Unterricht per App Missklänge und Zwischentöne: Musikschule Erfurt stellt Online-Unterricht in Aussicht

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Eine Petition forderte endlich Online-Unterricht an der städtischen Musikschule Erfurt. Kommende Woche läuft sie aus. Auch wenn Einzelunterricht nun wieder in Präsenz möglich ist und die Ensembles bald starten können, wollten wir wissen: Geht es voran?

Musikpädagogin Sophia Grest spielt während einer Unterrichtsstunde an der städtischen Musikschule auf ihrem Cello und trägt dabei eine Mund-Nasen-Bedeckung. Weil sie als Bildungseinrichtungen eingestuft werden, dürfen die mehr als 70 öffentlichen und gemeinnützigen Musikschulen in Niedersachsen trotz des Teil-Lockdowns im November offen bleiben. Beim Musizieren müssen Lehrende und Schüler eine Mund-Nase-Bedeckung tragen.
Endlich wieder Unterricht: Die Maske bleibt den Musikschülern und -lehrern erhalten. Bildrechte: dpa

Sieben Monate lang war die Erfurter Musikschule dicht. Sieben Monate, in denen manche Kinder gar nicht geübt haben. Andere haben sich Videos bei Youtube angesehen. Manche haben sich mit Handys oder Diktiergeräten aufgenommen, andere mit den Lehrern telefoniert. Nur Online-Unterricht hatte von den Musikschülern der städtischen Musikschule Erfurt keiner.

Musikschule in der Turniergasse, Erfurt
War sieben Monate dicht: Die Erfurter Musikschule. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Das ärgert eine Mutter, mit der ich spreche. Ein Bekannter hat den Kontakt vermittelt. Sie hat zwei Kinder an der städtischen Musikschule und das schon viele Jahre. Ihr Sohn und sie lernen aber auch an einer freien Musikschule und haben so den direkten Vergleich. Sie möchte ihren Namen nicht sagen. Aber das was sie mir erzählt, klingt nachvollziehbar und glaubwürdig. Sie versucht zu verstehen, warum es an einer Schule klappt und an der anderen nicht. Sie möchte die Gründe erfahren, sie möchte erzählen, wie es ihr und den Kindern ging und sie hofft, dass sich etwas ändert. Anders als an der städtischen Musikschule gab es "an der freien Musikschule von Tag eins des Lockdowns Online-Unterricht", erzählt sie.

Sicher, das hat technisch mal mehr und mal weniger gut funktioniert anfangs. Aber man hat einfach gemerkt, dass da ein ganz anderes Engagement dahintersteckt.

Mutter zweier Musikschüler aus Erfurt

Sie hatte das Gefühl, dass es der (freien) Schule und den Lehrern wichtig ist, dass der Kontakt zu den Schülern bestehen bleibt. Wohlwissend, dass es eben auch persönliche Kontakte braucht, damit die Motivation eines jungen Menschen aufrechterhalten bleibt. Daher war sie "sehr unzufrieden und auch sehr verärgert, dass an der städtischen Musikschule anders als versprochen eben nichts passierte."

Mann am Schlagzeug unterrichtet online per Videokonferenz 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Corona-Zeiten herrscht Stille in Musikschulen. Einige Schulen und Lehrer verlegen den Unterricht kurzerhand ins Internet. Ein hundertprozentiger Ersatz ist das aber nicht.

So 29.03.2020 15:00Uhr 01:02 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/video-corona-musikschule-online-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Denn schon im ersten Lockdown, so erzählt sie, habe sie einen Brief bekommen, der erklärte: "Die städtische Musikschule bietet Online-Unterricht an". Das war im April 2020. Weiter sollte sie Datenschutz-Erklärungen unterschreiben, was sie alles gemacht habe. Doch von Online-Unterricht keine Spur. Kurz darauf war wieder Unterricht in der Musikschule möglich, das Thema damit offenbar vom Tisch. Doch dann kam die zweite Welle und wieder war die Musikschule zu. Von Online-Unterricht weiterhin keine Spur.

Ein Junge übt vor seinem Computer mit einer Geige
Viele Musikschulen boten Online-Unterricht an. Bildrechte: dpa

Per Diktiergerät zum Lehrer

Die Lehrer sollten zwar Kontakt zu den Schülern halten, aber eben nicht per Zoom, Skype oder WhatsApp. Telefonieren, erzählt die Mutter, war erlaubt. Gitarren- oder Klavierunterricht sah dann beispielsweise im zweiten Lockdown so aus: Wöchentlich oder mit etwas größerem Abstand gab es Telefontermine mit der Instrumental-Lehrerin. Dabei verteilte sie Hausaufgaben. Manchmal sollten die Kinder Aufnahmen machen und schicken.

Für den Klavierunterricht lief das immer über meinen Whatsapp-Account. Mein Sohn hat mir also seine vom Diktiergerät aufgenommenen Mitschnitte geschickt. Ich habe sie dann an die Lehrerin weitergeschickt. Sie hat sie sich angehört und mir ihre Korrekturempfehlungen wieder zurückgeschickt. Und die habe ich dann an meinen Sohn weitergeleitet. Direkten Kontakt hatten beide ein halbes Jahr lang nicht.

Mutter zweier Musikschüler aus Erfurt

Musikschulunterricht via Skype
Es wurden viele Videos und Aufnahmen hin- und hergeschickt. Bildrechte: IMAGO / Gutschalk

Dass sie das als "sehr unbefriedigend" beschreibt, kann ich verstehen. Und so unterschreibt auch sie die Petition, die Online-Unterricht an der Erfurter Musikschule fordert. Von bisher rund 700 Unterzeichnern haben über 200 einen Kommentar hinterlassen. Darunter sind stadtbekannte Musiker in hohen Positionen. Wer die Kommentare liest, merkt die Unzufriedenheit deutlich.

Musikschule, Innenhof in der Turniergasse, Erfurt
Innenhof der Musikschule Erfurt in der Turniergasse. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Endlich wieder Unterricht

Auch wenn die Mutter unzufrieden damit ist, dass es keinen Online-Unterricht gab, so findet sie die Instrumental-Lehrer "sehr kompetent" und wollte die Kinder nach all den vielen Jahren nicht bei der städtischen Musikschule abmelden. Schließlich will der Sohn eine Karriere als Musiker starten. Was er nach der ersten Stunde Präsenzunterricht in dieser Woche erzählt, lässt die Mutter aber (wieder) mit dem Kopf schütteln:

Nach der neuen Verordnung dürfen auch die Ensembles wieder spielen. Meine Kinder spielen in einem. Als mein Sohn den Orchesterleiter fragte, wann es losgeht, erklärte der nur: Es ist in Planung. Aber die Inzidenzen sind doch nicht über Nacht gesunken. Da hätte man doch längst was in der Schublade haben können, sobald die Öffnung da ist. Darüber ärgere ich mich.

Mutter zweier Musikschüler aus Erfurt

Zwei Jungen spielen auf ihren Gitarren, um sie herum Mikrofone.
Die Ensembles dürfen unter Auflagen auch wieder spielen. Bildrechte: MDR/Beatrix Henger

Was den Online-Unterricht betrifft, so gibt es Hoffnung. Denn der Sohn erzählt davon, dass die Lehrer nun Tablets bekommen sollen mit einer App für Online-Unterricht.

Da weiß ich nicht, ob die die ganze Zeit geschlafen haben oder warum jetzt - nach mehr als einem halben Jahr - erst der Online-Unterricht kommt.

Mutter zweier Musikschüler aus Erfurt

Sie kritisiert, dass von Seiten der städtischen Musikschule "keiner kommuniziert oder mal einen Brief schickt". Man wisse als Außenstehender nicht, was da alles dahintersteckt und "warum die Mühlen in der Verwaltung langsamer mahlen als etwa in einer privaten Musikschule."

Verwaltung dauert

Diese Vergleiche kann Bürgermeisterin Anke Hofmann-Domke gar nicht leiden. Als Dezernentin für Bildung, Jugend und Soziales fällt die städtische Musikschule in ihren Zuständigkeitsbereich. Ein Leben ohne Musik ist für sie "nicht vorstellbar", erzählt sie mir am Telefon.

Sie selbst hat Gitarre spielen von ihrem Vater gelernt. Sobald irgendwo ein Musikschulkonzert in Erfurt stattfindet, ist sie nach eigenen Angaben "am Start".  Als ich sie frage, ob die Stadt den Online-Unterricht "verpennt" hat und damit erst nach dem zweiten Lockdown starten will, sagt sie:

Wir haben es dahingehend verpennt, dass wir Angebote hätten vorbereiten müssen. Aber niemand konnte in die Glaskugel gucken und wissen, wann wieder Musikschul-Unterricht stattfinden kann.

Anke Hofmann-Domke Bürgermeisterin Erfurt und Dezernentin Soziales, Bildung, Jugend und Gesundheit

Bürgermeisterin Erfurt Anke Hofmann-Dohme
Liegt die Musikschule nach eigenen Angaben am Herzen: Bürgermeisterin Anke Hofmann-Domke Bildrechte: MDR/Stadtverwaltung Erfurt

Und sie erklärt, als der erste Lockdown kam, standen die Musikschulen nicht auf höchster Priorität. Andere Sachen waren wichtiger und eine Umfrage zum Online-Unterricht unter Eltern und Schüler habe ergeben, dass nur zehn Prozent der Befragten solche Angebote wünschten.

Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Schließzeit so lange dauern wird.

Anke Hofmann-Domke Bürgermeisterin Erfurt und Dezernentin Soziales, Bildung, Jugend und Gesundheit

Sieben Monate war die Musikschule dicht. Unter Hygieneauflagen, zum Beispiel mit Trennwänden, kann wieder Unterricht stattfinden. Chorproben sind seit dieser Woche wieder erlaubt. Dass alles habe aber nicht die Stadt entschieden. Hofmann-Domke beruft sich auf die Landesverordnungen, die die Freizeit aller Bürger eingeschränkt haben - eben auch die der Musikschüler. Sie selbst kann den Unmut der Eltern verstehen, erklärt aber, es gab keine rechtliche Basis für den Online-Unterricht - bisher.

Rechtliche und technische Basis

Jetzt sei das anders. Die Bürgermeisterin erklärt mir, dass Online-Unterricht vor der Pandemie nicht vorgesehen war. Sie spricht davon, dass viele Lehrer an anderen Schulen "bestimmte digitale Medien" nutzten, "ohne die Datenschutzgrundlagen abzustimmen" und dadurch "Ärger" riskiert oder bekommen hätten.

Zwei Mal habe der Bildungsausschuss über die Satzungsänderung der Musikschule beraten. Die Änderung sei "2020 auf den Weg gebracht" worden. Im Mai 2021 habe der Stadtrat sie beschlossen. In der dritten Juni-Woche tritt sie in Kraft. Dann ist die rechtliche Grundlage für den Online-Musikschulunterricht geschaffen. Das ist es wohl, dass die Mutter als "Mühlen der Verwaltung" bezeichnet. Bei der Bürgermeisterin heißt es: "Extra Gebührentatbestand".

Gebühren Musikschule Erfurt Für den Online-Unterricht fallen Gebühren in Höhe von 75 Prozent der Gebühr der gleichen Unterrichtform im Präsenzunterricht an. Beispielsweise zahlen Eltern ohne Ermäßigungen für den instrumentalen und vokalen Einzelunterricht im Hauptfach für 30 Minuten Unterricht je Unterrichtswoche im Präsenz-Unterricht 330 Euro pro Schulhabjahr. Der Online-Unterricht kostet 247,50 Euro. Für 45 Minuten Unterricht im Hauptfach beträgt die Online-Gebühr 337,50 Euro statt 450 Euro im Präsenzunterricht. Diese Gebühren gelten auch für die Unterrichtung in der studienvorbereitenden Ausbildung für 90 Minuten Unterricht je Unterrichtswoche.

Ein Notenblatt mit handschriftlichen Eintragungen
Telefon und Papier werden bald durch Video und Tablet getauscht - auf Wunsch. Bildrechte: imago images/Gerhard Leber

Wer soll wie und worauf unterrichten?

Ein Gespräch in dieser Woche habe ergeben, viele Lehrer seien bereit, Online-Unterricht anzubieten. Auch wenn nicht jeder "technikaffin" sei, so wolle sich "ein Großteil auf Online-Unterricht einlassen und Schulungen wahrnehmen", erzählt Hofmann-Domke. Dafür brauche es nun Tablets und eine App. 50 iPads seien bestellt, der Vertrag mit der sogenannten iMikel-App liege zur Unterschrift bereit.

Musikschul-App

Die professionelle "Musikschul-Verwaltungslösung" wird vom Landes- und Bundesverband der Musikschulen empfohlen. Daten werden automatisch gesichert, alles ist passwortgeschützt, Daten werden ausschließlich verschlüsselt zwischen Server und Client übertragen, erklärt die Bürgermeisterin. Seit "über einem Jahr" sei Erfurt mit den Entwicklern im Gespräch, um die "Erfurter Bedürfnisse" einzupflegen. Was das genau heißt und was das alles kostet, ist noch nicht ganz klar. Für die Familien aber wird es eine Basis-Version der App geben und eine, die einmalig 1,99 Euro kostet, etwa um zeitversetztes Übertragen auszuschalten.

Es ist unser Anspruch, ab 1. August die Geräte und den Vertrag für die App zu haben, damit Online-Unterricht stattfinden kann. Hoffen wir, dass mit Beginn des neuen Schuljahres technisch alles läuft. Wir wollen es nicht nur in Pandemiezeiten, sondern unterstützend im Einzelunterricht anbieten. Für die vierte Welle sind wir damit aber gewappnet.

Anke Hofmann-Domke Bürgermeisterin Erfurt und Dezernentin Soziales, Bildung, Jugend und Gesundheit

Zoom, WhatsApp, Skype und Co. seien mit den Servern im Ausland zu unsicher für die Stadtverwaltung, erklärt sie. Auch wenn sie privat mit ihrer Familie so in Kontakt sei und "das ein oder andere Rennsteiglied gesungen" habe, sei das eben Privatvergnügen, das andere kommunal. Es gebe Regeln, etwa: Dienstliche Angelegenheiten werden über dienstliche Geräte gemacht.

Schüler und Lehrer freuen sich auf das neue Schuljahr

Hofmann-Dohmkes Vorfreude auf Konzerte ist groß. Ende Juni soll es ein erstes geben. Mit Kindern, die monatelang nicht geprobt haben. Sie erklärt: "Wir wissen, dass durch den fehlenden Unterricht Wunden geschlagen wurden. Wir werden die Auswirkungen noch in Jahren spüren. Nun wollen wir alles möglich machen".

Bühne der Musikschule im Innenhof der Turniergasse, Erfurt
Die Bühne im Musikschul-Hof in Erfurt soll bald wieder bespielt werden. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Mit diesen "Wunden" meint sie zum Beispiel falsch gesetzte Finger auf Tasten, Knöpfen, Saiten. Das müssten die Lehrer nun "mit sehr viel Kraft" wieder ausbügeln.

Unterricht am Telefon geht gar nicht

Bei meiner Recherche spreche ich mit vielen Musikern. Sie erzählen offen, doch wenn es darum geht, Namen zu nennen, wird der Kreis immer kleiner. Über viele Monate hat sich Frust angesammelt, ist ein Teil über die Petition öffentlich geworden, gibt es Ängste, wie es weitergeht.

Eine Lehrkraft, die das Thema "aus tiefsten Herzen" bewegt, spricht mit mir. Auch wir einigen uns drauf, dass ihr oder sein Name "niemals nirgends zu lesen" ist. Die Befürchtung: Das wäre möglicherweise das Ende der Arbeit für die Musikschule. In dieser Woche ging es wieder los mit Präsenzunterricht, was die Lehrerinnen und Lehrer freut. Denn Unterricht am Telefon, dass sei "Quatsch". Schon beim Einstimmen der Instrumente fange es an, bei der Haltung gehe es weiter.

Kind mit Geige
Bildrechte: Colourbox.de

Online wäre das schon besser gegangen. Das hätte Unterricht an anderen Schulen gezeigt und Telefonate ergeben, die die Lehrkraft mit ihr bekannten Musikern in ganz Thüringen geführt habe. Auch deshalb sei er oder sie Unterzeichner der Petition. Und noch etwas anderes sei ein Grund gewesen: In der Pandemie hätten sich von den einst 2.500 Schülern viele abgemeldet.

Zwischen 400 und 600 seien zum Schuljahresende im Juli "normal" erklärt Anke Hofmann-Domke. Aber: So viele sind es schon jetzt und es haben sich kaum neue Schüler angemeldet. Das ist anders als sonst. Und so vermutet der oder die Lehrerin, dass bei weniger Schülern bald auch weniger Unterrichtende gebraucht werden. Also auch hier spielt die Musik.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 05. Juni 2021 | 07:20 Uhr

1 Kommentar

goffman vor 14 Wochen

Das ist echt schade.
Musikalische Bildung empfinde ich als ebenso wichtig wie Mathe und Deutsch.
Ich hoffe, dass hier Ideen entwickelt und umgesetzt werden, wie Musik und Kultur gefördert werden können. (Vor allem der Nachwuchs.) Die Wirtschaft wird sich früher oder später erholen - da hängen viele finanzielle Interessen drann. Kulturarmut ist die größere Bedrohung.

Mehr aus der Region Erfurt - Arnstadt

Mehr aus Thüringen