Mafia in Thüringen Die geheimen Abhörprotokolle der "Erfurter Gruppe"

Vor 20 Jahren führten Polizei und Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen mutmaßliche Mitglieder einer italienischen Mafia-Zelle in Thüringen. Unter dem Decknamen FIDO hörten sie zwischen Januar 2001 und Juni 2002 tausende von Telefongespräche ab. Sie geben einen einzigartigen Einblick in die Geschäfte und in den Alltag einer der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt: der 'Ndrangheta.

Eine Person im Halbdunkel notiert etwas in einem Aktenordner.
Zum ersten Mal hat ein Reporterteam des MDR und der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) die geheimen Abhörprotokolle der FIDO-Ermittlungen auswerten können. Sie geben Einblicke in die Welt des organisierten Verbrechens. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Erfurter Gastronom berichtet einem guten Freund von seinen Expansionsplänen. Direkt am Telefon geht er ins Detail: "In Erfurt behalten wir das, was wir bereits haben. Leipzig hat Zukunft, weil Leipzig jungfräulich ist. Wir behalten die Verträge in Dresden. Das Projekt Leipzig ist ein langfristiges." Damit hat der gebürtige Italiener, der schon an mehreren Gastronomiebetrieben beteiligt ist, die Marschrichtung für die kommenden Investitionen umrissen. Die Zukunft sieht er offensichtlich in Sachsen: in Dresden und vor allem in Leipzig. Eine Stadt, die für ihn noch unberührt ist. 

BKA und LKA Thüringen hören mit

Es ist Juni 2001. Was der Gastronom nicht weiß: Die Ermittler des Thüringer Landeskriminalamtes und des Bundeskriminalamtes hören bei diesem und Tausenden weiteren Telefonaten mit. Sie haben den Verdacht, dass der Mann aus dem kalabrischen Dorf San Luca der Mafia-Organisation 'Ndrangheta angehört. In ihrem Auftrag, so die Vermutung der Fahnder, waschen er und seine Partner Gelder aus dem Drogenhandel und zwar in der Gastronomiebranche in Thüringen und Sachsen.

Die Ermittler starten 2000 das Verfahren FIDO. Im Visier haben sie den italienischen Gastronom und sieben weitere Beschuldigte. Zwischen Januar 2001 und Juni 2002 werden Dutzende Telefone abgehört, Tausende von Gesprächen mitgeschrieben und übersetzt. Zum ersten Mal hat ein Reporterteam des MDR und der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) Zugang zu einem Teil der Abhörprotokolle von damals bekommen. Sie bieten einen einzigartigen Einblick in die ostdeutschen Geschäfte einer der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt. 

Das Geschäft mit den Restaurants 

Ein Thema scheint die Männer aus Kalabrien besonders zu beschäftigen: neue Investitionen. Denn Geld haben sie offensichtlich. Die Frage ist: wohin damit? Die Gruppierung um den Gastronomen hat bereits mehrere Eisdielen und Restaurants in Erfurt eröffnet. Dazu zwei Restaurants in Leipzig und ein Café in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Berlin. Aber das scheint ihnen nicht zu genügen.

Wie wäre es also mit einem Gasthaus mit 350 Sitzplätzen, schlägt ein umtriebiger Sizilianer vor, der zu dem kalabrischen Gastronomen gute geschäftliche Kontakte hat. Wenn der Interesse habe, werde der Sizilianer ihm auch "das System mit den Geldern" erklären. Dafür müsse er aber zunächst wissen, ob er "Interesse an einer Geheimoperation" habe. Ansonsten, schlägt ein anderer Kontaktmann vor, gäbe es auch eine Brauerei in Hamburg: 120.000 Mark wert, von denen 90.000 bar bezahlt werden können. Oder ein Betrieb in Weimar für 160.000 Mark, oder noch ein Lokal in Rostock für zwei Millionen Mark? Immer wieder geht es um Immobilien. Unter anderem in Erfurt, Leipzig, Halle oder Frankfurt. 

Eine Frau steht vor der ausgehängten Speisekarte eines italienischen Restaurants
Viele italienische Restaurants und Cafés in Deutschland und Europa gehen auf Investitionen der italienischen Mafia zurück. Das Geld dafür stammt vermutlich aus dem Drogenhandel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Interessen der Gruppe erstrecken sich aber weit über Deutschland hinaus: So geht es in den Gesprächen auch um eine Pizzeria in Barcelona oder um "zwei bis drei Millionen Mark", die man in Portugal investieren wolle. Weitere Länder für geplante Investitionen sind Kroatien und Polen. Es werden Geschäftsreisen nach Prag organisiert, Flüge in die USA gebucht. Alles um Investitionen an neuen Orten zu prüfen. Denn die Gastronomie, erklärt der kalabrische Geschäftsmann und mutmaßliche 'Ndranghetista in einem Telefonat, sei ein Business:

Wenn wir nur Gastronomen sein wollten, würde ein kleines Lokal mit zehn Tischen reichen. Wir sind Investoren.

Ein kalabrische Geschäftsmann Zitat aus den Abhörprotokollen

Und wie gute Investoren besprechen sie am Telefon, wer sich mit welchem Anteil an welchem Restaurant beteiligen soll. Oft werden auch Namen von Strohmännern vorgeschlagen, die die Betriebe offiziell führen könnten. Dass der Gruppierung selbst und Menschen aus deren Umfeld viel Geld zur Verfügung steht, lässt auch ein Telefonat im Mai 2001 vermuten. Der Sizilianer, der bereits die "Geheimoperation" vorgeschlagen hatte, hat eine Idee: "Ich komme vorbei, um das Geld meines Bruders abzuholen. Ich will es in der Erde vergraben", teilt er seinem kalabrischen Partner mit. 

Podcast

Zwei Männer sitzen in einem Schnittraum. 39 min
Bildrechte: MDR/Hemmerling

Zwei Jahre lang spürten Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling der 'Ndrangheta nach; Sie trafen Ermittler und reisten nach Italien. Wie man gegen die Mafia recherchiert, erzählen sie im Interview mit Andreas Kehrer.

Das Erste Mo 22.02.2021 22:50Uhr 38:44 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/audio-interview-ludwig-kenzia-axel-hemmerling-italienische-mafia-recherche-100.html

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Audio

Die Nordländer

Die Abhörprotokolle bieten auch einen Einblick in die Art und Weise, wie die mutmaßlichen Mafiosi übereinander oder über Geschäftspartner denken und reden. Der Ton ist oft rau. Unter den Leuten, mit denen die Kalabrier Geschäfte machen, gibt es zwei, mit denen sie besonders eng verknüpft sind. Einer ist ein Italiener, der schon Anfang der 90er-Jahre Grundstücke in Erfurt gekauft hat. Unter sich nennen die Kalabrier ihn "u tintu", den Boshaften. Der andere ist ein erfolgreicher italienischer Gastronom, ein bekanntes Gesicht der Erfurter Gastronomie. Sie nennen ihn "il vecchio", den Alten.

Kopfhörer auf einem Abhörgerät.
Die Abhörprotokolle der FIDO-Akten offenbaren einen rauhen Umgangston der Mafiosi untereinander. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beide kommen aus Zentralitalien, doch die Kalabrier sprechen von ihnen abwertend als "Nordländer" und die gehen ihnen auf die Nerven. Der "Alte" etwa "war am Verhungern, als er ankam", sagt einer der Kalabrier, "ich habe das Geld zur Verfügung gestellt, das weiß er genau." Er sei ein "Arschloch, Bastard und Miserabler", teilen sich die Männer untereinander mit. Der "Boshafte" dagegen habe "keine Würde" und sei nur dank der Kalabrier reich geworden.

Obwohl die kalabrischen Männer sich viel beklagen, wird aus einigen Gesprächen klar, dass sie den "Alten" und den "Boshaften" in Wirklichkeit brauchen. Diese kennen sich nämlich in Deutschland gut aus, wickeln Geschäfte ab, wissen von staatlichen Subventionen, die man beantragen kann - und sie sind bestens vernetzt: Sie kennen Banker, Anwälte, Geschäftsleute und Lokalpolitiker. So geben die mutmaßlichen Mafiosi in einem abgehörten Gespräch sogar zu, dass sie "das System des 'Boshaften'" übernommen hätten. Der, sagen sie ein anderes Mal, kümmere sich um die Geschäftsfragen, die Kalabrier beschafften das Personal.

"Gemeinsam sind wir stark"

In vielen der Telefonate sind die mutmaßlichen Mafiosi vorsichtig. Sie sprechen konspirativ, nutzen Metaphern. So sagt einmal der Erfurter Gastronom aus San Luca einem Familienmitglied, der in Leipzig und Dresden als Gastronom aktiv ist: "Vergiss es nicht: Gemeinsam sind wir stark. Stärke schafft Energie, Energie schafft Licht". In einem weiteren Telefonat geht es um einen "Lappen", der nach Kalabrien gebracht werden muss. Die Ermittler vermerken unter dem Transkript, das es um Drogen oder Waffen gehen könnte.

Eine weißes Ortseingangsschild in Italien. Aufschrift: „San Luca – Comune d‘Europe“
Die Spuren der in Deutschland operierenden italienischen Mafia führen oftmals nach San Luca, einem Dorf mit etwa 3.600 Einwohnern in Kalabrien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einmal aber scheinen die Kalabrier die übliche Vorsicht vergessen zu haben:

Mein Freund, Sie herrschen mittlerweile über den Fischmarkt. Sie haben die Macht übernommen.

Ein Kalabrier aus Erfurt Zitat aus den Abhörprotokollen

Das schreibt ein Kalabrier, der in Erfurt lebt, einem Familienmitglied in einer SMS. Gemeinsam betreiben sie ein Restaurant. In dem Nachrichtenaustausch benutzen sie eine veraltete Form des italienischen "Sie". Eine, die auch Mafia-Mitglieder nutzen, wenn sie sich an jemanden wenden, der innerhalb der Organisation Ansehen genießt. Die Antwort kommt wenig später: "Mein Freund, sei vorsichtig. Auch in Deutschland gibt es Wanzen. (…) Ich bitte Sie, mein Freund. Ohne Sie wird die 'Ndrina von vier Pissern geführt". Die 'Ndrina ist ein kalabrisches Wort und meint einen Clan der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta.

Firmen und Restaurants in ganz Europa

Das letzte abgehörte Telefonat, das sich in den Unterlagen findet, die MDR und FAS vorliegen, geht auf Ende Juni 2002 zurück. Kurz danach mussten Ermittler die meisten operativen Maßnahmen stoppen. Anderthalb Jahre haben sie die mutmaßlichen Mafiosi und ihre Komplizen abgehört. Zu kurz, um ihnen tatsächliche Straftaten nachweisen zu können. Viele der damals abgehörten Italiener leben heute noch in Thüringen und Sachsen. Viele der Betriebe, über die sie sprechen, existieren ebenfalls. In Portugal konnte das MDR-FAS-Team fast 50 Firmen, darunter zehn Restaurants identifizieren, an denen die mutmaßlichen 'Ndrangheta-Mitglieder entweder beteiligt sind oder waren und einige von Ihnen auch leiten. In ganz Deutschland sind es rund 50 Firmen und davon mindestens 25 Restaurants, dazu kommen Betriebe in Italien, Spanien und England. 

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Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Mafia-Kolonie Ostdeutschland | 22. Februar 2021 | 22:50 Uhr

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