Erfurt Flecktarn im Stadtzentrum: Bundeswehr wirbt in Pop-Up-Lounge um Personal

Porträt Autor Dirk Reinhardt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Mal schnell in einer stylischen Location auftauchen, ein paar Tage oder Wochen lang sein neues Produkt anbieten, und dann wieder verschwinden - in der Hoffnung, bei der Kundschaft nachhaltigen Eindruck gemacht zu haben. Dieses Konzept des Pop-Up-Stores hat die Bundeswehr für sich entdeckt: In Erfurts Stadtzentrum betreibt sie noch bis zum 18. September eine "Pop-Up-Karriere-Lounge". Was sie sich davon erhofft, erläutert Oberst Kai H. Kutzinski vom Personalamt der Bundeswehr.

MDR THÜRINGEN: Seit wann gibt es diese Karriere-Lounge und welchen Zweck verfolgt die Bundeswehr damit?

Oberst Kai H. Kutzinski: Die Bundeswehr als moderner Arbeitgeber geht mit dieser Karriere-Lounge völlig neue, innovative Wege. Wir wollen raus aus der Kaserne, wir wollen rein in die Mitte der Gesellschaft, wir wollen dicht an unsere Zielgruppe. Wir wollen einfach mit den jungen Frauen und Männern ins Gespräch kommen und wollen Bundeswehr zum Anfassen bieten, wollen zeigen, was für vielfältige Karrieremöglichkeiten es bei der Bundeswehr im militärischen, aber auch im zivilen Bereich gibt.

Ist das ein Pilotprojekt oder machen Sie das in anderen Städten auch schon?

Das ist die dritte Pop-Up-Karriere-Lounge, die wir bieten, die erste in den neuen Bundesländern. Wir schauen dabei immer genau nach dem Bedarf in der Bundeswehr und dem Potenzial in der Region und schneidern uns ganz genau - auch mit den Themenwochen, die wir bieten - eine solche Popup-Karriere-Lounge zu und wir haben hier durchaus in Mitteldeutschland erhebliches Potenzial, wo wir noch Nachwuchs generieren können.

In der Pop-Up-Karriere-Lounge in der Marktstraße in Erfurt
Werbung für die Truppe: Pop-Up-Karriere-Lounge der Bundeswehr in der Erfurter Marktstraße Bildrechte: MDR/Robert Hansch

Gibt es auch hier in der Region im Vergleich zu anderen Gegenden eher ein größeres oder ein geringeres Interesse an einer Karriere, an einem Beruf bei der Bundeswehr?

Also das Interesse an einer Karriere in der Bundeswehr ist nach wie vor ungebrochen, auch hier in der Region. In Bereichen, wo der Bedarf groß ist an Nachwuchs, beispielsweise im IT-Bataillon hier in Erfurt, haben wir nie Probleme gehabt, diesen aus der Region zu decken. Also das Interesse ist da, und da ist noch eine Menge Potenzial und wir müssen unsere Anstrengungen nur weiter intensivieren, wir müssen mit neuen Ideen kommen. Wir können nicht alte Konzepte weiterfahren wie viele Jahre, sondern wir müssen einfach neu denken. Eine andere Idee sind digitale Messen, die wir auch schon durchgeführt haben, mit sehr großer Resonanz. Wir müssen einfach schauen, dass wir die Menschen, die jungen Menschen da abholen, wo sie sind - im digitalen Raum oder hier vor Ort in der Innenstadt.

Die Interessenten, die sich hier in der Karrierelounge melden und mit denen Sie Gespräche führen - welche Altersgruppe ist das und gibt es da besondere Interessen für bestimmte Waffengattungen?

Das ist sehr, sehr unterschiedlich, also auch vom Alter her. Unsere Zielgruppe, und das ist der Schwerpunkt, sind die Jungen von 17 bis 27. Wir haben natürlich auch die Eltern, die kommen, wir haben die Großeltern, die kommen, wir haben Veteranen, die kommen. Also das ist sehr, sehr vielfältig. Und natürlich gibt es Interessenlagen, aber auch die sind sehr, sehr unterschiedlich. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sie auch bewusst gucken, welche Themenwoche wird angeboten - jetzt haben wir gerade die Marine - und dann bewusst auch dort hingehen. Und das spiegeln auch die Gespräche so wider.

Gibt es bestimmte Vorlieben, dass die Leute vor allem zur Marine wollen jetzt hier im Binnenland, oder ist das gleich verteilt?

Es gibt natürlich die Vorstellung, dass man sagt, der Binnenländer ist der beste Kapitän. Das ist nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht so valide, dass man darauf bauen kann. Nein, das ist sehr vielfältig. Und es geht den jungen Menschen im Grunde auch um einen fordernden, einen spannenden Arbeitsplatz, der auch Entwicklungsmöglichkeiten zulässt, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Das ist für viele viel wichtiger als allein das Militär.

Das Thema Auslandseinsätze spielt ja auch eine große Rolle bei der Bundeswehr. Nun hatten wir vor nicht allzu langer Zeit in Mali einen schweren Anschlag mit mehreren verletzten Soldaten. Wird auch danach gefragt, nach solchen Risiken, nach den Gefahren?

Ja, und das ist auch gut so, dass danach gefragt wird. Wenn wir hier Interesse geweckt haben und ein Beratungsgespräch wird vereinbart, dann wird ja ganz individuell beraten, das machen wir dann am Anger im Karriereberatungsbüro. Und da werden auch diese Dinge konkret angesprochen, die Gefährdungen in den Auslandseinsätzen. Und die Bereitschaft, in den Auslandseinsatz zu gehen, ist wichtig, für den Zeitsoldaten unabdingbar. Und da wird das auch thematisiert. Aber das ist etwas, was wir ganz individuell machen, das eignet sich weniger so im Gespräch zwischen Tür und Angel.

Nochmal zu den Karrieremöglichkeiten: Man kann als Zeitsoldat dienen oder als Berufssoldat, Berufsoffizier. Gibt's da eine Gewichtung, dass die jüngeren Menschen lieber Offizier werden wollen oder wie ist da die Interessenlage?

Das ist ganz, ganz unterschiedlich. Das hängt vom Berufsabschluss ab, das hängt ab, wo sie jetzt in der Jahreszeit sind. Jetzt ist es günstig, es sind die Abschlüsse durch. Also sehr vielfältig, vom FWD (Anm. der Redaktion: FWD - Freiwilliger Wehrdienst), der die Möglichkeit gibt, mal zu schnuppern und dann mal weiterzugehen, bis hin zum SaZ (Anm.: SaZ - Soldat auf Zeit), also schon etwas länger, nicht nur zwei Jahre, sondern mit Perspektive. Das ist ganz unterschiedlich. Aber allgemein ist neben dem Aspekt der persönlichen Entwicklung auch die Sicherheit nicht zu unterschätzen. Gerade bei Corona haben wir gemerkt: Die Bundeswehr ist ein sicherer Arbeitgeber.

Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vor der Pop-Up-Karriere-Lounge in der Marktstraße in Erfurt im Gespräch mit Passanten
Das Gespräch mit Passanten suchen: Die Bundeswehr spricht von 100 bis 150 Interessenten täglich in der Karriere-Lounge. Bildrechte: MDR/Robert Hansch

Nun gibt es ja auch das Pilotprojekt Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz. Wie ist das nachgefragt?

Das ist sehr gut nachgefragt. Wir konnten alle Ausbildungsplätze, die uns zur Verfügung gestellt worden sind für den Heimatschutz, besetzen, zeitgerecht. Wir haben sogar noch Über-Soll, das heißt, wir müssen dann sagen, okay, das klappt nicht mehr, aber es gibt andere Alternativen. Wir beraten dann weiter. Also das ist insgesamt gut angenommen worden.

Nun gibt es ja auch Menschen, die der Bundeswehr kritisch gegenüberstehen. Die Linke hier in Erfurt verweist darauf, dass Erfurt die Stadt des Friedens sei. Haben Sie davon hier in der Karriere-Lounge etwas gemerkt, gab es Kritiker und wie geht man damit um?

Also wir haben hier vor Ort nichts gemerkt. Es gab also keine kritischen Stimmen. Aber selbst wenn - Kritik gehört in einer parlamentarischen Demokratie zur politischen Kultur, das ist völlig normal, völlig in Ordnung. Wir haben ja auch einen Slogan, der heißt: Wir kämpfen dafür, dass du dagegen sein darfst. Also das ist etwas, womit wir uns auch gerne auseinandersetzen. Und hier in Erfurt, Stadt des Friedens, ich sage immer, wir werben für Frieden und Sicherheit. Und das passt wunderbar zusammen, da schließt sich gar nichts aus.

Nun sind Sie ja auch sehr präsent hier in der Fußgängerzone. Ist es so, dass Sie gerade am Wochenende, wo auch mehr Besucherverkehr da ist, die Nachfragen, das Interesse größer sind oder wie verteilt sich das über die Woche?

Das kann man ganz klar so an den Besucherzahlen ablesen. Wir haben steigende Besucherzahlen natürlich am Wochenende, da sind wir dann schon knapp über die 100.

Und an normalen Tagen, wie viele Besucher haben Sie so im Durchschnitt?

Wir haben angefangen bei 40 und sind jetzt bei 80 bis 100 am Wochenende, und das wird weiter zunehmen, denke ich mal.

(Das Interview wurde am 19. Juli geführt.)

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10. August 2021 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

Professor Hans vor 10 Wochen

Lavendel
Und klar ist wir haben in Syrien nichts verloren. Die syrischen Flüchtlinge ob gering oder hoch qualifiziert gehören in ihre Heimat zum Aufbau des Landes. Dieses geschundenen Volk und Land wird als Kriegsschauplatz zwischen Nato und Russland missbraucht wie auch in anderen Kriesengebieten der Welt.

Professor Hans vor 10 Wochen

Lavendel
Tut mir leid das ich nicht in ihr rechtes afd Bild passe. Ich habe über 30 Jahre diesem Land gedient und habe dafür die entsprechende Anerkennung bekommen. Trotzdem werde ich mich wie in der Vergangenheit auch in der Zukunft kritisch mit meinem deutschen Vaterland und seinen Amtsträgern auseinandersetzen.

Professor Hans vor 10 Wochen

Dimehl
Das genau ist der Schwachsinn in Staaten die uns nichts angehen Krieg zu führen und Einheimische anzustellen die jetzt nach dem sie kollaboriert haben um ihr Leben fürchten. Die müssen wir als Kriegsführender jetzt aufnehmen.
Ähnliches praktizierte die deutsche Wehrmacht im 2.Weltkrieg in den baltischen Staaten. Das war Schulstoff Geschichte bis zur 10. Klasse. Sie erinnern sich?

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