Natur Wenn das Insektenzählen zum Insektensuchen wird: Ein Erfahrungsbericht

Der Naturschutzbund Deutschland bittet zum vierten Mal zur Insektenzählung. Mitmachen kann jeder, notiert wird eine Stunde lang alles, was sechs Beine hat. MDR THÜRINGEN hat in Erfurt mitgezählt. Welche und wie viele Insekten wir gefunden haben und warum die Zählung wichtig ist.

Eine Hummel sitzt auf einer violetten Blüte.
Eine Hummel nascht an einer Kornblume Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Es ist ein warmer Sommertag, fast schon heiß, windstill und ein bisschen schwül. Ideal zum Insektenzählen. Zumindest schreibt mir das Jürgen Ehrhardt vom Naturschutzbund (Nabu) Thüringen e.V.: "Ein sonniger, warmer, windstiller und trockener Tag eignet sich am besten zum Beobachten von Insekten."

Hummel auf Blüte 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Fr 04.06.2021 19:00Uhr 02:00 min

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Also gut. Ich lege Papier, Stift und Kamera bereit, mein siebenjähriger Sohn und seine Freundin machen sich mit Lupe und Becher bereit - sie möchten mitzählen. Wir gehen auf die Wiese hinter dem Haus, dorthin, wo es auch einen kleinen Garten gibt. Pfefferminze, Margariten, Erdbeeren und Kornblumen blühen hier, auf der Wiese Gänseblümchen, Klee und Butterblumen.

Zwei Kinder auf einer Wiese suchen Insekten.
Insekten sind gar nicht so leicht zu finden. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Zuerst eine Feuerwanze entdeckt

Natürlich gibt es hier eine Menge Insekten, denken wir. Und sind hochmotiviert. Das erste Krabbeltier, das die Kinder finden, ist eine Feuerwanze. Außerdem sehen wir eine Menge Blattläuse. Auf einer Margarite sitzt ein kleiner schwarzer Käfer. "Jeder gesichtete Sechsbeiner soll gezählt und gemeldet werden", schreibt Jürgen Ehrhardt. Wir haben eine Stunde Zeit, auf einer Fläche von ungefähr 20 Quadratmetern alles zu zählen, was da krabbelt und fliegt. Sofern es sechs Beine hat.

Insekten lassen sich fast überall zählen

Aber wozu eigentlich? Jürgen Ehrhardt vom Nabu antwortet: "Mit dem Insektensommer möchten wir Menschen für Insekten und deren Lebensweisen sensibilisieren und wichtige Daten über ihr Vorkommen erheben." Jeder könne dabei mitmachen, und fast überall könne beobachtet und gezählt werden: im Garten, auf dem Balkon, im Park, auf der Wiese, im Wald, auf dem Feld, am Teich, am Bach oder am Fluss.

Ein Junge zeigt auf ein Insekt in einem Garten.
Dort sitzt ein Käfer auf einem Blatt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Wir versuchen zu beobachten und hören es summen, aber wir sehen nichts. Bisher ist das hier kein Insektenzählen, sondern ein Insektensuchen. Und so dauert es nicht lange, bis die Kinder keine Lust mehr haben. Wo sind die Bienen, Hummeln und Marienkäfer? Wo sind die Schmetterlinge?

Endlich eine Hummel!

Ameisen sind auch Insekten, denke ich mir, und mache Striche auf meinem Zettel. Und dann, endlich, entdecke ich eine Hummel. Sie fliegt zügig von Blüte zu Blüte, als hätte sie es besonders eilig. Wie schön, dass sie da ist, denke ich. Denn viele Hummelarten sind auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten zu finden. Sie sind besonders streng geschützt.

Eine grüne Fliege sitzt auf einem Blatt.
Jede Fliege zählt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Als ich eine schillernd-dunkelgrüne Fliege entdecke, freue ich mich richtig. Einfach, weil sie die einzige ihrer Art hier ist. Kann es sein, dass es in meiner Kindheit mehr Insekten gab? Mehr Fliegen zumindest? Ja. Seit dem vergangenen Jahr sei der Schwund der Insekten wissenschaftlich belegt, schreibt Jürgen Ehrhardt. Seitdem habe auch das öffentliche Interesse für die Sechsbeiner zugenommen. Im vergangenen Jahr beispielsweise hätten sich bundesweit über 16.000 Menschen an der Insektenzählung beteiligt.

Eine Hummel im Flug.
Eine Wildbiene sucht Nektar. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Ich mache zum ersten Mal mit. Nach einer dreiviertel Stunde habe ich eine Marienkäferlarve, mehrere Fliegen und noch ein paar Feuerwanzen entdeckt. Sogar eine Wildbiene, die taumelnd von Pfefferminzblüte zu Pfefferminzblüte flog, war dabei. Inzwischen hat sich der Himmel zugezogen. Kaum ist die Stunde um, beginnt es zu regnen.

Natur Zum Durchklicken: Insekten und wo sie zu finden sind


Eine Wildbiene fliegt neben einer Pfefferminzblüte.
Die Hummel ist im Anflug auf eine Minzblüte. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Eine Wildbiene fliegt neben einer Pfefferminzblüte.
Die Hummel ist im Anflug auf eine Minzblüte. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Eine Feuerwanze sitzt auf einer grünen Blüte.
Feuerwanzen finden wir häufig. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Eine grüne Spinne sitzt auf einem Blatt neben ihrem Netz.
Auch die Spinne wartet auf Insekten. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Zwei Fliegen sitzen unter einem Blatt.
Gleich zwei Fliegen auf einmal. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Eine Kellerassel und eine Feuerwanze laufen nebeneinander auf dem Erdboden.
Einträchtig nebeneinander: Kellerassel und Feuerwanze. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Ein kleiner schwarzer Käfer sitzt auf einem großen Blatt.
Was ist das für ein Käfer? Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
Ein Blütenstengel voller Blattläuse und Ameisen.
Blattläuse gibt es mehr als genug. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler
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Zwei kleine Käfer sitzen auf einer Margarite.
Die schwarzen Käfer fallen vor dem Gelb der Margarite besonders auf. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Im Nachgang trage ich die gezählten Insekten und den genauen Standort in das Meldeformular auf der Website des Nabu ein. Die "Entdeckerfrage" (Wie viele Marienkäfer konnten Sie zählen?) muss ich leider mit "0" beantworten. Auch bei den verschiedenen Schmetterlingen, der Steinhummel und der Florfliege trage ich eine Null ein. Meine Bilanz nach einer Stunde Insektensuchen: sechs kleine schwarze Käfer, mindestens zehn Ameisen, sehr viele Blattläuse, fünf Feuerwanzen, vier Fliegen, zwei Hummeln, eine Wildbiene, eine Schwebfliege und die Marienkäferlarve.

Jedes Insekt hat seinen Nutzen

Jürgen Ehrhardt tröstet mich. "Dass bestimmte Arten nicht entdeckt werden, hängt von verschiedensten Faktoren ab", schreibt er mir. Zum Beispiel vom Blütenangebot, dem Wetter und der Jahreszeit. Außerdem hätten Insekten wie Blattläuse, Ameisen, Fliegen und Mücken wichtige Aufgaben im Ökosystem und hielten es im Gleichgewicht.

"Um es kurz an einem Beispiel zu erklären", schreibt Jürgen Ehrhardt, "Ameisen ernähren sich von den Ausscheidungen der Blattläuse, Blattläuse dienen den Larven der Florfliegen als Nahrungsquelle, Florfliegen und Ameisen werden wiederum von einigen Vogelarten als Nahrung benötigt."

Jedes kleine Insekt hat also seinen Nutzen. Noch bis zum 13. Juni können die Sechsbeiner gezählt werden, im August gibt es noch einmal eine Insektenzählung. Dann vielleicht sogar mit ein paar Schmetterlingen und Marienkäfern?

Große Insektenaugen, Nahaufnhame einer Libelle 45 min
Bildrechte: Matthias Vorndran

MDR Wissen Sa 05.06.2021 13:15Uhr 44:33 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR Thüringenjournal | 04. Juni 2021 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

THOMAS H vor 15 Wochen

Anni22: Wenn die Nahrungskette vom kleinen Insekt (jedes hat seine Bestimmung) bis z. B. Rebhuhn ("Nahrung besteht aus Sämereien von vielen verschiedenen Wildkräutern, Insekten, Würmern, Spinnen und auch schon mal einer Schnecke", Quelle: brodowski-fotografie), aber auch anderem Getier, vorhanden wäre, würde m. M. manche chemische "Waffe" nicht notwendig sein.
In Bezug Rentabilität müsste m. M. gefragt werden: Ist heute, in Deutschland ein bäuerlicher Betrieb, ohne Subventionen, überhaupt noch rentabel und für was werden die Subventionen überhaupt (Bewirtschaftete Fläche bis an Straßenrand? Brachflächen? usw?) bezahlt?

Anni22 vor 15 Wochen

Das Problem besteht übrigens weltweit, denke auch hier wieder das Problem, der Mensch beansprucht einfach zu viel Fläche für sich (Wohnen, Landwirtschaft, Verkehr, usw.) Man sollte erstmal festlegen, dass jedes Land 10 % (gerne auch mehr) seiner Fläche ausschließlich der Natur überlasen sollte. Das würde allen Arten gut tun.

Anni22 vor 15 Wochen

C.T das ist mir schon klar, die Frage ist nur, was genau sollen die Bauern tun? Und ist der Betrieb dann noch rentabel? Können die Landwirte ohne Chemie genug produzieren, damit genug Lebensmittel vorhanden sind? Wobei man sicher noch zwischen Insektenvernichtern (Glyphosat) und anderer Chemie unterscheiden sollte. Bin da auch kein Experte, aber vielleicht wären die Landwirte für machbare Alternativen zu begeistern.

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