Deportationen Kunstaktion in Erfurt erinnert an Holocaust

Auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz haben Menschen die Namen der von dort während des Nationalsozialismus deportierter Juden geschrieben. Die Kunstaktion soll die Namen dieser Menschen wieder in ihre Städte zurückbringen.

Mann in Warnweste schreibt mit Kreide Namen auf das Pflaster
"Aber sie sind aus den Städten verschwunden und dort gehören die Namen wieder hin" - der Gedanke hinter der ungewöhlichen Aktion. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Laura Banner, Eva Bauer, Ruth Ballin - das sind nur drei Namen von 474. So viele Menschen mussten am 9. Mai 1942 auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz antreten. Die Nazis hatten sie zusammengetrieben, sie als Juden und Jüdinnen gebrandmarkt.

Von Erfurt aus wurden sie mit dem Zug nach Weimar gefahren und von dort am nächsten Tag in die Konzentrationslager. Mit der Kunst-Aktion "Schreiben gegen das Vergessen" genau 80 Jahre danach sollen die Namen der aus Thüringen deportierten Juden und Jüdinnen in die Öffentlichkeit gerückt werden und damit in Erinnerung bleiben.

Die Namen sollen in die Städte zurückkehren

"Die Menschen sind in den Konzentratinslagern und jüdischen Ghettos ermordet worden, das stimmt. Aber sie sind aus den Städten verschwunden und dort gehören die Namen wieder hin. Und diese Aktion macht es möglich, dass die Menschen sich heute mit diesen Namen auseinandersetzen, mit der Geschichte", sagte Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora. Mit Schulkreide haben Passanten die Namen auf den Asphalt des Erfurter Bahnhofsvorplatzes geschrieben. Mancher hatte sich vorher dazu angemeldet, mancher blieb spontan stehen und bekam Kreide und einen Zettel mit den Namen. Mit Knieschonern wurden es dann 474 Namen.

Menschen schreiben Namen aufs Pflaster, andere schauen zu
Wer wollte, konnte auch einige Namen schreiben - viele Passanten wollten spontan. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Zu den "Schreibern" gehörte auch Landesrabbiner Alexander Nachama und der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD). "Derzeit werde von einigen Seiten versucht, Geschichte umzuschreiben, neu zu deuten", sagte Bausewein mit Verweis auf Putin und den Krieg in der Ukraine. Er sei mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Menschen aus der Shoa, aus den Verbrechen der Nazis gelernt haben. Jetzt stelle er fest, wenn man nicht aufpasst, wenn genügend Zeit vergeht, die falschen Leute an der falschen Stelle sitzen und die Leute in Propagandaekstase versetzt werden, kann sich Geschichte wiederholen, so Bausewein. Deshalb sei das Schreiben gegen das Vergessen so wichtig.

Landesrabbiner Nachama, auch er hatte sich auf den Willy-Brandt-Platz gekniet, sagte: "Wenn Zeitzeugen nicht mehr da sind, ändert sich das Gedenken. Die Formen ändern sich. Das hier ist eine sehr präsente Form - auf dem Bahnhofsvorplatz, wo so viele Menschen vorbeilaufen. Und das Schreiben ist vielleicht eine Aktion, um auch die jüngeren Menschen am Gedenken aktiv zu beteiligen." Die Idee war der Frankfurter Künstlerin Margarete Rabow gekommen, als sie die Lebensgeschichte ihres Großvaters recherchierte.

Frankfurter Künstlerin Margareta Rabow steht in hellgrüner Warnweste auf Bahnhofsvorplatz
Eine Recherche zu ihrem Großvater brachte Margareta Rabow auf die Idee für die Aktion. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Er war Häftling in Buchenwald und von Wetzlar aus verschleppt worden. Rabow recherchierte in Frankfurt/Main im Fritz Bauer Institut. "Als mir die Mitarbeiterin dort das Nummernbuch der Judenaktion vorlegte mit all den Namen darin, bin ich fast in Ohnmacht gefallen. Mir war sofort klar, dass ich das Schicksal meines Großvaters und meiner Familie nicht mehr isoliert betrachten kann."

Dritte Station nach Wien und Frankfurt

2018 gab es die erste Schreibaktion in Wien. Es folgte 2020 Frankfurt am Main. "Dass jemand auf der Straße kniet und Namen schreibt, das berührt die Passanten." So war es auch am Montag in Erfurt. Mancher konnte beim Schreiben kein Interview mehr geben, weil ihn die Emotionen übermannt haben. Eine Frau wollte eigentlich nur den sonnigen Tag zum Bummeln nutzen, blieb stehen und schrieb dann auch mit. Der Schreibaktion in Erfurt werden im September Aktionen in Meiningen, Gera und Weimar folgen. In jeder Stadt werden die Namen der von dort verschleppten Menschen aufgeschrieben. Da Kreide vergänglich ist , wird auch ein Film gedreht, der alle 2.500 Namen festhält. In Weimar werden dann auch noch einmal alle 2.500 Namen geschrieben - denn vor dort fuhren die Menschen in den Tod.

MDR (csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 09. Mai 2022 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

Jan vor 8 Wochen

Hallo Ilse, schade, dass Sie mir nicht antworten. Ich hatte echt gedacht, dass ich noch was lernen kann. Ich bekomme es nämlich nicht in meinen Kopf rein, was es für einen Grund gegeben habe soll, insbesondere Kinder und Kreise zu töten. Ich möchte gern meinen Horizont erweitern. Wenn Sie mehr wissen, so sollten Sie das nicht nur andeuten. Sonst könnte auf ganz komische Ideen kommen....

Karl Schmidt vor 8 Wochen

@Ilse:
Wundersam!

Sie schreiben von "Da kommen sie weiter"(?), aber die simpel gestellten Fragen eines "Jan" oder meinerseits sind Sie nicht imstande zu beantworten.

Mit Ihnen ist keine konstruktive Diskussion möglich.

Ilse vor 8 Wochen

Mit Ideologen ist keine konstruktive Diskussion möglich. Fragen sie Leute, die keine Schere im Kopf haben. Da kommen sie weiter, manche von ihnen vllt.

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