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Crimine di Germania

Die geheime Mafia-Kommission in Deutschland

von Margherita Bettoni, Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Stand: 22. Februar 2021, 05:00 Uhr

Die kalabrische Mafia-Organisation 'Ndrangheta unterhält in Deutschland ein bisher öffentlich unbekanntes Kontrollgremium. Es soll für Frieden unter den Clans sorgen und das Gleichgewicht erhalten. Brisant: Außerhalb Italiens ist die Kommission in Deutschland die einzige in Europa. Gegründet worden ist sie offenbar nach den Mafia-Morden von Duisburg. Auch ein Vertreter der 'Ndrangheta-Zelle aus Erfurt soll mit am Tisch der Crimine di Germania sitzen.

Die Mafiamorde von Duisburg gefährdeten die Geschäfte der 'Ndrangheta in Deutschland. Danach musste der Frieden unter den Mafiaclans neu geregelt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist der 1. September 2009. Italienische Mafia-Fahnder der Carabinieri machen eine bahnbrechende Entdeckung. Ihnen gelingt es, ein geheimes Treffen zu filmen und abzuhören. Es findet damals an einem heiligen Ort hoch oben im Aspromontegebirge in der süditalienischen Region Kalabrien statt: in Polsi, einem Marienwallfahrtsort mit einer großen Bedeutung für die Kalabrier. Inmitten der alljährlichen Feiern zur Heiligen Madonna von Polsi trifft sich hier eine Gruppe von Männern. Durch die versteckten Kameras bekommen die Ermittler mit, dass etwas Wichtiges passiert.

Bei den Männer handelt es sich um Vertreter von 'Ndrangheta-Clans und an diesem Nachmittag im September haben sie, so die Vermutung, Domenico Oppedisano zum sogenannten "Capo Crimine" gewählt. Innerhalb der Struktur der 'Ndrangheta soll er so etwas wie ein alter weiser Mann und ein Hüter der Regeln sein. Unter seiner Führung werden wichtige strukturelle Entscheidungen gefällt. Er soll den Frieden erhalten, Streit schlichten und dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Im Italienischen wird dieses Gremium "Crimine di Polsi" genannt und die Fahnder gehen davon aus, dass dieses schon seit Jahren existiert.

Erstausstrahlung 22.02.21 | 23:05 Uhr | ARD

 

Die Wallfahrtskirche von Polsi nahe San Luca in Kalabrien: Ende August und Anfang September pilgern jährlich bis zu 50.000 Gläubige hierher. Dem Glauben nach soll die Jungfrau Maria hier einem Hirten erschienen sein. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Friede nach Duisburg-Massaker 

Nur zwei Jahre zuvor, im August 2007, sterben in Duisburg sechs Männer im Kugelhagel. Es ist das vorläufige Ende einer jahrelangen blutigen Fehde zwischen zwei mächtigen Clans der 'Ndrangheta aus dem kleinen kalabrischen Ort San Luca. Nur einen Monat danach beobachten italienische Ermittler in San Luca, wie Menschen, die monatelang versteckt gelebt hatten, sich plötzlich wieder frei bewegten. Sie hörten außerdem Gespräche ab, die darauf hindeuteten, dass die 'Ndrangheta unter den beiden verfeindeten Clans einen "Frieden" erzwungen haben soll. Die abgehörten Gespräche deuten vor allem darauf hin, dass dieser an einem besonderen Ort geschlossen worden ist: bei der Wallfahrtskirche von Polsi. Damit liegt es nahe, dass das oberste Führungsgremium, der Crimine di Polsi, für diesen Frieden gesorgt hat - offenbar wieder im September bei den Feiern zu Ehren der Madonna von Polsi. Damit hat die Mafia diesen wichtigen christlichen Wallfahrtsort für ihre Zwecke missbraucht.

Die Heilige Madonna von Polsi in der Wallfahrtskirche ist Mittelpunkt einer alljährlichen Prozession am 2. September. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Geheime Mafia-Kommission in Deutschland

Mit der allmählichen Expansion der 'Ndrangheta nach Norditalien und ins Ausland sind weitere solche Kontrollgremien entstanden, die dem Crimine di Polsi untergeordnet sind. Sie sind eine Art Kommissionen oder lnstanzen, die für reibungslose Geschäfte sorgen und vor allem blutige Massaker wie Duisburg verhindern sollen. Was bisher öffentlich nicht bekannt war: Auch in Deutschland gibt es eine solche geheime Kommission.

Nach gemeinsamen Recherchen von MDR und Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) soll seit mehr als zehn Jahren ein Crimine di Germania existieren. Laut vertraulichen Unterlagen soll dieses, auch "Camera di Controllo" genannte Kontrollgremium, nach den Mafia-Morden von Duisburg gegründet worden sein. Der Sitz wird in Duisburg selbst vermutet. Neun Männer aus ganz Deutschland - alle mutmaßlich hochrangige 'Ndrangheta-Mitglieder und die meisten von ihnen als italienische Gastronomen aktiv - sollen in dieser geheimen Kommission sitzen. Ihre Aufgabe: Sie sollen für den geschäftlichen Frieden, einen Ausgleich von Interessen und die Einhaltung der Regeln sorgen. Ihre Aufgabe ist offenbar nicht das Einmischen in direkte kriminelle Operationen.

Politik im Geheimen: Der Crimine di Germania regelt Frieden und Interessen der Mafia-Clans in Deutschland. Bildrechte: Mitteldeutsche Rundfunk

Das Besondere an dem Crimine di Germania ist, dass es außerhalb Italiens das einzige Führungsgremium dieser Art in Europa ist. Das Bundeskriminalamt bestätigte auf MDR/FAZ-Anfrage erstmals offiziell, dass die Existenz des Crimine di Germania bekannt sei.

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HintergrundMafia in Erfurt - Die Geschichte einer Investigativ-Recherche

Deutschland für 'Ndrangheta bedeutend 

Das wiederum ist eine brisante Information, denn ein solcher Crimine kann nur mit dem Segen des obersten Kontrollgremiums, dem Crimine di Polsi, gegründet werden. Was wiederum bedeutet, dass es den Bossen in Kalabrien offenbar sehr wichtig ist, dass in Deutschland Friede und Gleichgewicht unter den 'Ndrangheta-Clans herrscht. Das dürfte einen wichtigen Grund haben: Deutschland ist für die kriminellen milliardenschweren Geschäfte der 'Ndrangheta zu wichtig, als dass man sich hier Fehden und blutige Auseinandersetzungen liefern könnte. 

Für den Frieden und den Ausgleich ist offenbar in erster Linie der Capo Crimine verantwortlich, der dem Gremium in Deutschland vorsteht. Deutsche und italienische Fahnder gehen davon aus, dass er von den wichtigsten Mitgliedern der 'Ndrangheta in Deutschland gewählt wird. Die Mitglieder der Kommission, von denen die meisten aus italienischen und deutschen Ermittlungsverfahren bekannt sind, kommen aus allen Teilen Deutschlands. Sie stammen aus Orten in ganz Kalabrien und repräsentieren damit die verschiedenen in Deutschland aktiven Clans der 'Ndrangheta.

Zwei Jahre lang arbeitete das Rechercheteam von MDR und FAZ an der Aufdeckung der Mafia-Strukturen. (von links: David Klaubert, Ludwig Kenzia, Axel Hemmerling, Margherita Bettoni) Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

"Erfurter Gruppe" sitzt am Tisch des Gremiums

Am Tisch des angeblich einmal im Jahr tagenden Gremiums soll auch ein Vertreter der sogenannten "Erfurter Gruppe" sitzen, einer 'Ndrangheta-Zelle, die in Thüringen und Sachsen operiert. Sein Name ist dem MDR/FAZ-Rechercheteam bekannt. Zur "Erfurter Gruppe" und ihrem Umfeld sollen etwa 70 Personen gehören. Damit würde sie einen wichtigen strukturellen Maßstab in der Organisation erfüllen, denn sie darf als eine Locale angesehen werden. Nach den 'Ndrangheta-Regeln muss eine solche Locale mindestens 50 Personen umfassen. Sie sind wichtige Operationsbasen für die kriminellen Geschäfte der 'Ndrangheta in Italien und weltweit.

Das Thüringer Landeskriminalamt bestätigt MDR und FAZ die Existenz dieser Locale von Erfurt. Eine weitere Locale soll laut internen Unterlagen in Dresden existieren. Das LKA Sachsen wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Deutschlandweit sollen zwischen 18 bis 20 solcher Locali existieren, schreibt die Bundesregierung 2019 als Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Irene Mihalic. Nach MDR/FAZ-Recherchen soll es sie in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Rheinland-Pfalz geben. Nach Aussage eines Kronzeugen soll es auch eine Locale in Bremen geben. Die meisten angefragten Landeskriminalämter wollten sich zu diesen Informationen nicht äußern. Lediglich das LKA Hessen bestätigt die Existenz von Locali in dem Bundesland. Das LKA in Bayern wiederum erklärt, dass es ein solches im Freistaat nicht gebe.

Diese Locali repräsentieren die Clans aus San Luca und weitere, wie den Farao-Marincola-Clan, den Pesce-Bellocco-Clan, den Grande-Aracri-Clan, den Morabito-Palamara-Bruzzaniti-Clan und den Anello-Clan in Deutschland. Das Bundeskriminalamt geht intern inzwischen von insgesamt 1.000 Mitgliedern aus. Doch die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

'Ndrangheta baut Strukturen auch im Ausland auf

Die 'Ndrangheta ist eine Mafia, die vor allem auf Familienverhältnissen basiert. Ihre kleinste Einheit ist die 'Ndrina. Das meint im Prinzip einen Clan, oft Deckungsgleich mit einer Blutsfamilie. Jede 'Ndrina ist unabhängig in ihren Entscheidungen. Mehrere 'Ndrine formen eine der bereits beschriebenen Locali. Dieses ist also eine größere 'Ndrangheta-Zelle, die oft an einem bestimmten Ort angesiedelt ist. So spricht man zum Beispiel von der Locale aus San Luca. Solche Locali gibt es in Kalabrien, aber auch in Norditalien oder im Ausland.

Die Organisationsstruktur der 'Ndrangheta: Mehrere 'Ndrine bilden eine Locale und mehrere Locali bilden eine Provincia. Über Allem steht der Crimine di Polsi, der auch über die Expansion ins Ausland entscheidet. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk, Videovorschaubild aus dem Film „Mafia-Kolonie Ostdeutschland: Der blinde Fleck der Deutschen Einheit“

Das Modell der 'Ndrine und Locali ist damit auf Deutschland übertragbar, so wie vom Thüringer LKA für Erfurt bestätigt. Denn eine Besonderheit der 'Ndrangheta ist, dass sie auch in wichtigen Gebieten im Ausland die Strukturen aus der Heimat aufbaut. Das alles passiert aber nur mit dem Segen der obersten Instanz: dem Crimine di Polsi. Es kann keine neue Locale gegründet werden, ohne dass dieses Gremium dem zugestimmt hat. Dabei geht es vor allem darum, die Macht bestimmter Clans und Familien auszugleichen, um blutige Morde wie den in Duisburg zu verhindern. Denn das lenkt die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Aktivitäten des internationalen kriminellen Imperiums der 'Ndrangheta. Es stört vor allem ihre Geschäfte, bei denen Deutschland seit Jahren eine besondere Rolle zukommt, wie die Existenz des Crimine di Germania als oberstes Gremium eindrücklich zeigt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm:Das Erste | Die Story im Ersten | 22. Februar 2021 | 23:05 Uhr

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