Katholische Kirche Bisher 54 Opfer von sexuellem Missbrauch im Bistum Erfurt bekannt

Vor drei Jahren hatte die katholische Kirche in Deutschland eine Studie zu sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Priester und Kirchenmitarbeiter vorgelegt. Seitdem sind im Bistum Erfurt weitere Fälle bekannt geworden. Eine Kommission soll nun die Fälle im Einzelnen aufarbeiten und nach möglichen strukturellen Ursachen in der Kirchenorganisation suchen.

Innenraum des Erfurter Doms
Innenraum des Erfurter Doms. Erfurt ist Bischofssitz des gleichnamigen Bistums. Bildrechte: MDR/Christiane Höhne

Dem Bistum Erfurt sind bislang 54 Opfer sexualisierter Gewalt durch Priester und Mitarbeiter der katholischen Kirche bekannt. Das sagte Bischof Ulrich Neymeyr am Donnerstag in Erfurt. Das sind fast doppelt so viele, als bislang bekannt. Auch die Zahl der Beschuldigten habe sich auf 41 erhöht. Bei 20 von ihnen handele es sich um Priester, von denen aber einige bereits verstorben sind.

Mehrzahl der Vorfälle zu DDR-Zeiten

Neymeyr präsentierte am Donnerstag aktuelle Zahlen, die seit der Veröffentlichung eines Berichts über sexuellen Missbrauch Minderjähriger in der katholischen Kirche vor drei Jahren ermittelt worden sind. Damals waren 30 Opfer bekannt. Seitdem hätten sich weitere Betroffene gemeldet, sagte der Bischof. Die meisten Vorfälle hätten sich in der Zeit der DDR bis in die 1980er-Jahre zugetragen.

Bischof bittet Betroffene um Mitwirkung in Kommission

Eine unabhängige Kommission des Bistums soll nun das Thema aufarbeiten. Neymeyr rief Betroffene dazu auf, in dem Gremium mitzwirkungen. Einer der fünf Plätze darin solle für Betroffene vorgesehen sein. Außerdem sollen der Kommission zwei unabhängige Experten aus Justiz und Wissenschaft sowie zwei Mitarbeiter der Bistumsverwaltung angehören - je einer aus dem Archiv und der Justizabteilung. Die Kommission soll Hinweisen auf weitere Missbrauchsfälle nachgehen und mögliche strukturelle Ursachen für sexualisierte Gewalt offen legen. Zudem werde sie sich mit dem Umgang bekanntgewordener Fälle durch das Bistum beschäftigen, sagte Neymeyr. Er hoffe, dass die Kommission noch vor der Sommerpause mit der Arbeit beginnt.

Ulrich Neymeyr, Bischof des Bistums Erfurt, spricht auf einer Pressekonferenz.
Bischof Ulrich Neymeyr: "Ich bitte alle Betroffenen, sich zu überlegen mitzuwirken in der Kommission." Bildrechte: dpa

Aktuell ein Ermittlungsverfahren

Nach Angaben des Bischofs ist der jüngste Fall im Jahr 2014 publik geworden. Aktuelle laufe eine staatliches Ermittlungsverfahren gegen einen bereits pensionierten Priester. In einem anderen Verfahren habe die Staatsanwaltschaft die Verjährung der Taten festgestellt. Dem Mann, auch er ein Kleriker im Ruhestand, sei im folgenden kirchlichen Verfahren verboten worden, öffentliche Gottesdienste zu feiern, sagte Generalvikar Raimund Beck.

Karte Bistum Erfurt
Das Bistum Erfurt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit rund 140.000 Gläubigen ist das Bistum Erfurt eines der kleinsten in Deutschland. Es wurde 1994 gegründet. Bis dahin waren die Gebiete des Bistums den Bistümern Fulda und Würzburg zugeordnet - auch zu DDR-Zeiten. Das Bistum Erfurt umfasst flächenmäßig den größten Teil Thüringens, mit Ausnahme der Region Geisa (Bistum Fulda) und Teilen Ostthüringens (Altenburg, Gera, Stadtroda, Zeulenroda-Triebes), die zum Bistum Dresden-Meißen gehören.

Quelle: MDR/dr, epd, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. März 2021 | 19:00 Uhr

24 Kommentare

Tschingis vor 4 Wochen

@Sachsin
Haben Sie den Artikel wirklich gelesen? Hier wird der Mißbrauch an Minderjährigen benannt. Es ist vollkommen egal ob nur "ein Küsschen" oder mehr. Es geht darum dass Erwachsenen sich an Kinder heranwagen und dabei ihre Machtposition ausnutzen.

Critica vor 4 Wochen

Ilo, es gibt natürlich auch (sexuellen) Missbrauch in anderen Bereichen: im Sport, in Pflegeheimen, in Gefängnissen, im häuslichen Bereich, meist da, wo Abhängigkeiten sind. Selbst ein katholischer Priester hat als Gefängnisseelsorger in Thüringischen Tonna einen Gefangenen sexuell missbraucht und ihm für seine "Gefälligkeiten" ein Handy eingeschleust. War zum Zeitpunkt des Geschehens in allen Zeitungen zu lesen.
Sie sehen, das Thema ist unerschöpflich. Man muss den Opfern nur Mut machen, sich - wenn möglich - zu wehren oder Anzeige zu erstatten.

Sachsin vor 4 Wochen

wie wird missbrauch ermittelt? geschah das auch beim sogenanntem Kirchenasyl? war zielgerichtet bestimmtes Alter betroffen? waren Jungen und Mädchen betroffen oder nur leute in der Beichte - hier sollte unbedingt aufgeklärt werden

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