3G am Arbeitsplatz Komplett überrollt - Der neue Andrang in den Testzentren in Thüringen

Seit Dienstag gilt die 3G-Regel am Arbeitsplatz. Viele Arbeitnehmer brauchen einen zertifizierten Schnelltest. Doch die wenigen Testzentren schaffen den Andrang kaum. Es gibt einfach zu wenige.

Teststationen Erfurt
Vor der Teststation im Anger 1 in Erfurt standen viele Menschen an. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Punkt 12 Uhr schließt der Covid-19-Testpunkt im Einkaufszentrum Anger 1 in Erfurt. Zwei Stunden Pause für die Mitarbeiter, die seit 9 Uhr wie am Fließband Menschen auf Covid-19 testen. Gleichzeitig kommen immer wieder neue Leute vorbei und wollen wissen, ob und wie sie sich testen lassen können. Christian Heinemann, der als Techniker die Teststation leitet, muss sie alle wegschicken. "Wir sind komplett ausgebucht. Und ohne Termin kann ich Sie ohnehin nicht testen." Für diesen Mittwoch gibt es keine Termine mehr, auch für den Donnerstag wird es schon knapp.

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Die Teststation im Anger 1 in Erfurt zieht bald ins Erdgeschoss. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Denn der Andrang ist riesig. "Wir werden seit gestern komplett überrollt“, sagt Christian Heinemann. Seit diesem Mittwoch gilt die 3G-Regel am Arbeitsplatz. Das heißt, wer nicht geimpft, genesen oder getestet ist, darf seine Arbeitsstätte nicht betreten. Arbeitgeber regeln das sehr verschieden. Klar ist: Zwei Tests pro Woche muss der Arbeitgeber zahlen, mindestens ein Test pro Woche darf jeder Bürger frei in Anspruch nehmen, bleiben bei fünf Arbeitstagen zwei übrig, die eventuell selbst gezahlt werden müssen.

Antigen-Schnelltest oder PCR-Test

Dabei gilt sowohl ein Antigen-Schnelltest (für 24 Stunden) als auch ein PCR-Test (für 48 Stunden). Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN sagte eine Sprecherin des Thüringer Gesundheitsministeriums, dass die Gültigkeit eines Schnelltests "zum Zeitpunkt der betrieblichen Zugangskontrolle gegeben sein" müsse. Er muss nicht direkt vor der Arbeitsaufnahme erfolgen. Auf einen kostenlosen Antigen-Schnelltest pro Woche habe jeder Bürger Anspruch, darüber hinaus koste ein Schnelltest 20 Euro, ein PCR-Test 149 Euro, so Christian Heinemann.

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Sechs Tage die Woche geöffnet: Die Teststation im Anger 1 in Erfurt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Von der Plötzlichkeit der neuen Regelung fühlen sich viele überrollt. Ein junger Mann in der Warteschlange vor dem Testzentrum sagt: "Das kam ja gestern erst auf. Wir haben noch keine Tests vom Arbeitgeber bekommen". Er sagt, er dürfe die Arbeitsstätte, er arbeitet im Einzelhandel, ohne negatives Testzertifikat nicht betreten, zwei Tests die Woche zahle der Arbeitgeber, "mehr wissen wir auch noch nicht".

Wenn er zweimal pro Woche 20 Euro zahlen müsse, um sich testen zu lassen, werde er sich eine andere Arbeit suchen müssen. "Es macht ja keinen Sinn, arbeiten zu gehen, um Tests zu machen, die ich dann brauche, um arbeiten zu können." Er glaubt, dass das der falsche Weg sei, um die Impfquote zu erhöhen. "Es soll keiner gezwungen werden", sagt er.

600 Menschen pro Tag getestet

Die Teststation im Anger 1 schafft viel: In sechs Kabinen werden rund 600 Menschen pro Tag getestet und ab Dezember sogar noch mehr. Dann zieht die Station ins Erdgeschoss um und kann die Kapazität verdreifachen. Auch, wenn es noch an Personal fehlt: "Wir suchen Studenten, Leute, die einen Job suchen". Doch selbst das würde nicht reichen, um alle zu testen, die einen Test brauchen.

Wir machen das hier, um zu helfen.

Christian Heinemann Techniker Testzentrum Anger 1 in Erfurt

Derzeit sei durch die bestehenden Teststationen lediglich zwei Prozent der Erfurter Bevölkerung abgedeckt, sagt Heinemann. Wie stark bei manchen Menschen die Nerven blank liegen, spürt Christian Heinemann immer öfter, wenn er mit aufgebrachten Leuten diskutieren muss, die auf einem Test bestehen. Er sagt: "Wir sind zu gar nichts verpflichtet. Wir machen das hier, um zu helfen". Doch schon seit längerem müssten sie "teilweise Security beauftragen, damit die Leute nicht ausfällig werden".

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Daniela Tischer, Inhaberin der Apotheke im Anger 1 in Erfurt, sagt: "Wir sind mehr als an der Grenze". Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

"Wir sind nur noch am Telefon. Es ist gerade mehr als grenzwertig", erzählt seine Chefin, Daniela Tischer, Inhaberin der Pluspunkt-Apotheke im Anger 1. Die neue Regelung finde sie grundsätzlich gut, sie sei aber schlecht vorbereitet. "Es sind wieder keine Kapazitäten da. Wir rennen wieder hinterher, um das irgendwie gemanagt zu kriegen. Wir sind mehr als an der Grenze."

Die Mitarbeiter sind ständig überlastet.

Kathrin Heintz Leiterin des Corona-Testzentrums der Neuen Marien-Apotheke in Erfurt

An der Grenze sind auch die Mitarbeiter der Neuen Marien-Apotheke in der Nähe der Staatskanzlei. "Gestern Nachmittag haben wir uns gewundert, warum die Telefone heiß laufen. Da begann der Sturm auf die Termine", sagt Kathrin Heintz, Leiterin des Corona-Testzentrums hier. "Der normale Apothekenbetrieb leidet darunter. Die Mitarbeiter sind ständig überlastet, die Hälfte von ihnen sind mit Telefonieren und Terminvergaben beschäftigt."

MDR THÜRINGEN JOURNAL 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Mi 24.11.2021 19:00Uhr 01:34 min

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Mehr Personal für das Testen

Die Testzeiten hätten sie schon verlängert, mehr Personal wurde für das Testen abgestellt. Trotzdem seien alle Termine in den nächsten zwei Tagen vergeben. "Das Problem ist die Sache mit den Arbeitnehmern, die ungeimpft sind und jetzt täglich Schnelltests brauchen", sagt Kathrin Heintz. Braucht man mehr als einen Test pro Woche (der ja kostenlos ist), kostet ein Test in der Marien-Apotheke 18 Euro. Hier seien die Arbeitgeber in der Pflicht. "Die Kommunikation an die Arbeitnehmer darf nicht sein 'Kümmere dich!'. Das ist der falsche Ansatz", sagt die Fachapothekerin.

"Der Unmut der Leute besteht aufgrund fehlender Handlungsanweisungen. Man kennt die Verordnungen, allerdings ergeben sich daraus so viele Rückfragen, die einem keiner beantworten kann. Dazu gibt es zu wenig öffentliche Testzentren", sagt sie. Was aber wäre die Lösung? Kathrin Heintz: "Die Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass die Mitarbeiter vor Ort im Betrieb getestet werden oder es muss eine Impfpflicht kommen. Wir müssen aus diesem Strudel raus."

Keine freien Termine in Erfurter Apotheken

Immer wieder fragen Kunden in der Apotheke nach Testterminen. Doch die Apothekerinnen können ihnen nur sagen, dass alles voll sei. Auch ein junger Mann, der bei der Stadtverwaltung arbeitet, muss wieder gehen, um sein Glück woanders zu versuchen. "Mein Chef möchte ein schriftliches Zertifikat, dass ich mich mit einem Antigen-Schnelltest habe testen lassen. Sonst darf ich das Amt nicht betreten", sagt er. Er dürfe keinen Vier-Augen-Test auf Arbeit machen. Gestern sei erst das Schriftstück gekommen. "Ich muss das jeden Tag machen und meinem Vorgesetzten zeigen." Wo er es jetzt probiere? "Das ist eine gute Frage", sagt er und geht.

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Schnelltests am Bahnhof in Erfurt: Auch hier steht man Schlange. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Es wird schwierig für ihn werden, noch einen Termin zu bekommen. Auch vor der Teststation am Bahnhof steht eine Schlange, rund 30 Menschen warten hier, und es kommen immer neue hinzu. Alle mit Termin, versteht sich. Es geht zwar rasch vorwärts, innerhalb von Minuten werden mehrere Leute getestet, ein schneller gründlicher Rachenabstrich durch ein Fenster aus einem Container, dann ist schon der Nächste dran.

Menschen stehen im Dunkeln vor einem Corona-Testzentrum in der Schlange.
Auch in anderen Regionen Thüringens waren die Testzentren überlastet. Hier: Eine Teststation in Hildburghausen am Montagabend. Die Menschen mussten warten, es gab nur einen Mitarbeiter für PCR- und Schnelltests. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Annabell Friebe wartet trotzdem fast eine halbe Stunde. Auch sie braucht einen Test für ihre Arbeit in einem Steuerbüro. Sie befürworte, dass sich alle testen lassen. Doch es sei alles so schnell gekommen. Ihr Arbeitgeber habe ihr klar gesagt, ohne Test könne sie daheim bleiben. Mit anderen Worten: Ihr wurde mit Kündigung gedroht. Ob die Regelung Menschen dazu bringe, sich impfen zu lassen? "Jein. Ich kann mir vorstellen, dass sich Menschen dadurch in eine Ecke gedrängt fühlen." Es werde falsch an die Sache herangegangen.

Ich kann es eh nicht ändern.

Annabell Friebe

Sie selber wartet auf den sogenannten Totimpfstoff. "Ich empfinde ihn als sicher. Da habe ich kein schlechtes Gefühl", sagt Annabell Friebe. Sie wirkt erstaunlich gut gelaunt bei alldem. "Ich nehme es gelassen. Ich kann es eh nicht ändern", sagt sie lächelnd.

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Bildrechte: imago images/MedienServiceMüller

Quelle: MDR

27 Kommentare

dimehl vor 3 Tagen

"Ohne eine Auffrischungsimpfung gegen Corona soll es künftig kein gültiges Impfzertifikat mehr geben. Es soll die Voraussetzung für die weitere Gültigkeit des digitalen Covid-Zertifikats sein, schlägt die EU vor. "Wir schlagen eine Gültigkeitsdauer von neun Monaten für den EU-weiten Impfpass vor, danach würde er ohne den Nachweis einer Auffrischungsimpfung seine Gültigkeit verlieren", sagte Justizkommissar Didier Reynders in Brüssel." (Quelle: Zeit Online)
Soweit zu den "Spekulationen". Die Beschlüsse sind wahrscheinlich im Hintergrund längst schon wieder gefallen.

Conny1 vor 3 Tagen

nun ja, wahrscheinlich haben Sie sich im Sommer, als es ausreichend Termine gab, in freier Entscheidung nicht impfen lassen... Als die Inzidenzen im Herbst durch die Decke gingen, konnte man sich immer noch einen Termin über impfen-thüringen buchen (Eigeninitiative), diese Impfstellen waren nicht geschlossen...wohl auch verpasst... nun kommt das große mimimi... ÖPNV/Auto-Alternative = z.B.Fahrrad, Fahrgemeinschaft mit Kollegen... ach so... wäre ja ohne mimimi...mein Fehler

dimehl vor 3 Tagen

Das Liedchen ist allzu bekannt:
nein, nicht gesellschaftliche Strukturen/Verhältnisse/Missstände sind schuld:
der Einzelne ist schuld:
er hat einen Fehler gemacht,
ist dumm/uneinsichtig/noch nicht genug informiert,
hat sich einfach nur nicht richtig angestrengt...

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