Nahverkehr Erfurter Straßenbahnen ab Sommer ohne Ticket-Automaten

Schnell noch in die Tram gehuscht, kurz bevor die Türen zurauschen. Doch keine Zeit gehabt, vorher noch ein Ticket zu kaufen. Macht nichts, es gibt in der Straßenbahn ja einen Automaten dafür. Doch in Erfurt bald nicht mehr.

Eine Frau tippt in einem Ticket-Automaten in einer Straßenbahn in Erfurt etwas ein
Ticket in der Straßenbahn kaufen - in Erfurter Trams nur noch bis zum Sommer möglich. Bildrechte: MDR/Robert Müller

Wer, wie ich, sehr unregelmäßig die Straßenbahn nutzt, für den lohnt sich eine Monats- oder Jahreskarte nicht wirklich. Deshalb hole ich mir meist eine Vier-Fahrten-Karte. Die ist günstiger als der Einzelkauf und in meinem Portemonnaie immer verfügbar.

Gestern stehe ich wieder an der MDR-Haltestelle in Richtung Innenstadt - im Portemonnaie keinen Fahrschein mehr. An dieser Haltestelle gibt es keinen Fahrkartenautomaten. Im ganzen Stadtgebiet sind es 55 Automaten. Sie stehen an den wichtigen Haltepunkten, an denen viele Leute einsteigen. An der ega wäre der nächste Automat von hier aus, aber in der Bahn gibt es ja auch einen Automaten. Beim Blick auf dessen Display wird mir klar gemacht, dass er und seine 89 Kollegen in den Erfurter Straßenbahnen ab Sommer dieses Jahrs für immer verschwinden werden und ich wohl auf eine Ticket-App umsteigen muss.

Ticket-Automat in einer Erfurter Straßenbahn
Wird bald ausgebaut: Ticket-Automat in einer Straßenbahn in Erfurt Bildrechte: MDR/Robert Müller

Automaten brauchen Mobilfunkverbindung

Guido Nehrkorn von den Erfurter Verkehrsbetrieben (Evag) weiß warum: Die Automaten wurden 2011 angeschafft. Sie brauchen eine Mobilfunkverbindung und die war damals nur über den 3G-Standard möglich. Der aber wird im Sommer 2021 für immer abgeschaltet. Eine Umrüstung wäre zwar technisch möglich, würde aber 2,2 Millionen Euro kosten. Viel Geld, dass die Evag nicht mehr in die alte Technik investieren möchte. Außerdem sei die Wartung der Automaten kostenintensiv, und sie müssen regelmäßig mit neuem Papier versorgt werden. Angesichts der fortschreitenden Nutzung von Ticket-Apps und Abokarten, läge da der Abbau auf der Hand.

Nicht jeder nutzt eine Handy-App

Derzeit nutzen täglich 100.000 Menschen den Erfurter Nahverkehr. Vor Corona waren es sogar 185.000. Unter ihnen viele Senioren, denen ein gespaltenes Verhältnis zur Nutzung von Handy-Apps nachgesagt wird. Von den 18 Rentnern, die ich in den Erfurter Straßenbahnen gefragt habe, nutzte tatsächlich niemand eine Ticket-App. Dafür hatten aber alle eine Monats- oder Jahreskarte.

Die Straßenbahn-Haltestelle "Sozialversicherungszentrum" in Erfurt
Nicht an allen Straßenbahn-Haltestellen in Erfurt gibt es Ticketautomaten. Bildrechte: MDR/Robert Müller

Aber auch jüngere Menschen sind mit Papierfahrkarten unterwegs. Noah zum Beispiel sagt, dass er mehrfach erfolglos probiert hat, auf seinem Handy eine Ticket-App zu installieren, und so zieht er bei Bedarf seinen Fahrschein in der Bahn. Andere weisen auf Notsituationen hin, wenn man die Bahn gerade noch so erreicht oder auf Touristen.

Nun ist es aber nicht so, dass es überhaupt keine Fahrkartenautomaten mehr geben soll. Denn die 55 Geräte an wichtigen Erfurter Haltestellen bleiben erhalten. Und auch an den 14 Agentur-Verkaufsstellen, den zehn Evag-Punkten und in den Erfurter Bussen bekommt man weiterhin alle möglichen Fahrkarten. Und irgendwann wird auch das Mobilitätszentrum der Evag am Anger wieder öffnen.

Evag setzt auf Schweizer Anbieter

Das Evag-Mobilitätszentrum am Anger in Erfurt
Derzeit geschlossen: Evag-Mobilitätszentrum am Anger in Erfurt Bildrechte: MDR/Robert Müller

Doch der Trend geht eindeutig zur Ticket-App. Die Evag setzt auf den Schweizer Anbieter FAIRTIQ, der in vier europäischen Ländern seine gleichnamige App bereitstellt. Die Bedienung ist denkbar einfach: Nach dem Aufruf erkennt die App automatisch die Haltestelle, vor dem Einsteigen schiebt man den Schieber auf Start und beim Aussteigen auf Stopp. Die gesamte Abrechnung erfolgt automatisch zum günstigsten Tarif über die hinterlegten Kontodaten. Die Einzelfahrkarte kostet 1,98 Euro und ist damit zehn Prozent günstiger als am Automaten.

App hat noch "Baustellen"

Doch es gibt auch Baustellen: Es ist derzeit nicht möglich, weitere Fahrkarten für Familie, Freunde, Hunde oder Fahrräder zu kaufen. Der Anbieter weiß um das Problem, will aber keinen konkreten Termin zur Erweiterung in Aussicht stellen: "Wir würden diese Funktion gerne anbieten, es ist jedoch eine große Veränderung in unserer App und in unserem System, die sorgfältiges Nachdenken und Programmieren erfordert. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir weder die Veröffentlichung dieser Funktion versprechen noch einen konkreten Zeitplan nennen."

Auch Mobiltelefone mit dem Betriebssystem Android sind nur mit komplexen Einstellungen in der Lage, den Standort exakt an die App zu übertragen. Das ist unbefriedigend - auch und gerade aus Sicht einer Inklusion aller am täglichen Leben. Die Fahrkartenautomaten werden trotzdem im Sommer aus den Straßenbahnen verschwinden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. April 2021 | 19:00 Uhr

63 Kommentare

Karl Schmidt vor 32 Wochen

Erfurt ist weltweit bekannt dafür, gemocht zu werden.
Natürlich wegen der sehenswürdigen und wunderschönen Fahrkartenautomaten in den Straßenbahnen....

Karl Schmidt vor 32 Wochen

@dimehl:
"Haben Sie schon einmal etwas von Datenvermeidung und Datensparsamkeit gehört ?"

Ja dimehl habe ich.
Ihre Sicht der Dinge zu diesem Thema sollten Sie mir allerdings lieber per Brief statt eines Kommentares hier zukommen lassen, es ergäbe ja sonst überhaupt keinen Sinn....

dimehl vor 32 Wochen

Ja, wie geschrieben, noch! gibt es Fahrkartenautomaten...
Wenn ich hier im Forum etwas schreibe, ist mir natürlich klar, daß ich Daten/eine Datenspur hinterlasse. Das lässt sich nur schwerlich vermeiden. Bei einer Fahrt mit der Straßenbahn muss dies aber eben nicht sein.
Haben Sie schon einmal etwas von Datenvermeidung und Datensparsamkeit gehört ?

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