Ohne Tests, keine Tests Corona-Tests für Kinder: Erfurter Kindergarten beklagt Organisation

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Seit Montag sollen sich Schulkinder in Thüringen zwei Mal pro Woche selbst auf Corona testen. Auch für Kindergartenkinder ab drei Jahren sollten die Tests beginnen, so das Bildungsministerium. In vielen Kindergärten hingegen fehlen noch Tests, Informationen und Zusagen. Denn anders als bei den Schulen werden die Tests bisher nicht zentral beschafft. Ein Erfurter Beispiel.

Kinder sitzen an einem Tisch
Kinder im Kindergarten "Ache Noah" in Erfurt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Auf dem Spielplatz des Kindergartens "Arche Noah" im Erfurter Norden toben gerade die Kinder. Es ist kurz vor Mittag. Keines der Kinder wurde heute getestet. Denn es gibt keine Tests, sagt Frank Born. Er ist im Kindergarten der ehrenamtliche Trägervertreter der evangelischen Kirche Erfurt Gispersleben. In der vergangenen Woche hatte er einen offenen Brief an Bildungsminister Holter geschrieben. Von dem hörte er zwar nichts, doch zahlreiche Leser meldeten sich bei Born, so erzählt er. In seinem Brief hieß es: "Träger und Leitungen sitzen im ‚Tal der Ahnungslosen‘. So gibt es zu Testungen für Fachpersonal und Kinder immer wieder neue, allerdings nur vorläufige Aussagen, auf die wir nicht mehr bauen mögen, weil sie sich fast stündlich ändern können."

Born kritisiert die Kommunikation mit den Kindergärten und findet das Test-Konzept des Landes nicht durchdacht. "Wir sollen nur die Kinder ab drei Jahren testen. Das sind von unseren 160 Kindern in dieser Einrichtung ungefähr 80. In altersgemischten Gruppen sind sie aber mit den Zweijährigen zusammen. So mischen sich getestete und ungetestete Kinder. Dann nützt das ganze Testen nichts", so Born. Er fühlt sich schlecht informiert und kritisiert, dass manche Regelungen "vom Büro aus gedacht" seien.

Ein Mann mit Brille auf einem Spielplatz
Frank Born vom Kindergarten "Arche Noah" in Erfurt Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

"Ein ganz wichtiges Problem: Wenn wir Kinder testen, muss das geschehen, bevor sie das Gebäude betreten. Und dann müssen sie eine Viertelstunde warten - mit ihren Eltern, ob sie vielleicht wieder mit nach Hause genommen werden müssen. Wo sollen wir die alle lassen? Für 80 Kinder - die zwischen halb acht und halb neun zu uns kommen - da haben wir den Platz gar nicht. Es ist weder räumlich noch personell für uns leistbar", erklärt Born.

Geld vorstrecken

Der 73-Jährige war in seinem früheren Leben bei einer großen Bank angestellt. Er kann gut mit Zahlen umgehen und überschlägt, wenn jedes Kind über drei Jahre pro Woche zwei Tests brauche und das Geld vierteljährlich erstattet würde, müsste der Kindergarten locker siebeneinhalb Tausend Euro pro Quartal vorstrecken. "Kleine Träger wie unsere Kirchgemeinde oder zum Beispiel eine Elterninitiative verfügen überhaupt nicht über die Kapitaldecke, um das vorzufinanzieren", sagt Born. Das Geld fehlt dann (erstmal) für Bücher, Spielsachen und andere Medien. Er fürchtet, dass der Kindergarten lange auf das Geld warten muss - das vom Land erstattet werden soll.

Felix Knothe, Sprecher im Bildungsministerium, versucht zu beruhigen: "Wir wollen natürlich erreichen, dass es kein super bürokratisches Erstattungsverfahren wird, sondern dass man dann auch als kleiner Träger möglicherweise einen schnellen Weg findet, diese Kosten erstattet zu bekommen. Doch wer in der Pandemie darauf wartet, dass eine rechtliche Regelung die Finanzierung bis ins kleinste Detail sofort klärt, der hat Pandemie noch nicht im Wesen verstanden." Wer jetzt noch keine Tests habe, müsse sich kümmern. "Es ist jetzt höchste Zeit", so der Ministeriumssprecher.

Felix Knothe
Felix Knothe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gespräche über zentrale Beschaffung

Er berichtet von Gesprächen mit dem Deutschen Roten Kreuz. Es werde daran gearbeitet, dass auch die Tests für die Kindergärten möglicherweise zentral beschafft werden könnten. So wie es auch bei den Schulen der Fall ist. Ob das klappt, steht noch nicht fest.

In den vergangenen Wochen habe es immer wieder Treffen von Bildungsministerium und den großen Kindergartenträgern gegeben. Dazu zählen die Mitglieder der Wohlfahrtspflege (wie AWO, Caritas, Diakonie) und auch der Gemeinde- und Städtebund. Denen sei bekannt gewesen, dass sie Tests organisieren müssen, so Knothe. In einem Statement erklärte der Präsident des Gemeinde- und Städtebundes, Michael Brychcy, ohne etwas "Schriftliches" nicht handeln zu können. Er verlangte, dass das Land die Tests für die Kindergärten zentral einkaufe.

Ministeriumssprecher Knothe hat Verständnis, dass Tests " schwierig zu organisieren" seien. Doch er spricht von einer "unterschiedlichen Lage im Land". So gibt es laut Knothe "Landkreise, in denen die Kita-Träger oder die Landkreise tätig geworden sind und bei der Beschaffung unterstützt haben. Der Ilm-Kreis hat beispielsweise die richtigen Konsequenzen gezogen und sich einen Kopf gemacht, wie er an Schnelltests für die Kindergärten kommt. Das ist ohne Vorwurf in eine andere Richtung formuliert. Es ist eine Anerkennung für eine Kommune, die offensichtlich die Zeichen der Zeit verstanden hat", sagt Knothe.

Landrätin Petra Enders liest Kindern etwas vor
Die Landrätin des Ilm-Kreis, Petra Enders, besucht einen Kindergarten. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Doreen Huth

Beispiel Ilm-Kreis

Landrätin Petra Enders (parteilos) hat in ihrem Landkreis 59 Kindergärten mit sogenannten Lolli-Tests ausgestattet. Es sind die Kindergärten, die Kinder ab drei Jahren betreuen. Die ersten Corona-Tests wurden am Freitag verteilt. 20.000 Stück hat der Ilm-Kreis geordert und kümmert sich aus Eigeninitiative in einem Modellprojekt darum, dass in den Kindergärten getestet werden kann. Dabei habe der Kreis keinen Unterschied gemacht zwischen den Trägern, sondern alle Kindergärten ausgestattet, so Enders. Die Tests sollen bis zum 24. April reichen. Dann läuft die Thüringer Corona-Verordnung aus, in der Tests im Kindergarten noch nicht verankert sind, so Enders.

"Das Land darf aber nicht nur die Schulen betrachten, es muss auch die Kindergärten berücksichtigen. Wir haben ja auch viele Geschwisterkinder - die einen gehen in die Schule, die anderen in den Kindergarten", so Enders.

Eine erste Rückmeldung zu den Tests in den Ilm-Kreis-Kindergärten am Montag sei recht unterschiedlich ausgefallen. In manchen Kindergärten hätten "90 Prozent der Eltern" einem Test zugestimmt, in anderen sei die Zustimmung "sehr gering" gewesen. Im Laufe der Woche solle ausgewertet werden, wie die Tests angenommen werden. Enders sagt aber: "Wir sind ein Landkreis mit hoher Inzidenz. Wenn wir die Schulen und Kindergärten offen halten wollen, brauchen wir die Tests. Ich bin deshalb auch für eine Testpflicht. Es ist wichtig, dass alle mitmachen", so Enders weiter.

 

Kinderrucksäcke hängen im Eingangsbereich in einem Kindergarten
Für Corona-Tests von Kita-Kindern gibt es in Thüringen noch offene Fragen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Wer soll wie testen?

In einem Elternbrief, der MDR THÜRINGEN vorliegt, bittet der "Paritätische" als Kindergarten-Träger die Eltern noch um Geduld. Darin heißt es, genaue Informationen zu den Tests an Kindergärten fehlten noch (Stand 8. April). Die Eltern würden informiert, wenn das Land genaue Vorgaben gemacht habe und der Träger Konzepte erstellt habe. Der Plan sei aber, dass die Eltern die Kinder testen.

Darüber hat sich Frank Born auch Gedanken gemacht. Denn von einer Familie hat er schon ein "striktes Verbot" bekommen, einen Corona-Test bei einem Kindergartenkind zu machen. Er fragt sich auch, ob die Erzieher eine Schulung für die Tests bekommen, ob auch sie Vollschutz tragen sollen, was bei Verletzungen passiert.

Auf die Frage, ob er vielleicht grundsätzlich etwas gegen Corona-Tests hat, schüttelt er vehement den Kopf. Frank Born findet die Tests für alle Kindergartenkinder sinnvoll, eine zentrale Organisation auch. Nur wie es gerade läuft - das nicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 12. April 2021 | 18:20 Uhr

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