Lime" hat im Oktober 2022 gezeigt, dass gemeinsam genutzte E-Scooter dazu beitragen, die CO2-Emissionen im Stadtverkehr zu reduzieren. Die Studie zeigt, dass gemeinsam genutzte E-Roller den CO2-Ausstoß in einem größeren Teil verringern als zusätzlich verursachen. Hierfür wurden Daten von mehr als 4.100 Nutzern aus sechs Städten ausgewertet. Frühere Studien haben sich laut Fraunhofer Institut in erster Linie entweder auf einen Vergleich einzelner Verkehrsmittel durch Lebenszyklusanalysen fokussiert oder auf die Frage, wer diese neuen Mobilitätsformen zu welchem Zweck nutzt.

MDR (ifl)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. Oktober 2022 | 07:00 Uhr

23 Kommentare

astrodon vor 21 Wochen

@O.B. "manchmal habe ich das Gefühl das in Deutschland zu viele Spinner rumlaufen" - dem kann ich nur zustimmen. Da geht es mir aber primär um die Nutzer dieser Vehikel. Regelkonform fahren und auch parken wäre schon mal was. Danach allen auf die Finger klopfen, welche "keinen Respekt vor anderer Leute Eigentum" haben.

DER Beobachter vor 21 Wochen

Hier in DD liegen die Roller durchaus auch unnötig herum und man muss kurzfristig unnötig ausweichen. Die an sich gute Idee waren die Abstellplätze, nicht verkehrsgefährdende Abstellvernunft und das Einsammeln via web.

Sascha Ulmen vor 21 Wochen

Die Anbieter behaupten ja immer, E-Scooter würden für die so genannte letzte Meile genutzt. ----- Die Städte sollten sie beim Wort nehmen und ihnen nur die Nutzung in den Randbereichen des ÖPNV gestatten. Dann können sie und wir schauen, ob die Leute tatsächlich mit den E-Rollern zwischen Wohnung und Bus/Straba pendeln. ----- Bislang stehen ja die E-Scooter vor allem in Innenstädten, in denen dichter ÖPNV und Fußgängerzonen sind.

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