Nachhaltigkeit "Zu retten gibt es genug": Wie der Erfurter Verein Foodsharing Lebensmittel vor der Tonne rettet

Lebensmittel werden immer teurer und teilweise auch knapp. Da ist es umso bedauerlicher, wenn eigentlich noch essbare Ware in der Tonne landet. In Supermärkten lässt sich das aber manchmal nicht vermeiden, weil zum Beispiel Obst mit braunen Stellen oder auch Brot vom Vortag von den Kunden liegen gelassen wird. Der Verein Foodsharing e.V. geht dagegen vor. Wir waren bei einer Lebensmittel-Rettungsaktion in Erfurt dabei.

Zwei Studenten stehen vor einem Regal.
Florian Nowak und Marie Fissler retten Lebensmittel, die ohne sie in der Mülltonne gelandet wären. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brötchen, Brot, rote Bete und wie immer viele Äpfel - das ist nur ein Teil der Ausbeute, die Florian Nowak und Marie Fissler in großen Einkaufstaschen aus einem Erfurter Bio-Supermarkt schleppen. Bezahlt haben sie dafür nichts. Denn die Lebensmittel sind mehr oder weniger unverkäuflich.

Zum Beispiel hat die Aubergine hier so eine Stelle. Ich schneide es zu Hause raus. Oder die Möhre hier ist vielleicht ein bisschen bräunlich geworden.

Marie Fissler, Studentin und Mitglied beim Verein Foodsharing

Backwaren vom Vortag, Obst und Gemüse mit kleinen Mängeln oder eine leicht beschädigte Packung - zahlende Kunden packen all das meist nicht in ihren Einkaufskorb. Verständlich, denn meist findet sich eine bessere Alternative.

Ein Mensch hält eine Aubergine über einem Beutel mit Lebensmitteln in der Hand.
Obst und Gemüse mit kleinen Mängeln oder Backwaren vom Vortag landen in den Taschen von den Lebensmittelrettern Marie und Florian. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Foodsharing: Rettung vor der Biotonne

Marie und Florian geht es jedoch ums Prinzip. Ohne ihre heutige Rettungsaktion wären all diese Lebensmittel in der Tonne gelandet. Auch im Supermarkt in der Erfurter Bahnhofstraße freut man sich über die Besuche der Lebenmittel-Retter. Trotz aller Optimierungsversuche bleibe immer etwas übrig, sagt Marktleiter Sascha Liedloff. Er erhofft sich durch das Foodsharing einen weiteren Nebeneffekt für sein Geschäft.

Es kann natürlich auch eine Marketingmaßnahme sein, wenn jemand bei Foodsharing einen Artikel zu sich nimmt und dann feststellt, bei Alnatura gibt es gute Produkte. Und in einem nächsten Schritt kauft er es mal.

Sascha Liedloff, Leiter eines Bio-Supermarktes in Erfurt

Ein Mann steht in einem Supermarkt.
Martleiter Sascha Liedloff in seinem Supermarkt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Strenge Hygienevorschriften beim Verteilen

Mit ihrer Ausbeute fahren die Studierenden zur Lebensmittelstation an der Fachhochschule. Die Foodsharing-Mitglieder nennen das "Fair-teiler". Die Schreibweise erinnert hier an das englische Wort Fairness - zu deutsch: Gerechtigkeit.

Einen Kühlschrank gibt es an der Station und ein Regal mit Plastikkisten. "Obst", "Gemüse" und "Backwaren" steht auf handgeschriebenen Zetteln, die an den Kisten kleben. Jede Lebensmittelkategorie hat ihren festen Platz. Schilder erinnern an die Einhaltung von Hygieneregeln.

Für Florian, der früher auch "containert" hat, ist die Hygiene eine von mehreren Vorteilen gegenüber dieser illegalen Variante der Lebensmittelrettung. Die Lebensmittelüberwachung schaue auch mal vorbei und kontrolliere, ob alles ordnungsgemäß und sauber laufe.

Was ist containern?

Beim containern werden Lebensmittel aus Mülltonnen gesammelt, die etwa wegen abgelaufener Mindeshaltbarkeitsdaten weggeworfen wurden, teilweise aber noch bedenkenlos verzehrt werden können. In Deutschland ist containern aktuell allerdings illegal, das hat das Bundesverfassungsgericht 2020 bestätigt. Da in den meisten Fällen Grundstücke unberechtigt betreten werden, wird den Personen, die containern, meist Hausfriedensbruch oder Diebstahl vorgeworfen.

Lebensmittel auch für Nicht-Vereinsmitglieder

Lebensmittel in Märkten abholen dürfen nur Vereinsmitglieder, die vorher einen kleinen Test bestanden und eine Einführung absolviert haben. Zugänglich seien die geretteten Lebensmittel aber für alle - unabhängig von Beruf, Verdienst oder Vereinsmitgliedschaft. 

Genutzt werde der "Fairteiler" an der FH aber vor allem von Studierenden. Die Lebensmittel seien "ratzfatz" weg, sagt Marie. Die Studentin kennt das Foodsharing-Prinzip aus ihrem Auslandsaufenthalt in Schweden unter dem Namen "Sozialer Kühlschrank". Seit ihrem Studienbeginn ist sie in der Erfurter Gruppe aktiv.

Zwei Menschen beladen Kisten in einem Regal mit Lebensmitteln.
Der "Fairteiler" an der Fachhochschule wird vor allem von Studierenden genutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lebensmittel-Retter auch in weiteren Thüringer Städten

Dass Nichtstudierende den Weg nicht finden, könnte auch an der Lage liegen. Zwar ist der Raum auf dem Hochschulgelände frei zugänglich. Die Hemmschwelle zum Betreten des Geländes dürfte für Außenstehende jedoch etwas höher liegen.

Eine weitere Erfurter Verteilstation befindet sich im Naturfreundehaus in der Johannesstraße. Auch in Neudietendorf gibt es eine "Fairteiler"-Station des Vereins. Ebenso in sieben weiteren Städten sind die Retter aktiv, zum Beispiel in Jena, Weimar und Nordhausen.

Zwei Studenten stehen vor einem Regal.
Foodsharer wie Florian Nowak und Marie Fissler gibt es mittlerweile in mehreren Thüringer Städten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Keine Konkurrenz zu Lebensmittel-Tafeln

Eine Konkurrenz zu den Thüringer Lebensmittel-Tafeln gibt es übrigens nicht. Das bestätigte auch der Verein Tafel Thüringen e.V. MDR THÜRINGEN. Die Foodsharer greifen nur dann zu, wenn die Tafeln die Lebensmittel nicht wollen, zum Beispiel weil die Lebensmittelmengen dafür zu gering sind.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 21. Mai 2022 | 07:30 Uhr

7 Kommentare

MDR-Team vor 5 Wochen

Wir wissen nicht, ob es das in London auch gibt. In unserem Artikel steht aber, dass eine Foodsharing zuerst in Schweden mit dem Prinzip in Berührung kam. Dort nannte es sich "Sozialer Kühlschrenk". MfG

sorglos vor 5 Wochen

Ach ja es ist die spitzfindige Bürokratie, das Erfinden neuer Wortschöpfungen! Wenn ich etwas in den Müll werfen, dann habe ich das Eigentum daran aufgegeben. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn man nicht zwischen Containern und "Foodsharing" unterscheiden würde. Übrigens: gibt es in London oder Edinburgh eine Stelle, die sich "Lebensmittel (ver)-teilen" nennt?

Saxe vor 5 Wochen

Foodsharing: Jemand BEKOMMT etwas um es weiterzuverteilen. Der Gebende ist einverstanden.
Containern: Jemand NIMMT etwas WEG um es weiterzuverteilen (oder selbst zu gebrauchen). Der unfreiwillig Gebende ist nicht einverstanden.
Etwas jemandem anderen einfach weg zu nehmen sieht unsere Rechtsordnung nicht so gerne. Das gilt auch für Müll.

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