Wohnungsmarkt Erfurt: Aus der Wohnung auf die Straße gedrängt?

Sie sind die letzten Mieter mitten auf einer Großbaustelle in Erfurt. Direkt im Baulärm leben sie in kleinen Wohnungen teilweise ohne Wasser oder Heizung. Die Männer haben Schulden, psychische Probleme oder trinken zu viel. Sie erzählen, dass sie nun mit rabiaten Methoden "entmietet" werden - und ihnen die Obdachlosigkeit droht.

Detlef Hönick erhält nur eine kleine Rente.
Der Vermieter hat ihm das warme Wasser und die Heizung abgestellt, sagt Detlef Hönick. Er erhält nur eine kleine Rente. Deshalb ist es schwierig, eine neue Wohnung in Erfurt zu finden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kein warmes Wasser oder gar kein Wasser in der Wohnung. Die Heizung ist abgestellt und den ganzen Tag dröhnen Schlagbohrer. Teilweise bröckelt sogar der Putz von der Decke. Mitten auf einer Großbaustelle müssen die letzten Mieter in kleinen Wohnungen in der ehemaligen SED-Bezirksparteischule Erfurt leben.

Früher wurden dort kommunistische Kader geschult. Bis 2011 war das Gebäude Gästehaus der Landesregierung, dann haben es zwei Privatleute gekauft. Nun lassen sie es umbauen zu einer Ausbildungseinrichtung für den Zoll. Die letzten Mieter fühlen sich von ihrem Vermieter schikaniert und zum Auszug gedrängt.

Hartz-4-Empfänger ohne Wasser und ohne Heizung

Vier Männer sitzen in einer kleinen Wohnung auf dem Sofa.
Thomas Wirth (von links), Detlef Hönick und Gerd Schmidt finden keine neue Wohnung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich habe jetzt seit ungefähr zweieinhalb Jahren kein Wasser mehr zur Verfügung. Nachdem ein Wasserschaden aufgetreten ist durch defekte Fliesen", sagt Thomas Wirth. Sein Bad kann der Hartz-4-Empfänger nicht mehr benutzen. Der 42-Jährige ist in das Haus vor sieben Jahren eingezogen. Zuvor hatte er seine alte Wohnung verloren - wegen Mietschulden.

Seit dem 2. Mai hat Detlef Hönick kein warmes Wasser mehr, erzählt er MDR exakt. Der Vermieter "hat die Heizung abgestellt und das warme Wasser auch […]. Ohne Ankündigung". Auch Internet und Fernsehen seien ihm gekappt worden. Der 67-Jährige erhält nur eine geringe Rente von 775 Euro.

Nebenan wohnt Gerd Schmidt. Er lebt von Hartz-4 und seit acht Jahren in einer der 20-Quadratmeter-Wohnungen. Momentan sei es die "absolute Katastrophe. Es geht früh um achte los mit dem Lärm. Presslufthammer bis abends nach sieben. Du hast hier keine Ruhe." Es lief schon schlechter für ihn - im Gefängnis und im Obdachlosenheim. Dieses Zimmer - das sind wenigstens seine eigenen vier Wände.

Schulden und Probleme mit Alkohol

Ein Loch in der Decke des Badezimmers.
Ein Loch in der Decke des Badezimmers. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch die letzten Mieter in der ehemaligen SED-Schule sollen offenbar möglichst schnell raus. Sie fühlen sich vom Eigentümer drangsaliert. Doch ausweichen können sie nicht. Diese Männer finden keine neue Wohnung: Sie sind mittellos, haben Schulden, psychische- oder Suchtprobleme mit Alkohol.

"Das sieht schon echt gruselig aus", sagt die Linken-Landtagsabgeordnete Karola Stange bei einer Begehung der Wohnung von Thomas Wirth. Bei dem Mann ist ein Loch in der Decke des Badezimmers. "Baustelle, ohne Wasser. Menschenwürde ist anders." Karola Stange sitzt auch im Sozialausschuss der Stadt Erfurt und beschäftigt sich schon lange mit der Situation der Mieter in der Alten Parteischule.

Die haben keine Lobby, sagt Stange und seien deshalb den Zumutungen des Vermieters schutzlos ausgeliefert. "Wenn es Menschen wären, die nicht so auf der negativen Seite des Lebens stehen würden, die hätten sich das alles nicht gefallen lassen." Besser situierte Menschen hätten sich einen Anwalt nehmen können oder das Geld für den Mieterverein bezahlen können. "Aufgrund ihrer Gesamtsituation ist es ihnen nicht möglich gewesen, sich zu wehren."

Linke- und AfD-Politiker besichtigen Wohnungen der Mieter

Die ehemalige SED-Schule in Erfurt ist in ein Baugerüst eingekleidet.
Die ehemalige SED-Schule soll zu einer Ausbildungstätte für den Zoll umgebaut werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Hausbesitzer hat zum Umgang mit den letzten Mietern keine Stellung bezogen, ein Interview lehnt er ab. Eine schriftliche Anfrage bleibt unbeantwortet, auch ein Telefonat kommt nicht zustande. Während der Dreharbeiten von MDR exakt im Haus tauchte er plötzlich auf. Doch auch da wollte er kein Interview geben. Obwohl die Mieter die Journalisten eingeladen haben, sollen die jetzt verschwinden.

Thomas Wirth hatte in seiner Verzweiflung noch andere Fraktionen im Erfurter Stadtrat um Hilfe gebeten. Die AfD hat darauf reagiert und sich die Umstände vor Ort angesehen. AfD-Stadtrat Sascha Schlösser fordert, das Problem zur Chefsache zu machen: "Es ist kein Zustand. Hier muss dringend eine Lösung gefunden werden, am besten mit der Unterstützung des Oberbürgermeisters."

Günstige Wohnungen seien auf Markt kaum vorhanden

Doch warum können die Mieter keine neue Wohnung finden, obwohl doch fast alle Hartz-4 beziehen und die Kommune die Miete zahlt? Für die 20-Quadratmeter-Wohnung sind es 250 Euro. "Die Stadt hat wenig Einflussmöglichkeiten", erklärt die Erfurter Sozialbürgermeisterin, Anke Hofmann-Domke (Linke). Die Stadt sei immer wieder aufgefordert worden, diesen Menschen andere Wohnungen anzubieten. Doch das sei gar nicht so einfach. "Der Wohnungsmarkt ist dicht, vor allen Dingen bei niedrig preisigem Wohnraum."

Menschen mit hohen Mietschulden oder negativer Schufa fallen durchs Raster - auch bei den kommunalen Wohnungsgenossenschaften. Detlef Hönick hat als einziger Glück und eine neue Wohnung gefunden. Dagegen wird Gerd Schmidt am Ende des Monats wahrscheinlich sein Zimmer verlieren. Danach bleibt ihm nur noch ein Bett in der Obdachlosenunterkunft. "Da war ich aber schon mal. Zwei Jahre lang. Da will ich nicht noch mal hin", sagt er.

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Quelle: MDR exakt/ mpö

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