Kommission geplant Bistum Erfurt will sexuellen Missbrauch aufarbeiten

Das katholische Bistum Erfurt will eine Kommission einsetzen, die Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Priester und Mitarbeiter der Kirche untersuchen soll. Laut bisherigen Studien wurden im Bereich des heutigen Bistums seit 1946 30 Kinder von Klerikern oder Mitarbeitern missbraucht.

Erfurter Dom
Der Erfurter Domberg mit Dom St. Marien und St. Severi Kirche Bildrechte: MDR/Lina Jünger

Dass katholische Priester und Ordensangehörige Kinder und Jugendliche missbraucht haben, gehört wohl zu den dunkelsten Kapiteln der neueren Geschichte der katholischen Kirche. Doch auch ihr Umgang damit stößt bei den Betroffenen, aber auch bei Kirchenmitgliedern, auf absolutes Unverständnis. Statt transparenter Aufarbeitung werden Informationen mit fragwürdigen juristischen Argumenten zurückgehalten. Es sieht so aus, als wolle die Kirche die Täter und die Verdächtigen schützen.

Bundesweite Studie

Das ist nicht überall so. Die Bistümer in den neuen Bundesländern gehen völlig anders mit der Problematik um. Im September 2018 wurde bundesweit die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" – kurz MHG-Studie – vorgestellt. Erforscht wurden bei 1.670 Klerikern Hinweise auf sexuellen Missbrauch von 3.677 Kindern und Jugendlichen.

Kardinal Reinhard Marx und Bischof Stephan Ackermann
25.09.2018, Kardinal Reinhard Marx (l.), Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und der Trierer Bischof Stephan Ackermann stellen in Fulda die Studie zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch Mitarbeiter der katholischen Kirche vor. Bildrechte: dpa

Priester strafversetzt - ohne Information ans neue Bistum

Zehn der 1.670 Missbrauchsfälle durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige betrafen das Bistum Erfurt. Das sei mehr als man befürchtet habe, sagte Generalvikar Raimund Beck bei der Vorstellung der Studie. Untersucht wurde die Zeit zwischen 1946 und 2014. Zehn Jungen und zwei Mädchen, zum Tatzeitpunkt zwischen acht und zwanzig Jahre alt, waren nach Becks Angaben betroffen. Die Mehrzahl der Übergriffe ereignete sich vor 1980.

Sieben Verdächtige waren bereits verstorben, ein Fall war verjährt, in einem weiteren sah die Staatsanwaltschaft keine Straftat, und ein Priester war vom Amtsgericht Sömmerda zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Dagegen wehrte sich der Mann, bevor das Landgericht Erfurt seine Berufung entschied, verstarb er. Der Priester war wegen sexueller Verfehlungen im Bistum Fulda strafversetzt worden. Der damalige Personalverantwortliche konnte sich in seiner Zeugenvernehmung nicht mehr erinnern, ob man dem Bistum Erfurt den Grund für die Versetzung rechtzeitig explizit mitgeteilt hatte.

Hinzu kommt der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kirchenmitarbeiter, die keine Priester waren. 12 Beschuldigte gibt es, sie sollen drei Jungen und 15 Mädchen missbraucht haben. Die Studie von 2018 benennt als 30 Opfer im Bistum Erfurt zwischen 1946 und 2014.

Öffentliche Entschuldigung

Bei der Pressekonferenz im September 2018 entschuldigten sich die Bistumsvertreter bei den Opfern für das Leid, das ihnen durch Kirchenmitarbeiter, Priester und Ordensangehörige angetan wurde. Gleichzeitig rief der Erfurter Bischof Opfer, die bisher aus Scham geschwiegen hätten, sich zu melden. Zwei Beauftragte, ein Mann und eine Frau, wurden benannt, an die man sich wenden könne. Zudem nahm sich das Bistum noch einmal alle verfügbaren Akten vor, die nicht Teil der Studie waren.

Neues Verfahren

Gleich nach der Veröffentlichung der Studie meldete sich ein weiteres Opfer mit konkreten Vorwürfen gegen einen Priester. Das Bistum Erfurt erstattete sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Mühlhausen und informierte die Öffentlichkeit. Die Taten sollen sich zwischen 1962 und 1965 im heutigen Kyffhäuserkreis ereignet haben. Der Beschuldigte lebe seit Jahren im Ruhestand und sei nicht mehr seelsorgerisch tätig, so das Bistum. Der Mann bestritt die Vorwürfe, das Strafverfahren wurde wegen Verjährung eingestellt.

Dr. Ulrich Neymeyr, Bischof des Bistums Erfurt, spricht im Bischöflichen Ordinariat.
Ulrich Neymeyr, Bischof des Bistums Erfurt Bildrechte: dpa

Bischof Ulrich Neymeyr leitete ein kirchliches Verfahren ein. Er verbot dem beschuldigten Priester Kontakte zu Minderjährigen. Außerdem darf der Mann keine Gottesdienste leiten oder Sakramente spenden.

Verhalten bekannt

In der Personalakte gab es keine Hinweise. Außerhalb der Personalakte sei jedoch eine Aktennotiz des damaligen Personalverantwortlichen gefunden worden, der Priester habe "homosexuelles Verhalten Jugendlichen gegenüber" gezeigt. Damals sei es bei Ermahnungen geblieben. Altbischof Joachim Wanke übernahm dafür öffentlich die Verantwortung. In einem Hirtenbrief räumte er Fehler ein.

Aufarbeitungskommission in jedem Bistum

Weil bislang nicht alle Bistümer so transparente aufklärten, wird es nun in jedem Bistum eine Aufarbeitungskommission geben. Auch in Erfurt. Am Donnerstag wird bekanntgegeben, wer dazu gehört, und was die Kommission leisten soll.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. März 2021 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

Deutscher_Patriot vor 13 Wochen

Die katholische Kirche mit der Aufklärung sexuellen Missbrauchs zu betrauen, hat was wie die Mafia mit der Aufklärung organisierten Verbrechens zu beauftragen.
Würden die Täter keine putzigen Hütchen tragen und kein religiöses Brimborium um ihre Straftaten veranstalten, hätte man die ganze Bagage schon längst als Kinderschänder-Ring verurteilt.
Merke: Wenn es im oder mit dem Internet passiert, ist es böse. Wenn es im Kirchenumfeld passiert, ist es nur bedauerlich, und die Täter dürfen ihre eigenen Straftaten selber "aufklären" und sich entschuldigen.

knarf2 vor 13 Wochen

Man kann sich nur noch wundern wie der Staat sich
das Heft des handelns aus der Hand nehmen läßt.Genau das Gleiche scheint es beim Handeln gegen die Demokratiegegner zu sein

Matthi vor 13 Wochen

Das jetzt erst im Bistum Erfurt eine Kommission eingesetzt wird ist schon ein bisschen spät, das Thema ist ja seit Jahren in der Presse. Ich persönlich kann es nicht verstehen wenn Geistliche die einem Missbrauch gemacht haben nur versetzt werden oder nichts passiert weil es juristisch verjährt ist. Aber seien wir mal ehrlich Missbrauchsfälle gibt es auch in der Evangelischen Kirche, bei Kinder betreuenden Einrichtungen, Sportvereinen usw. der Gesetzgeber müsste es festschreiben das alle Sexuelle Straftaten in Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen im und für alle Zeiten im Führungszeugnis vermerkt werden. Es muss auch klar geregelt werden das ein Qualifiziertes Führungszeugnis vorzulegen ist wenn man sich auf eine Stelle mit Kinder und Jugend Betreuung bewirbt. Vielleicht sollte die Regierung mal darüber nachdenken eine klare Trennung zwischen Staat und Kirche zu machen wie es in der DDR war.

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