Geschichte Zeitreise ohne Wegweiser: DDR-Ausstellung in Erfurt stößt auf Kritik

In der ehemaligen Gaststätte "Deutscher Hof" in Erfurt zeigt Sammler Klaus Horn zahlreiche Gegenstände aus DDR-Zeiten. Jochen Voit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße, nimmt das "Sammelsurium" zum Anlass für Kritik am generellen musealen Umgang mit DDR-Geschichte.

Klaus Horn in seiner DDR-Ausstellung
Klaus Horn hat zusammen mit weiteren Mitstreitern zahlreiche Objekte aus dem DDR-Alltag zusammengetragen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

"Das hatten wir auch", "Das kenne ich", "Weißt du noch?": Das sind Reaktionen der - zugegeben wenigen - Besucher an diesem Tag in einer neuen, privaten DDR-Ausstellung in Erfurt. Unter dem Kürzel "Deudera" - Deutsche Demokratische Republik-Ausstellung - hat der Selfmade-Kurator Klaus Horn mit seinem Freundeskreis eine kaum zu überblickende Menge an Dingen aus der DDR zusammengetragen.

Ausstellung zeigt Möbel aus DDR-Zeiten
Eine Zeitreise in die 50er- und 60er-Jahre. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

So fehlen weder die Dreiecksbadehose oder Marx- und Lenin-Büste noch all die Orden und Urkunden - und schon gar nicht Pionierwimpel, Uniformen und Speisekarten der Mitropa. Sammler Klaus Horn will den "Alltag der DDR zeigen", sagt er und verspricht eine "Zeitreise in eine versunkene Kultur".

Und genau damit hat Jochen Voit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, ein Problem: "Es geht ja hier nicht um Angkor Wat! Was stimmt, ist, dass die DDR für junge Leute heute sehr weit weg ist. Deswegen braucht man eine gute kuratorische Idee, bevor man mit so einer Ausstellung loslegt. Ich fühle mich hier eher wie in einem Gemischtwarenladen, der im Bierzelt gelandet ist."

Historiker vermisst Informationen zum Ort

Jochen Voit deutet auf die luftig wirkende Dachkonstruktion des alten Festsaals der ehemaligen Erfurter Gaststätte "Deutscher Hof". Den Historiker stört weniger der nostalgische Blick auf die DDR, als vielmehr das Fehlen einer klaren Ausstellungsidee. "Was hier zum Beispiel Sinn gemacht hätte, wäre eine Ausstellung über DDR-Kneipenkultur." Man dürfe den historischen Ort nicht ignorieren, an dem man eine Ausstellung zeigt.

Gibt es aktuell einen Trend zu kritiklosen DDR-Schauen? Voit sieht in Ausstellungen wie Klaus Horns "Deudera" ein Lockdown-Phänomen, "aber auch ein Zeichen dafür, dass es ein Bedürfnis nach zeitgeschichtlichen Museen gibt, das wir in Thüringen offenbar zu wenig berücksichtigen".

SED-Flagge und Puppe mit Uniform
Auch NVA und SED haben ihren Platz in der DDR-Ausstellung. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Auch in der Gedenkstätte Andreasstraße, die sich der Aufarbeitung der SED-Diktatur verschrieben hat, wird immer wieder mal Alltagskultur der DDR gezeigt. Aktuell mit einer Ausstellung des DDR-Fotojournalisten Peter Leske. Zum Jahresende ist eine Ausstellung über die Gründung der SED und die Folgen des Zusammenschlusses von SPD und KPD 1946 zu einer Staatspartei geplant.

Mann mit Brille 4 min
Peter Leske in seinem Atelier (2020) Bildrechte: Peter Leske
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Lisa Wennemer über die Ausstellung "REPORTertAGE" in Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, die Fotos von Peter Leske zeigt.

MDR KULTUR - Das Radio So 26.12.2021 12:00Uhr 04:13 min

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Vom Senftenberger Ei zu Produktionsbedingungen

Diese Facette ist in der Gedenkstätte gut aufgehoben. Und wenn jemand leichtere Seiten der DDR - also etwa Spielzeug und Autos - zeigen will, sei das erstmal okay, sagt Voit. Wenn aber der rote Faden fehle und junge Leute nicht wüssten, was sie da präsentiert bekommen, sehe er das kritisch.

Jochen Voit
Jochen Voit ist Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt. (Archivbild) Bildrechte: imago/VIADATA

"Nehmen Sie das Senftenberger Ei in der Ecke dort drüben", sagt Voit, "das ist fürs Publikum ein schicker, zusammenklappbarer Plastiksessel. Stylish, aber banal. Interessant wird es, wenn man den ins Licht rückt und mir eine Zeitzeugin erzählt, was der Sessel ihr damals bedeutet hat, oder wenn jemand etwas über Produktionsbedingungen, Lieferschwierigkeiten und Systemkonkurrenz zwischen Ost- und West-Design berichtet."

Aber so wie die DDR hier präsentiert werde, funktioniere es nicht. Museal sei diese Ausstellung höchst bedenklich. "Wikipedia-Artikel an die Objekte zu hängen, das reicht nicht", sagt Voit, der die Gegenstände in die Zeit und die damaligen Rahmenbedingungen eingeordnet wissen will.

DDR-Fähnchen in Krügen
Sozialistische Winkelemente Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Klaus Horn: Zeigen, was es in der DDR alles gab

Gedenkstättenleiter Voit und DDR-Gegenständesammler Horn sitzen sich beim Kaffee inmitten der vollgestopften Regale und Vitrinen gegenüber. Persönlich verstehen sich die beiden, auch wenn sie Welten trennen. Was er wolle, sei doch nur, zu zeigen, was es auch alles an Buntem gab - und die Objekte bewahren, sagt Horn. Außerdem sei die Schau, so der 70-Jährige, noch im Aufbau.

Erst vor zwei Jahren fing er mit dem Sammeln an. Seitdem hat er auf Flohmärkten und entsprechenden Internet-Plattformen sowie mit Spenden mehr als 14.000 Objekte zusammengetragen. "Wir bauen die Ausstellung ja erst auf, auch wenn sie seit Januar nun schon geöffnet ist."

Blättern in "Bummi" und "Frösi"

Der Besucher zahlt fünf Euro und landet im Foyer erstmal bei den Pionieren mit Wimpel und Trommel und in einem DDR-Spieleparadies, steht dann vor Vitrinen mit Plastiksalzstreuern, Zigaretten- und Waschpulverschachteln, vor Regalen mit Töpfen, Schüsseln, Tonbandgeräten. In einer Leseecke können Kinder in Zeitschriften wie "Bummi", "Mosaik" und "Frösi" blättern. In einem Filmraum sollen später Dokumentarfilme gezeigt werden, zu den unterschiedlichsten Themen wie "Nationale Volksarmee", "Wohnkultur", "Feuerwehr", "Sport", "Jugend".

Jochen Voit: Unterdrückung nicht ausklammern

Jochen Voit sieht hier ein grundsätzliches Problem, das längst nicht nur Klaus Horn betreffe. "Friede-Freude-Eierkuchen-Ausstellungen nützen niemandem. Bei so einem großen Themenspektrum, das letztlich die gesamte DDR erzählen will, kann man Unterdrückung, Repressalien, Unfreiheiten keinesfalls ausklammern."

Laut Voit würden genau daran viele DDR-Ausstellungen scheitern. Die "Olle DDR" in Apolda war ebenso ein wildes, aber nicht mit einer Erzählung verbundenes Sammelsurium. Die Schau mit über 30.000 Objekten ist inzwischen pleite und in das Stadtmuseum Apolda übergegangen. Das zeigt aktuell einen kleinen Teil der Objekte.

Kulturhistorische Ausstellungen, so Voit, müssten heute "niedrigschwellig sein und vom Publikum her gedacht werden". Klaus Horn gehe den umgekehrten Weg, "er stellt aus wie ein feudaler Fürst, der alles ausbreitet, was er gesammelt hat. Das erschlägt das Publikum."

Idee: Den Alltag der DDR zeigen

Dresden, Leipzig, Malchow, Benneckenstein, Berlin - alle größeren DDR-Museen hat sich Klaus Horn angeschaut. Sein Ziel ist es, sagt er, zu zeigen, was den Alltag der DDR ausgemacht hat, was es alles gab und dass die DDR zum Beispiel auch ihre Buchkultur in den 1980er-Jahren auf Messen in der Schweiz gezeigt hat, dass die Schreibmaschinen von Robotron Erfurt in alle Welt exportiert wurden oder was in den Mitropa-Restaurants auf der Speisekarte stand.

DDR-Uniformen hängen an einer Garderobe.
Uniformen, Stiefel, Bilder - das Spektrum der Ausstellungsobjekte ist groß. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Auch ein handsignierter Helm von Kosmonaut Siegmund Jähn liegt in einer Vitrine, unweit von einer Armada von Telefonen, Skiern, Mopeds, Amiga-Schallplatten und einer Maschine, mit der Strumpfhosen repariert wurden. Die Dame von Welt, die hauchdünne Strumpfhosen meist aus dem Westen trug, ließ Laufmaschen ja reparieren. Wer allein durch das bunte Wirrwarr streift kann sich entweder erinnern oder mit manchen Dingen nur wenig anfangen. "Das muss alles erklärt werden", sagt auch Klaus Horn. Solange Schilder oder ähnliches fehlen, führen Freiwillige die Besucher an Trabi, Polizei-Lada, Sportgeräten aus einer alten DDR-Turnhalle und Original-Service aus dem Palast der Republik vorbei.

Voit sieht "Defizit in Thüringer Museumslandschaft"

Nach über 30 Jahren seien die Zeiten der Nur-Schwarz- oder Nur-Weiß-Malerei der DDR vorbei, sagt Historiker Voit. "Gerade Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts facettenreich auszustellen, halte ich für eine große Herausforderung. Aber in Erfurt und Thüringen setzt man vor allem auf Mittelalter und die Faszination von Schlössern und Gärten.“

Dass sich Menschen wie Klaus Horn mit solchen DDR-Ausstellungen auf den Markt wagen, zeige auch, dass es ein Defizit in der Thüringer Museumslandschaft gibt. Voit: "Wir bräuchten Häuser, die sich mit modernen Mitteln der Zeitgeschichte und damit auch der DDR widmen. Da fehlt es an Mut und Unterstützung. Der Thüringer Museumsverband gibt hier ein schwaches Bild ab, weil er kuratorisches Nachdenken über die jüngste deutsche Geschichte kaum fördert und Museen immer noch als Museentempel und nicht als demokratische publikumsorientierte Orte begreift."

Interesse an DDR-Geschichte ist da

Wobei die Kulturpolitik der Landeshauptstadt Erfurt in Sachen Zeitgeschichte auch nicht aufgeschlossener sei, ergänzt Voit mit Blick auf das "von der Stadt längst abgeschriebene Museum für Thüringer Volkskunde“. Offenbar gebe es das Bedürfnis der Menschen, sich auch mit der Alltagskultur der jüngsten Vergangenheit zu befassen und wenn es die Profis in den Museen nicht tun, dann schössen eben private Museen mit fragwürdigen Konzepten aus dem Boden.

DDR-Ausstellungen sollten laut Gedenkstättenleiter Voit auch einen aufklärerischen Anspruch haben. Nur so verstünden die Besucher die Zusammenhänge. "Sie müssen doch neben all den Alltagsdingen wie der Erika-Schreibmaschine oder dem Nierenbeistelltisch auch verstehen, wie das Leben der Menschen abgelaufen ist. Sonst stehen sie da und fragen sich: Wenn alles so toll war, warum ist das System dann gegen die Wand gefahren?" Darum, so der Historiker, sollten sich zeitgeschichtliche Museen kümmern und diese Geschichtserzählung nicht privaten Sammlern überlassen.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 19. Februar 2022 | 10:00 Uhr

83 Kommentare

knarf2 vor 12 Wochen

Hobby-Virologe:Sie sehen dann in Ihren Küchenschrank?Mit Ihrem Ausdruck Stasi-Ausstellung unterstellen Sie etwas dem Aussteller politische
Ansichten zu verbreiten.

knarf2 vor 12 Wochen

Kelten vom Ochsenberg:Tja wie erklärt man nun den Besuchern z.B.die Gefährlichkeit von den kommunistischen Plasteeierbechern?Diese Ausstellung zeigt doch nur wenn ich es richtig verstanden habe Dinge die in der DDR hergestellt wurden!

knarf2 vor 12 Wochen

Professor Hans:Sie meinen wohl über den Dingen zu stehen und alle anderen seien etwas unterbelichtet?Es
gibt doch unendlich viel Leute die die verschiedensten Dinge sammeln wo sich keiner aufregt oder gleich die Kommunisten vermutet!

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