Vor 20 Jahren Fünf verdeckte Ermittler gegen Mafia in Thüringen aktiv

Nicht nur einer, sondern fünf verdeckte Ermittler waren offenbar in einem Verfahren gegen die kalabrische Mafia in Thüringen eingesetzt. Das wurde am Freitag in einer Sitzung des Justizausschusses im Landtag bekannt. MDR THÜRINGEN und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) hatten zuvor aufgedeckt, dass Bundeskriminalamt und Thüringer Landeskriminalamt vor 20 Jahren einen verdeckten Ermittler in eine Gruppe der 'Ndrangheta in Erfurt eingeschleust hatten.

Der Einsatz von verdeckten Ermittlern in einem großen Mafia-Verfahren in Thüringen war umfangreicher als bisher bekannt. Nach MDR THÜRINGEN-Informationen waren fünf verdeckte Ermittler vom Bundeskriminalamt in dem Verfahren FIDO aktiv. Das wurde am Freitag in der Sitzung des Justizausschusses im Landtag bekannt. Das Verfahren richtete sich in den Jahren 2000 bis 2006 gegen mutmaßliche Mitglieder einer Zelle der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta in Thüringen.

Damalige Akten zu verdeckten Einsätzen vernichtet

Das Justizministerium teilte im Ausschuss mit, dass zwischen Februar und Mai 2001 der Einsatz von fünf Ermittlern beantragt und richterlich genehmigt worden war. Ob die Undercover-Beamten dauerhaft im Einsatz waren, kann aktuell nicht nachvollzogen werden, da dazu keine Unterlagen mehr vorliegen. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN sind alle damals angelegten Akten zu den verdeckten Einsätzen in der Staatsanwaltschaft Gera vernichtet worden.

Die Justizpolitische Sprecherin der SPD, Dorothea Marx, sagte MDR THÜRINGEN am Rande der Sitzung, dass noch Fragen offen seien. Besonders der abgebrochene Einsatz eines verdeckten Ermittlers müsse im Detail aufgeklärt werden, so Marx. Zudem wolle sie wissen, ob in anderen Behörden noch Unterlagen zu den verdeckten Operationen vorliegen. In der Sitzung war unter anderem auch der heutige Leiter der Staatsanwaltschaft Gera, Steffen Flieger, dabei. Er hatte zwischen 2000 und 2002 das Verfahren FIDO geleitet. Er wurde zum Einsatz eines besonderen verdeckten Ermittlers befragt, den das BKA in die Mafia-Zelle einschleusen konnte.

Einsatz nach mehreren Einladungen in Mafia-Hochburg abgebrochen

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) wurde sein Einsatz 2002 abgebrochen, weil er nicht auf eine Auslandsreise nach Italien mit seinen mutmaßlichen Mafia-Kontakten fahren sollte. So soll er mehrfach Einladungen nach Kalabrien und in die Mafia-Hochburg San Luca bekommen haben. Diese konnte er aber immer ablehnen, um eine Auslandsreise vermeiden zu können. Doch dann hätte er die Einladung irgendwann annehmen müssen, damit die Mafia-Kontaktleute nicht misstrauisch werden würden, heißt es aus dem Justizausschuss.

Das Bergdorf San Luca in Italien aus der Vogelperspektive.
Das Bergdorf San Luca in Italien gilt als Mafia-Hochburg. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Nach Angaben von Ausschussteilnehmern habe Flieger erklärt, dass für diesen Auslandseinsatz ein Rechtshilfeersuchen an die italienischen Behörden hätte gestellt werden müssen. Doch damit wäre der Personenkreis, der von der Existenz des verdeckten Ermittlers wusste, unnötig vergrößert worden. Deshalb hätten sich alle Beteiligten damals gegen den Auslandseinsatz entschieden. In der Folge habe das BKA dann den verdeckten Ermittler abgezogen, weil es durch die verhinderte Reise um die Tarnung des Beamten fürchtete. Alle weiteren verdeckten Operationen wurden daraufhin beendet und das Verfahren ohne Ergebnis 2006 endgültig eingestellt.

Kein Streit unter Behörden - laut Aussage im Justizausschuss

Flieger soll vor dem Ausschuss erklärt haben, dass es in diesem Zusammenhang keinen Streit unter den Behörden gegeben habe. Damals beteiligte Ermittler hatten MDR THÜRINGEN und FAZ über Kompetenzgerangel und Streit um den Auslandseinsatz des verdeckten Ermittlers berichtet. Die Veröffentlichungen dazu hatten dafür gesorgt, dass es zu Befassungen im Innen- und Justizausschuss gekommen war. MDR THÜRINGEN und FAZ hatten im Vorfeld ihrer Berichte von Mitte Februar sowohl die Staatsanwaltschaft Gera als auch Oberstaatsanwalt Flieger zu den gesamten Vorgängen von damals angefragt. Beide wollten keine Stellungnahmen abgeben.

Zwei Männer sitzen in einem Schnittraum. 39 min
Bildrechte: MDR/Hemmerling

Zwei Jahre lang spürten Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling der 'Ndrangheta nach; Sie trafen Ermittler und reisten nach Italien. Wie man gegen die Mafia recherchiert, erzählen sie im Interview mit Andreas Kehrer.

Das Erste Mo 22.02.2021 22:50Uhr 38:44 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/audio-interview-ludwig-kenzia-axel-hemmerling-italienische-mafia-recherche-100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 05. März 2021 | 16:00 Uhr

1 Kommentar

Frank2020 vor 6 Wochen

Echt jetzt? 5 Ermittler vor 20 Jahren? Ich bin wahrscheinlich zu ungebildet, um in den damaligen Vorfällen das Ungeheuerliche zu erkennen, was die derzeitige Beschäftigung diverser Institutionen mit diesem alten Hut rechtfertigt. Allerdings macht unser Land jetzt eine große Kriese durch und ich frage mich, sollte der MDR nicht besser den Finger in die unzähligen aktuellen offenen Wunden legen?

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