Finanzgeschäfte Panama-Papers: Steuerfahnder durchsuchen bei Razzia Immobilien in Thüringen

In Thüringen und weiteren Bundesländern haben Steuerfahnder am Dienstag Wohn- und Geschäftsräume durchsucht - im Zusammenhang mit den Panama Papers. Das Verfahren läuft bei der Staatsanwaltschaft Erfurt. Es geht unter anderem um den Kauf und Verkauf eines riesigen Grundstücks in Erfurt aus Zeiten des DDR-Kohlehandels. Die Spuren führen zu einer Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands - zu finden in den Panama-Akten.

Die Briefkastenanlage an der Adresse im Erfurter Norden sieht nicht eben vertrauenserweckend aus. An einem alten schäbigen Zaun reihen sich die Briefschlitze auf. Auf einem steht ein merkwürdiger Firmenname mit einer exotischen Adresse. Barden Asset Management Limited mit Sitz im Akara Building in der Castro Street 24 in Wickhams Cay auf Tortola. Eine Insel, die zu den British Virgin Islands in der Karibik gehört.

Ein Briefkasten in Erfurt mit der Aufschrift Barden Asset Management LIMITD, Akara Buildung, Tortola
Briefkasten an dem Grundstück in Erfurt mit der Firmenaufschrift. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer den Namen dieser Firma in die Internetsuche eingibt, stößt mit wenigen Klicks auf einen der weltweit größten Steuerskandale, dem Datenleak der öffentlich gewordenen Steuerunterlagen Panama Papers. Denn in den Datenbanken der sogenannten Offshoreleaks findet sich der Name der Firma.

Die Skyline von Panama City
Die Skyline von Panama City, Sitz der Rechtsanwaltskanzlei Mossack Fonseca. Bildrechte: Colourbox.de

Seit 2006 in Thüringen aktiv

Die Barden Asset Management hat aber nicht nur einen Briefkasten an dieser Adresse in Erfurt, sie ist in Thüringen seit 2006 auch aktiv. MDR THÜRINGEN liegt ein internes Geschäftsaktenkonvolut vor. Daraus geht hervor, dass die Firma in ein fragwürdiges Grundstücksgeschäft verwickelt sein könnte, das offenbar auch ein Grund für die seit Dienstagmorgen laufenden bundesweiten Steuerrazzien ist.

Die Spuren dieses Geschäftes führen zurück in die Zeiten der Deutschen Einheit und der Zerschlagung von DDR-Betrieben. Denn die Fläche mit über 112.000 Quadratmetern Größe war einer der größten Lagerplätze des VEB Kohlehandels im damaligen Bezirk Erfurt. Nach der Wende wurden Teile dieses DDR-Kombinats an den Energieriesen Rheinbraun AG veräußert, der später RWE wurde. Darunter auch das Grundstück in Erfurt.

Briefkastenfirma kauft von Rheinbraun AG

Über Jahre wurde aus der Fläche mehr und mehr eine Brache. Es wurde versucht, Altlasten aus dem Grund zu entsorgen. Auf dem Gelände befinden sich nur noch einige wenige Gebäude, ansonsten ist das Grundstück ungenutzt. Im Juli 2006 kommt Bewegung in die Sache: Die Rheinbraun-Tochter Rheinbraun-Brennstoff GmbH mit Sitz in Köln verkauft das gesamte Gelände - und zwar an die Barden Asset Management mit Sitz auf den British Virgin Islands. Diese war zuvor mit Hilfe der Panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca im Juni 2003 in das Handelsregister der British Virgin Islands eingetragen worden. Das geht aus den internen Akten hervor, die MDR THÜRINGEN vorliegen. Der Kaufpreis damals, den Barden für das Grundstück zahlte: 20.000 Euro. 

Ein Dokument der Panama-Papers-Kanzlei Mossack Fonseca.
In diesem Dokument bestätigt die Kanzlei Mossack Fonseca 2006, drei Jahre zuvor die Firma Barden Asset Management gegründet zu haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ex-Rheinbraun-Manager offenbar verwickelt

Zwölf Jahre später wechselt das Grundstück erneut den Besitzer. Mitte Mai 2018 wird es erneut verkauft, an eine Firma in Nordrhein-Westfalen. Der Kaufpreis für die weiterhin ungenutzte Brache: diesmal 1,2 Millionen Euro. Dieser Deal hat inzwischen Steuerfahnder und Staatsanwälte aufmerksam werden lassen. Auch Anfragen des MDR bei verschiedenen Behörden zu den Geschäften um die Firma aus den Panama Papers hatten die Ermittlungen in Gang gebracht.

Denn: An den beiden Deals war immer ein und dieselbe Person beteiligt. Der ehemalige Rheinbraun-Manager Wolfgang von W. (Name geändert), der laut internen Unterlagen für die Verwaltung der Rheinbraun-Immobilien in den ostdeutschen Ländern zuständig war. Ein 55-jähriger Adelsspross, besonders auf dem Parkett der High Society in Berlin zu Hause. Von W. stand laut dem Kaufvertrag von 2006 auf der Verkäuferseite, gemeinsam mit einem ebenfalls für die Rheinbraun-Immobilien zuständigen Manager aus Chemnitz. Die Barden Asset Management hatte für das Geschäft damals einen Anwalt aus Sachsen bevollmächtigt. Doch der hatte merkwürdigerweise seine Expertise laut Eigendarstellung eher im Sozial- und Arbeitsrecht als im Bereich Immobilienrecht.

Wertsteigerung macht Ermittler misstrauisch

Bei dem 2018 geschlossen Grundstücksdeal firmiert Wolfgang von W. als Geschäftsführer des Unternehmens in Nordrhein-Westfalen, welches das Grundstück für 1,2 Millionen Euro gekauft hat. Diese plötzliche Wertsteigerung von 20.000 Euro auf 1,2 Millionen Euro für eine Brache in Erfurt hat die Ermittler misstrauisch werden lassen. Am Dienstag durchsuchten nun Steuerfahnder bundesweit Wohn- und Geschäftsräume, darunter in Erfurt, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg.

Die Ermittler gehen unter anderem dem Verdacht nach, dass Wolfgang von W. auch hinter der Barden Asset Management stehen könnte und über diese Briefkastenfirma aus den Panama Papers den Grundstücksdeal zu seinen Gunsten verschleiert haben könnte - also die 112.000 Quadratmeter in seinen Besitz gelangen sollten. Dafür könnte unter anderem sprechen, dass von W. im Jahr 2015 gegenüber dem Finanzamt Erfurt als Bevollmächtigter der Barden Asset Management aufgetreten war. Die schuldete damals dem Finanzamt einige Tausend Euro an verschiedenen Steuern. Das Geld wurde beglichen, die Steuerschulden getilgt und als Bevollmächtigter in den Unterlagen von W. benannt. Was insofern die Frage aufwirft: Was hatte der Rheinbraun-Manager von W. knapp zehn Jahre nach dem Grundstücksgeschäft mit dem Käufer Barden Asset Management noch zu tun und warum wurde er von diesem als Bevollmächtigter benannt?

Scheinrechnung für mutmaßliche Steuerhinterziehung

Die Ermittler gehen auch dem Verdacht nach, dass ein Firmengeflecht um Unternehmer von W. der Barden Asset Management Scheinrechnungen gestellt haben könnte. Also Gelder gezahlt wurden, für die es keine Leistungen gab. Diese Ausgaben könnten, so der Verdacht, zur Verkürzung und Minderung von Steuern genutzt worden sein. Was vor dem Gesetz eine Steuerhinterziehung bedeuten würde, wenn sich der Verdacht bestätigen sollte.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Erfurt bestätigte dem MDR die Ermittlungen und die aktuell laufenden Durchsuchungen in vier Bundesländern. Es gehe um den Vorwurf der Hinterziehung von Körperschaft-, Gewerbe- um Umsatzsteuer zwischen 2010 und 2018. Weitere Einzelheiten wollte er mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht nennen.

Steuerkanzlei in Berlin soll unterstützt haben

Bei diesen Geschäften könnte eine Steuerkanzlei aus Berlin behilflich gewesen sein, bei der die Fahnder am Dienstag auch angeklopft haben. Sie taucht unter anderem in dem Schriftverkehr zwischen dem Finanzamt Erfurt und der Barden Asset Management 2015 auf. Neben der Kanzlei wurden auch Räume bei einem Immobilienberater mit Sitz in Brandenburg, einer Hausverwaltungsfirma in Erfurt und weiteren Firmen im Raum Berlin durchsucht. Wolfgang von W. reagierte auf eine Anfrage bisher noch nicht.

MDR (seg)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. April 2022 | 19:00 Uhr

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