Vier DDR-Sportlerinnen erhalten eine Medaille. Renate Vogel erhält eine Silbermedaille bei Olympia 1972 in München
Renate Vogel (rechts) erhält die Silbermedaille bei Olympia 1972 in München. Die DDR-Auswahl der Frauen wurde Zweiter über 4x100 Meter Lagen. Sie war eine DDR-Vorzeige-Athletin. Heute spricht sie über systematische Dopingpraktiken damals. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umfassende Überwachung DDR-Doping im Landtag diskutiert: Neue Forschungsergebnisse belegen riesiges Ausmaß

24. August 2023, 05:21 Uhr

In den vergangenen drei Jahren haben Historiker zahlreiche Zeugenaussagen und Ermittlungsberichte zum systematischen Doping in der DDR ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen die umfassendere Überwachung des Lebens von Sportlern, Funktionären und Ärzten. Doch Betroffene haben keine Lobby und das Interesse an Aufklärung muss von außerhalb kommen - das ist einer der Schlüsse aus einer Diskussionsrunde, die im Thüringer Landtag stattfand.

Nachdem eine Studie die massiven Ausmaße systematischen Dopings in der DDR neue beleuchtet hat, ist die Untersuchung am Dienstagabend auch im Thüringer Landtag diskutiert worden. Bei einer Podiumsdiskussion im Plenarsaal sprachen renommierte Gäste über die Ergebnisse und die Doping-Prozesse der 1990er-Jahre.

Neue Forschungsergebnisse belegen das riesige Ausmaß

Seit 2020 erforscht das Zentrum deutsche Sportgeschichte die Akten der Prozesse. Dr. Jutta Braun und Dr. René Wiese fanden anhand zahlreicher Zeugenaussagen und Ermittlungsberichte neue, detaillierte Einblicke in die Systematik des Staatsdopings.

Die beiden Historiker suchten nach Verantwortlichkeiten und Befehlsketten. Die Ergebnisse können dazu beitragen, die Geschichte der Betroffenen präziser zu rekonstruieren. Zeugenaussagen belegen die politische Repression und den Druck, der von der Regierung ausgeübt wurde. Das Besondere: Diese Erkenntnisse sollen als Leitfaden für Behörden und Ämter dienen, um in künftigen Anerkennungsverfahren eine Orientierungshilfe zu bieten. Die Länge der Verfahren könnten dadurch erheblich verkürzt werden.

DDR-Schwimmerin berichtet als Zeitzeugin

Neben den Historikern war am Dienstag in Erfurt auch die ehemalige DDR-Schwimmerin und Olympionikin Renate Vogel zu Gast. Die Chemnitzerin war dreimalige deutsche Weltmeisterin und Olympia-Zweite im Jahr 1972. Nachdem sie drei Weltrekorde über 100 Meter Brustschwimmen aufgestellt hatte, musste sie ihre Karriere verletzungsbedingt beenden. Sie war eine Vorzeigeathletin für den SED-Staat.

Einige Jahre später floh sie mit einem fremden Pass in die Bundesrepublik. In den 1980er-Jahren gehörte sie dann zum Trainerstab der bundesdeutschen Schwimm-Nationalmannschaft. Sie sprach offen über die systematischen und verdeckten Dopingpraktiken der DDR, wodurch sie sich auch der Gefahr von Anschlägen seitens der DDR aussetzte. Mit dem Projekt "Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht" brach sie mit dem damaligen Doping-Apparat und fand ihre Rolle als Zeitzeugin.

Eine Frau hält ein Mikrofon in der Hand.
Die Chemnitzer Schwimmerin Renate Vogel war dreimalige Weltmeisterin und Olympia-Zweite. Bildrechte: MDR/Jana Maier

Investigativjournalist Hajo Seppelt: Fehlendes Interesse an Aufarbeitung

Der vierte Diskussionsteilnehmer am Dienstag in Erfurt war Hans-Joachim Seppelt. Der investigative Sportjournalist untersuchte das Doping-System der DDR und setzt sich für Chancengleichheit im Sport ein. Er selbst war an allen Prozesstagen ab 1997 dabei. Ende der 1990er-Jahre erschien sein Film "Staatsgeheimnis Kinderdoping". Der Film beleuchtet die dunkle Seite des Sports in der DDR, wo junge Athleten systematisch mit leistungssteigernden Substanzen gedopt wurden, oft ohne ihr Wissen oder Einverständnis.

Spannungsfeld der Berichterstattung

Die Herausforderung für Sportjournalisten liegt im Spannungsfeld zwischen klassischer Berichterstattung und Hintergrundrecherchen. "Wir können nicht den Sport bewerben und gleichzeitig den Sport kritisch hinterfragen", so Hajo Seppelt.

Denn viele Journalisten würden das Thema Doping vermeiden. Es kommt häufig zu Gegenwind, auch aus den eigenen Reihen. Er kritisiert deutlich, dass es kein wirkliches Interesse gibt, sich dem Thema Doping zu nähern, denn Sport sei nur so lange erfolgreich, wie er Erfolge einfährt. Wenn ein Skandal öffentlich wird, verlören alle Beteiligten, die zuvor mit dem System Geld verdient haben.

Dann verdient der Agent kein Geld mehr, die Stadien wären nicht mehr ausverkauft und auch das Fernsehen könnte weniger übertragen. Die ARD hat inzwischen eine Rechercheredaktion im Bereich Doping und ist damit Vorreiter. Doch es fehlt an einer Lobby für Dopingopfer. "Deshalb muss der Sport von außen kontrolliert werden", sagt Seppelt.

Wir können nicht den Sport bewerben und gleichzeitig den Sport kritisch hinterfragen.

Hajo Seppelt, ARD-Dopingexperte

Vier Menschen stehen im Plenarsaal des Thüringer Landtags.
Am Mittwoch diskutierten ARD-Dopingexperte Hans-Joachim Seppelt (von links), Historikerin Jutta Braun, die frühere Olympionikin Renate Vogel und Historiker René Wiese im Thüringer Landtag. Bildrechte: MDR/Jana Maier

Ariane Speckhahn vom Doping-Opfer-Hilfe Verein in Berlin unterstützt Seppelts Aussage: "Mit Dopingopfern kann man kein Geld verdienen. Unsere Sportler sind müde, weil für sie nichts getan wird." Ein ehemaliger betroffener Ringer der DDR äußerte sich zur Dauer dieser Verfahren. Er beschrieb, wie schwierig es sei, die psychischen und physischen Auswirkungen des Dopingsystems nachzuweisen. Mithilfe der neuen Studie könnte sich das ändern.

Die ehemalige deutsche Hochspringerin Ariane Friedrich meldete sich zu Wort und brach eine Lanze für die jungere Generation. Sie mahnte, dass heutige Spitzensportler grundlegend unter Generalverdacht gestellt würden. Denn jede gute Leistung werde von der Gesellschaft direkt kritisch beobachtet. "Das sei das Ergebnis von nicht ausreichender Aufarbeitung", so Hajo Seppelt.

Ein Mann hält ein Mikrofon in der Hand.
Der investigative Sportjournalist Hans-Joachim Seppelt untersuchte das Doping-System der DDR und setzt sich für Chancengleichheit im Sport ein. Bildrechte: MDR/Jana Maier

Die Aufarbeitung der Zentralen Ermittlungsstelle Zerv

Besondere Anerkennung erhielten auch die Recherchen von Werner Franke und seiner Frau Brigitte Berendonk. Nach einer Strafanzeige von Franke sammelten die Zentrale für Regierungs- und Vereinigungskriminalität sowie Staatsanwaltschaften über mehrere Jahre Tausende Dokumente und hielten Aussagen von Beteiligten fest. Daraufhin wurden Funktionäre und Verantwortliche des Staatsdopings wegen "Körperverletzung" verurteilt. Ausschlaggebend für die Anerkennung der Opfer war auch, dass es zu Verurteilungen kam.

Thüringer Trainer und Ärzte wurden verurteilt

Insgesamt wurden in Thüringen fünf Trainer und zwei Ärzte verurteilt. Über 50 Verfahren wurden damals wegen geringer Schuld eingestellt. Doch auch sie waren Teil des Systems. Untersucht werden konnten damals hauptsächlich die medaillenschweren Sportarten wie zum Beispiel Schwimmen. Zum 31. Dezember 2000 verjährten die Straftaten und markierten das Ende der Ermittlungen der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität Zerv.

Dieses Aktenmaterial bietet heute eine umfassende Dokumentation über die Praxis und Auswirkungen der Dopingvergehen. "So dient es heute als Grundlage für Forschungsstudien über die gesundheitlichen Auswirkungen von Doping und der historischen Aufarbeitung", sagte René Wiese.

Weitere Studien müssen folgen

Weiterhin seien drei Themen für die weitere Aufarbeitung wichtig, betont der Historiker. Die juristische Auseinandersetzung, eine historische Aufarbeitung und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung. Die neue Studie von Braun und Wiese bietet eine neue Qualität der Quellenauswertung über die Vergehen des DDR-Staatsdopings. Die Rede ist von insgesamt etwa 10.000 gedopten Sportlern.

Es begann im Jugendalter mit etwa 13 Jahren. Und gedopt wurden auch Sportler, die nicht zum Nationalkader gehörten. Die Studie ist ein weiterer Schritt, um das Ausmaß des kontrollierten Staatsdopings aufzuzeigen.

Vier Menschen sitzen in er Mitte des Plenarsaals des Thüringer Landtags.
Die Ergebnisse der neuen Studie boten den Anlass, die Dopingprozesse in der DDR in einer Podiumsdiskussion im Plenarsaal des Thüringer Landtages zu diskutieren. Bildrechte: MDR/Jana Maier

Thüringer Landessportbund als Vorbild

Der Thüringer Landessportbund hat eine hauptamtliche Stelle für die Betreuung und Beratung von Betroffenen eingerichtet. Anke Schiller-Mönch besetzt diese Stelle in Thüringen und ist damit bundesweit eine der Vorreiterinnen unter den Landessportbünden.

Gemeinsam mit der Staatskanzlei wurde die neue Studie in Auftrag gegeben und es wird gemeinsam an vielen Projekten zur Aufklärung und Prävention gearbeitet.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. August 2023 | 19:00 Uhr

19 Kommentare

Tpass vor 47 Wochen

Was für eine Geschichte. Nach so vielen Jahren werden Menschen beschäftigt eine Systematik im System aufzulösen??? Wem nützt es heute noch nach so vielen Jahren. Zu meiner Schulzeit waren einige meiner Mittschüler in Vereinen oder eben Gesellschaften des Sports. Alle haben gewusst was Soda machen und wie man Erfolge beeinflussen kann. Es wurde niemand von denen gezwungen sich irgendwelche Dinge Einzuwerfen und spritzen zu lassen. Alles mit einvernehmlichen Einverständnis der Eltern und nichts anderes muss erzählen werden. So wie hier jemand geschrieben hat waren wir alle stolz darauf welche Leistungen die Athleten erreichen konnten. Warum heute manche Ex Sportler heute so etwas wieder aufarbeiten wollen entzieht sich meiner Meinung nach auch der Geschichte. Hätten diese Menschen viele Millionen verdient wie heute über Sponsoren, was wäre dann??? Auch Erfolge wurden prämiert mit Geld Autos Häuser und sämtlichen Vorteilen in anderen Dingen die der Normalbürger nie hatten. Mitleid? Nein

ElBuffo vor 47 Wochen

Eben es gab ja öffentliche Aushänge, dass dort medizinische Experimente auch schon an Heranwachsenden stattfinden. Deswegen hatte man dafür auch extra die PR-Agentur MfS damit betraut, damit niemand uninformiert blieb.

Bummi vor 47 Wochen

Wenn ein kleines Land wie die DDR weltweit die Nr. 3 im Leistungssport war, gehörte mehr dazu, als nur Doping. Wenigstens darauf können wir Ossis heute noch Stolz sein. Aber nicht mal das bisschen positive Erinnerung darf bleiben.

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